Die Schweiz erlebt die schwerste Rezession seit 45 Jahren

Schweiz Alpen Fahne – Kavalenkava ado

Die Schweizer Wirtschaft leidet sehr unter der Corona-Krise, was zur stärksten Wirtschaftsabschwächung seit 45 Jahren führte. (Foto: Kavalenkava / Adobe Stock)

Die Schweizer Wirtschaft erlebt aktuell die stärkste Wirtschaftsabschwächung seit 45 Jahren, wie die Konjunkturforschungsstelle (KOF) in ihrem Prognose-Update von Ende August herausgestellt hat. Im 2. Quartal hat die Wirtschaft laut des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) einen Einbruch beim BIP von 8,2% erlebt. Die Corona-Pandemie hat fast die gesamte Wirtschaft hart getroffen, und ein Ende sei nicht in Sicht. Das Ende des Lockdowns und eine schrittweise Rückkehr zur Normalität sowie Nachholeffekte haben im laufenden 3. Quartal zu einer langsamen Rückkehr zu einer wachsenden Wertschöpfung geführt.

Für 2020 geht KOF davon aus, dass sich das BIP um 4,7% abschwächen wird. Voraussetzung für dieses Basisszenario ist aber, dass es zu keiner 2. Corona- Welle kommt. Sollte es zu einer 2. Welle kommen, könnte der Einbruch 6% und mehr betragen. Erst 2022 könnte das Niveau von 2019 wieder erreicht werden. Bei einer Betrachtung der einzelnen Sektoren ergibt sich ein sehr gemischtes Bild. Aufgrund der bestehenden Corona- Regeln haben der Verkehr und das Gastgewerbe am stärksten eingebüßt. Insbesondere beim Flugverkehr ist von einer länger anhaltenden Schwächephase auszugehen.

Beim Flughafen Zürich beispielsweise hat sich im August eine leichte Erholung abgezeichnet, aber die Zahl der Flugbewegungen lag um die Hälfte unter der des Vorjahres, und die Zahl der Passagiere betrug lediglich 25%. CEO Widrig geht davon aus, dass der Flugverkehr nicht vor 2023 das Vorkrisenniveau erreichen wird.

Bei Titlis, dem Betreiber von Bergbahnen, Hotels und Gastronomie, haben sich die Einschränkungen beim internationalen Tourismus im Zahlenwerk stark bemerkbar gemacht. Die Besucherzahlen lagen im 1. Halbjahr um 27% unter denen des Vorjahres, der Umsatz brach um 25% ein, und das Ergebnis rutschte in die roten Zahlen.

Nachholeffekte im Einzelhandel

In der Bauwirtschaft und beim verarbeitenden Gewerbe gab es ebenfalls ein schwaches 2. Quartal. Der Einzelhandel findet nach dem Ende des Lockdowns am 11. Mai langsam zur Normalität zurück und profitiert vom angestauten Nachholbedarf vieler Kunden. Bei Calida ist CEO Pichler für die 2. Jahreshälfte zuversichtlich. Im 1. Halbjahr resultierten die Filialschließungen in einem Umsatzrückgang von 18,8% und einem Verlust von 9,8 Mio. SFr. im fortgeführten Geschäft.

Seit der Wiedereröffnung haben die Umsätze in den eigenen Läden und bei den Handelspartnern zweistellig angezogen. Der Onlinehandel verzeichnet starke Zuwächse, und im 2. Halbjahr werden gewöhnlich 2/3 der Erträge erwirtschaftet. Sollte sich der positive Trend fortsetzen, geht Pichler für 2020 sogar von schwarzen Zahlen aus.

Auch Mobilezone spürt im Einzelhandelsgeschäft eine deutliche Umsatzerholung, und das Online-Geschäft auf dem deutschen Markt entwickelt sich positiv. Sollte der Konzern sein Gewinnziel erreichen und die Ausschüttungsquote konstant gehalten werden, winkt Anlegern eine Dividendenrendite von mindestens 5,5%.

Stabilisator Pharmabranche

Als krisenresistent erwiesen sich einmal mehr viele Unternehmen der Pharmabranche. Sie konnten die Ökonomie stabilisieren. IVF Hartmann gehörte zum Beispiel zu den Profiteuren der Coronakrise. Der Bedarf der Krankenhäuser, Pflegeheime und Apotheken an Desinfektionsprodukten, Masken und Schutzkleidung ist im 1. Halbjahr sprunghaft gestiegen. Entsprechend verzeichnete der Bereich Infektionsmanagement einen Umsatzanstieg von 75,6%.

Wie nachhaltig der Umsatzsprung ist, wenn die Pandemie abebben sollte, bleibt abzuwarten. Aktuell kann der Konzern nicht im gleichen Maß bei der Ertragskraft profitieren, da der Preisdruck im Gesundheitswesen, eine veränderte Rückerstattungspraxis und höhere Beschaffungskosten belasten. Zudem wollte IVF aus der Krise kein Kapital schlagen und hat auf Preiserhöhungen verzichtet.

Ypsomed hat dagegen mit hausgemachten Problemen zu kämpfen. Während sich das Injektionsgeschäft mit einem Umsatzplus von 23,3% sehr positiv entwickelte, sind die Geschäfte mit der eigenen Insulinpumpe YpsoPump deutlich hinter den Erwartungen geblieben und haben die Ertragskraft stark belastet. Die Zahl der Kunden müsste sich verdreifachen, um die Gewinnschwelle in dem Segment zu erreichen. Als Katalysator könnte sich die Zulassung der Pumpe in den USA erweisen. Mit der wird aktuell aber nicht vor 2022 gerechnet.

Lichtblicke in dunklen Zeiten

Die Covid-19-Krise hat viele Unternehmen hart getroffen. Es gibt aber auch einige Profiteure der Krise und Unternehmen, deren Geschäftsmodell sich als sehr krisenfest erwiesen hat:

  1. Belimos Geschäftsmodell hat sich in der Krise bewährt. Der Umsatz lag mit -1,4% nur knapp unter dem Vorjahr. Allerdings sank der Gewinn (-22,6%) überproportional. Die Wachstumstrends sind intakt, in Asien wurden Marktanteile gewonnen, und das Sensorgeschäft entwickelt sich positiv. Mit einem KGV von mehr als 40 hat die Bewertung aber ein stattliches Niveau erreicht. Wir haben das Timing daher auf 4 Sterne reduziert.
  2. Bossards Umsatz ging im 1. Halbjahr währungsbereinigt lediglich um 7,4% zurück. Die operative Marge blieb mit 10,3% im Branchenvergleich überdurchschnittlich und lag innerhalb der langfristig angestrebten Bandbreite von 10 bis 13%. Bei den Kunden aus der Industrie zeichnet sich bereits eine Erholung ab, und die Bewertung ist moderat.
  3. Tecan verzeichnete im 1. Halbjahr eine starke Nachfrage nach seinen Produktlinien, die den weltweiten Kampf gegen die Corona-Pandemie unterstützen. Daraus resultierten eine Umsatzsteigerung um 4,7% auf 310 Mio. SFr. und ein markanter Anstieg des Auftragseingangs. Das Umsatzwachstum soll 2020 im hohen einstelligen Prozentbereich liegen.

Besonders hervorheben möchte ich Interroll, die von der Corona-Pandemie profitieren. Im 1. Halbjahr ist der Gewinn um 3,1% gestiegen. Die operative Marge hat sich sogar von 11,9 auf 13,8% verbessert.

Zwei Großaufträge aus den USA und Deutschland im Juli und September zeigen, dass Ausbau und Modernisierung von Lager- und Logistiksystemen bei vielen Unternehmen Priorität haben. Dank der starken Bilanz kann der Konzern weiter in Forschung und Entwicklung und den Ausbau der Produktionskapazitäten investieren.

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Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und High Performance Depot.

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