(K)ein bisschen Brexit: Londons Alleingang bei der Impfstoffzulassung

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Großbritannien lässt als erstes Land Europas einen Corona-Impfstoff zu – und verkauft das wider besseres Wissen als Brexit-Erfolg. (Foto: JMiks / shutterstock.com)

Großbritannien vollzieht den Bruch mit der EU. Das ist zwar seit 2016 beschlossen und seit Januar 2020 auch Realität, so richtig spürbar wird es aber erst mit dem Ende der Übergangsphase zum anstehenden Jahreswechsel.

Aber Großbritannien wäre nicht Großbritannien, wenn es nicht auch vorher schon Sonderwege beschreiten würde. Und so kam die Meldung, dass die Briten als erstes europäisches Land dem Covid-19-Impfstoff von Biontech und Pfizer die Notfallzulassung erteilt haben, zwar einerseits überraschend, andererseits passt sie aber auch ins Bild.

Verheerendes Krisenmanagement

Der laxe Umgang mit der Pandemie durch Premier Boris Johnson – zwischenzeitlich selbst erkrankt und intensivmedizinisch versorgt – rächt sich nun. Die Infektions- und Todeszahlen im Königreich sind ausufernd, kaum ein anderes Land in Europa fällt durch derart desaströses Krisenmanagement auf wie Großbritannien.

Doch es ist nicht allein die gesundheitliche Lage auf der Insel, die nun für die Blitzzulassung gesorgt hat. Vielmehr geht es Johnson und seiner Regierung auch um ein innenpolitisches Signal: Seht her, wir machen unser eigenes Ding, unabhängig von Europa. Die zuständige EU-Behörde EMA prüft derzeit ebenfalls die Zulassung des Impfstoffs in einem beschleunigten Verfahren und könnte noch im Laufe des Monats grünes Licht geben.

Kein Vorsprung durch Brexit

Der zeitliche Vorsprung der Briten bleibt somit voraussichtlich überschaubar. Zudem ist die Mär vom Brexit-bedingt errungenen britischen Sonderweg nicht haltbar: Zum einen gelten auch in Großbritannien noch bis zum Ende der Übergangsfrist Ende des Jahres dieselben Standards wie im Rest der Union, zum anderen haben auch die EU-Staaten prinzipiell die Möglichkeit, im nationalen Alleingang Notfallzulassungen für Impfstoffe oder Arzneimittel auszustellen. Bis auf Ungarn, das nun auf den umstrittenen russischen Impfstoff zurückgreifen will, sind sich die EU-Länder jedoch einig, dass sie auf das gemeinsame Prüfverfahren der EMA setzen.

Epidemiologisch könnte Johnson seinem Land durch sein Vorpreschen einen Bärendienst erwiesen haben. Zwar zweifeln die meisten Beobachter trotz der beschleunigten Zulassung nicht an der Sicherheit des Wirkstoffes, doch Kritiker befürchten, dass die Notzulassung das Vertrauen der Bevölkerung in den Impfstoff schmälern könnte.

Missbrauch der Notfallzulassung?

Gerade dieses Vertrauen ist jedoch essenziell, damit sich möglichst viele Menschen zu einer Impfung entschließen und somit letztlich die Pandemie tatsächlich erfolgreich bekämpft werden kann. Zudem wird bemängelt, dass die Notfallzulassung ihrem Wesen nach für weitaus dramatischere Situationen gedacht ist, etwa für Erkrankungen mit noch höherer Sterblichkeitsrate, gegen die man sich anderweitig nicht schützen kann.

Im Fall von Covid-19 sind anderweitige Schutzmöglichkeiten aber durchaus gegeben, durch Abstandhalten, geeignete Atemschutzmasken und regelmäßiges Lüften kann das Risiko bereits erheblich reduziert werden. Außerdem sterben zwar viele Patienten an oder mit der Lungenkrankheit, die große Mehrheit übersteht die Infektion jedoch relativ unbeschadet.

Nach Einschätzung von Experten ist eine Notfallzulassung nach britischem Vorbild daher wenig sinnvoll – zumal der Mechanismus den Hersteller aus der Haftung entlässt. Sollten sich also im Nachhinein doch noch ungeahnte Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen bemerkbar machen, können Biontech und Pfizer zumindest von London dafür nicht in Regress genommen werden.

Britische Blitzzulassung – ein Brexit-Vorgeschmack?

Für Johnson zählt das alles nicht. Der Premier verkauft die britische Blitzzulassung bewusst als Erfolg gegen Europa und als rechtfertigenden Beleg für seinen harten Brexit-Kurs. Dabei lässt er außer Acht, dass die zügige Entwicklung des Impfstoffs nur möglich war durch internationale Zusammenarbeit: Die Mainzer Biotechnologiefirma Biontech kooperiert mit dem US-Pharmakonzern Pfizer, die ersten Impfdosen für Europa werden in Belgien produziert.

Es ist demnach gerade das grenzübergreifende Zusammenwirken, das dabei hilft, diese grenzübergreifende Pandemie in den Griff zu bekommen. Die selbstgewählte Isolation des Königreichs steht dem diametral gegenüber.

Der Londoner Triumph, er hat dies- und jenseits des Ärmelkanals ein Geschmäckle – und das ist womöglich erst das Vorgeschmäckle auf das, was noch folgt, wenn der Brexit zum Jahreswechsel erst einmal vollständig vollzogen ist.

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Brexit: Wie steht es um Großbritanniens Außenhandel?6 Monate nach dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt knüpft London neue Verbindungen zu Drittstaaten. › mehr lesen


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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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