Brexit: Wie steht es um Großbritanniens Außenhandel?

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6 Monate nach dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt knüpft London neue Verbindungen zu Drittstaaten. (Foto: Zoltan Gabor / Shutterstock.com)

Seit gut einem halben Jahr sind die Briten nun raus. Raus aus der EU – und raus aus dem Binnenmarkt. Das Verhältnis zur Staatengemeinschaft ist angespannt, nicht alle Konflikte konnten bislang gelöst werden. Auch in Sachen Handel tut man sich schwer mit langfristig tragfähigen Lösungen, wenngleich nach jahrelangen, zähen Verhandlungen letztlich ein Handelsabkommen von beiden Seiten unterzeichnet wurde.

Brexit-Befürworter hatten im Vorfeld der Abspaltung stets betont, Großbritannien werde seine eigenen – besseren – Handelsabkommen mit anderen Staaten schließen und wirtschaftlich vom EU-Austritt profitieren. Tatsächlich gestalten sich die Verhandlungen eher schwierig und zäh, die Verhandlungsposition des Königreichs ist wesentlich schwächer als die eines großen Staatenverbundes wie der Europäischen Union mit ihren 27 Mitgliedern.

Drei Handelsabkommen vor Unterzeichnung

Dennoch kann man auch in London inzwischen erste Erfolge verzeichnen. So haben sich Unterhändler der Regierung zuletzt mit Norwegen, Island und Liechtenstein auf Außenhandelsverträge geeinigt, eine Unterzeichnung der Beschlüsse ist im Juli geplant.

Unterdessen geht der Handel zwischen Großbritannien und der EU stark zurück. Im Vergleich zum Auftaktquartal 2018, das Statistiker als letzten „normalen“ Referenzzeitraum heranziehen, ist der wechselseitige Handel über den Ärmelkanal um fast ein Viertel zurückgegangen – mit dem Rest der Welt verzeichnete Großbritannien in den drei Monaten von Januar bis Ende März 2021 lediglich einen Rückgang um 0,8 Prozent im Verhältnis zu 2018. Unterm Strich hat das Vereinigte Königreich damit im ersten Quartal dieses Jahres zum ersten Mal mehr Handel mit außereuropäischen Ländern betrieben als mit Staaten der EU.

Mit den USA geht es nicht voran

Ein großes Projekt befindet sich allerdings weiterhin in der Warteschleife: Mit den USA konnten die Briten bislang noch keinen Handelsvertrag abschließen. Zwar haben beide Regierungen die wechselseitigen Strafzölle nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU ausgesetzt. Doch die Verhandlungen zur Zukunftsgestaltung des transatlantischen Außenhandels kommen kaum voran – und genießen im Kabinett Biden offenbar auch keine gesteigerte Priorität, sehr zum Ärger der Verantwortlichen in London.

Mit zunehmender Bedeutungslosigkeit sieht sich die Metropole auch in Sachen Finanzmarkt konfrontiert: Lange Jahre hatte sich London als eines der größten, wichtigsten und umsatzstärksten Finanzzentren Europas und auch weltweit etabliert, doch mit dem EU-Austritt sind etliche Großbanken und Finanzunternehmen umgezogen. Sie betreiben ihr Europageschäft nun vom Kontinent aus, zu den Profiteuren zählen nicht zuletzt die Börsenplätze in Amsterdam, Paris und Frankfurt am Main.

Schweiz beendet Verhandlungen mit Brüssel

Mit einem geplatzten Handelsabkommen sieht man sich dieser Tage allerdings auch in Brüssel konfrontiert: Nach rund sieben Jahre andauernden Verhandlungen hat die Schweiz die Gespräche für gescheitert erklärt und beendet. Damit wird es nun bis auf weiteres kein umfassendes bilaterales Wirtschaftsabkommen der EU mit den Eidgenossen geben.

Die Schweiz, deren Staatsgebiet von der EU umschlossen ist, steht damit vor einem Problem – zumindest der exportorientierte Teil der Wirtschaft: Denn die EU ist neben den USA einer der wichtigsten Außenhandelspartner der Schweiz. Auf Platz 3 folgt Großbritannien.

Zwischen dem Kleinstaat, der seit jeher seine Unabhängigkeit und Neutralität hochhält, und den nationalstolzen Briten könnte es daher nun zu einer noch stärkeren Annäherung kommen – beide eint immerhin eine gewisse Skepsis gegenüber dem Wirtschaftsriesen EU.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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