Britischen Firmen fehlen EU-Arbeitskräfte

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Logistik, Gastgewerbe, Gesundheitswesen: Der Abschied zahlreicher EU-Bürger vom britischen Arbeitsmarkt hat große Lücken gerissen. (Foto: Zoltan Gabor / Shutterstock.com)

Vor fast genau fünf Jahren stimmten die Briten mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union. Es folgten mehrere Regierungswechsel in London sowie jahrelange, zähe Verhandlungen über das Prozedere und die Folgen des Austritts, der letztlich Anfang 2020 vollzogen wurde.

Richtig spürbar aber werden die Brexit-Effekte erst seit Beginn dieses Jahres, als eine letzte Übergangsfrist ablief und Großbritannien sich auch aus dem EU-Binnenmarkt verabschiedete. Kilometerlange Lkw-Staus rund um den Jahreswechsel auf beiden Seiten des Ärmelkanals sorgten für Schlagzeilen.

Irische Außengrenze: Dauerhaftes Provisorium?

Ein halbes Jahr später hat sich die Lage an den Grenzübergängen beruhigt, doch die Probleme sind längst nicht gelöst, sie haben sich lediglich verschoben. Nach wie vor ist man unglücklich über die Einrichtung einer de-facto-Seegrenze zwischen der britischen und der irischen Insel, um Grenzkontrollen zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland zu vermeiden.

Anstelle einer harten EU-Außengrenze, die frühere Konflikte auf der Insel wieder aufflammen und eskalieren lassen könnte, entschied man sich für die imaginäre Grenze auf hoher See – mit dem Effekt, dass Nordiren sich nun als „Briten zweiter Klasse“ fühlen, da auch sie sich nicht mehr so problemlos frei innerhalb des Königreichs bewegen können, wie sie es gewohnt waren. Da jedoch in jahrelangen Verhandlungen keine andere Lösung gefunden werden konnte, droht das Provisorium zur Dauereinrichtung zu werden.

Osteuropäische Arbeitskräfte fehlen auf britischem Arbeitsmarkt

Akut belastet die Briten noch ein ganz anderes Phänomen: Ein Kernanliegen der Brexit-Befürworter war unter anderem, die massenhafte Einwanderung zu unterbinden und Migration in Richtung Großbritannien möglichst zu erschweren. Die Forderungen wurden besonders laut, seit auch Arbeitskräfte aus osteuropäischen Ländern von der Freizügigkeit innerhalb der EU profitierten.

Bürger aus den baltischen Staaten, Polen oder Rumänien strebten gen Westen auf der Suche nach Arbeit – und wurden fündig: im Gesundheitswesen, im Pflegebereich, im Gastronomie- und Touristiksektor, in der Logistik. Und genau dort fehlen sie jetzt.

In Sachen Unterbindung von Arbeitsmigration hat der Brexit seine erklärten Ziele nämlich durchaus erreicht. Etliche Osteuropäer, aber auch andere Arbeitskräfte verließen das Königreich. Allein die Hauptstadt London ist in Folge des EU-Austritts um rund 700.000 Einwohner geschrumpft. Neue kommen kaum nach, oftmals scheitern sie an den hochgeschraubten Hürden für die Erteilung der nun notwendigen Visa.

Britisches BIP schrumpft stärker als gedacht

Das belastet zunehmend auch die britische Wirtschaft, die im ersten Quartal 2021 noch etwas stärker geschrumpft ist als zunächst angenommen. Gegenüber dem vorangegangenen Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt im Zeitraum von Januar bis Ende März um 1,6 Prozent, wie die britische Statistikbehörde mitteilte. In einer ersten Schätzung war man zuvor lediglich von einem Rückgang um 1,5 Prozent ausgegangen, nachdem die Wirtschaftskraft im Schlussquartal 2020 noch um 1,3 Prozentpunkte zugelegt hatte.

Der neuerliche Rückgang ist dabei nicht allein dem Abschied vom EU-Binnenmarkt geschuldet, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil durch die Pandemieentwicklung begründet. Dennoch warnen Wirtschaftsverbände vor den potenziell erheblichen Auswirkungen des Arbeitskräftemangels, die sich in den kommenden Wochen und Monaten ihrer Einschätzung nach noch verschärfen dürften.

Drohen bald leere Supermarktregale?

So fehlt es etwa an osteuropäischen Lkw-Fahrern, die Waren für die Supermärkte ins Land bringen. Der heimische Arbeitsmarkt ist praktisch leergefegt, es braucht die zusätzlichen Kräfte aus dem Ausland, andernfalls drohen schon bald Lieferengpässe und leere Lebensmittelregale. Branchenvertretern zufolge fehlen allein im Speditionsbereich 100.000 Kraftfahrer. Im Gastgewerbe dürfte sich die Lage spätestens mit den für Mitte Juli erwarteten Lockerungen der Corona-Beschränkungen ebenfalls drastisch verschärfen.

Wirtschaftsverbände fordern daher eine Vereinfachung der Verfahren zur Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte, beispielsweise durch eine Auflistung von Berufen und Arbeitsbereichen, in denen der Personalmangel sich besonders stark auswirkt. Das allerdings würde gerade ein Kernelement des Brexits konterkarieren, der erklärtermaßen die Einwanderung sowie Teilhabe am britischen Arbeitsmarkt für Nicht-Briten so unattraktiv wie möglich machen sollte.

EU-Bürger müssen Aufenthaltsstatus neu beantragen

Brenzlig wird es auch für zahlreiche EU-Bürger, die seit Langem ihren Hauptwohnsitz in Großbritannien haben und sich bislang keine großen Gedanken über ihren Aufenthaltsstatus machen mussten. Zum morgigen 1. Juli läuft für sie die Antragsfrist ab, bis zu der sie sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen müssen – andernfalls droht ihnen auch nach jahrelangem legalem Aufenthalt im schlimmsten Fall die Ausweisung.

Betroffen sind davon rund 5 Millionen Personen. Sollte auch von ihnen ein substanzieller Anteil das Königreich kurz- oder mittelfristig verlassen (müssen), droht dem dortigen Arbeitsmarkt eine noch dramatischere Schieflage.

Die Nachwehen des Brexits, sie sind längst nicht ausgestanden. Mehr noch: Sie sind nicht einmal vollständig überschaubar.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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