Suezkanal-Blockade: Frachteigner werden zur Kasse gebeten

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Die Ware steckt bis auf weiteres fest und nun kommen Extrakosten auf die Eigentümer der Fracht der „Ever Given“ zu. (Foto: Travel mania / shutterstock.com)

Der Suezkanal ist wieder befahrbar – doch der Containerriese „Ever Given“ steckt noch immer in Ägypten fest.

Ägypten beschlagnahmt „Ever Given“

Das Land hat den Frachter beschlagnahmt und will eine Weiterfahrt erst erlauben, wenn Schadensersatzleistungen seitens der Reederei beglichen wurden. Die „Ever Given“ war Ende März zunächst in einen Sandsturm geraten, hatte sich im Suezkanal querliegend festgefahren und die wichtige Wasserstraße sechs Tage lang vollständig blockiert.

Rund 400 Schiffe standen dadurch auf beiden Seiten des Kanals tagelang im Stau, weltweit warteten Händler und Kunden auf ihre Warenlieferungen. Auch weltwirtschaftlich sind die Kosten erheblich. Nach Schätzungen des Versicherungskonzerns Allianz beläuft sich der Schaden auf bis zu 10 Milliarden Dollar.

„Große Havarie“: Frachteigentümer sollen zahlen

Mehr als 900 Millionen Dollar fordern nun die ägyptischen Behörden, unter anderem als Kompensation für entgangene Kanalgebühren sowie zusätzliche, durch die aufwendige Bergung entstandene Kosten. Bezahlen soll das die Reederei – doch die beruft sich nun auf die jahrhundertealte Seefahrtsklausel der „Havarie Grosse“ und bittet ihrerseits die Eigentümer der in den Containern transportierten Waren zur Kasse.

Über eine britische Anwaltskanzlei wurden Medienberichten zufolge die Frachtkunden bereits in Kenntnis gesetzt, auch deutsche Händler, die auf Importware warten, die in Containern auf der „Ever Given“ festhängen, sind demnach betroffen.

Nicht alle sind gegen Ausnahmefall versichert

Die „Große Havarie“ regelt die Kostenverteilung bei außergewöhnlichen Zwischenfällen in der Seefahrt. In der Regel ist dies Bestandteil der Frachtbedingungen – das sprichwörtliche Kleingedruckte, mit dem sich kaum jemand ernsthaft beschäftigt, weil es einfach zu selten vorkommt.

Nun aber wurde ein solcher Fall ausgerufen. Das bedeutet für die Eigner der geladenen Güter: Es wird teuer. Denn entsprechend der Klausel müssen sie nun anteilig für die entstandenen Kosten aufkommen. Juristisch ist dies nicht zu beanstanden, zumal sich die Frachtkunden gegen einen solchen Fall extra versichern können. Doch nicht jede Transportversicherung deckt Schäden einer „Großen Havarie“ auch tatsächlich ab, und manch ein Händler verzichtet angesichts der ohnehin schon hohen Frachtgebühren auf eine entsprechende Zusatzversicherung.

In diesem Fall müssen die Frachteigner nun selbst für die Kosten aufkommen und sich an der Sicherheitsleistung beteiligen, die fällig wird, ehe das Schiff weiterfahren darf. Wie hoch die geforderte Summe genau ausfällt, steht noch nicht fest, zu rechnen ist in jedem Fall mit einem dreistelligen Millionenbetrag.

18.000 Container hängen fest – auf unbestimmte Zeit

Der 400 Meter lange Megafrachter hat rund 18.000 Container an Bord. Die Händler müssen sich nun entsprechend des jeweiligen Warenwerts anteilig beteiligen. Dass sie ihre Ware bald bekommen, ist dennoch unwahrscheinlich. Schätzungen zufolge kann sich ein solches Verfahren auch mehrere Jahre hinziehen.

So lange wird kaum jemand auf seine Ware warten, sondern erneut bestellen – sofern hierfür die finanziellen Spielräume ausreichen. Denn die Ware, die auf der „Ever Given“ festhängt, muss ja dennoch bezahlt werden, hinzu kommen nun die anfallenden Zusatzkosten wegen der Havarie. Wer hier an der Transportversicherung gespart hat und für die Warenbestellung mit einem Großteil des vorhandenen Kapitals in Vorleistung gegangen ist, könnte sich daher nun mit existenzbedrohenden Herausforderungen konfrontiert sehen.

Suezkanal: Empfindliches Nadelöhr im Welthandel

Der Suezkanal gilt als eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Er verbindet die Handelsroute zwischen Asien und Europa und führt durch Ägypten. Durch die Direktverbindung vom Roten Meer zum Mittelmeer sparen sich die Frachtschiffe das zeitaufwendige und kostenintensive Umfahren des afrikanischen Kontinents.

Die mehrtägige Blockade des Suezkanals hat dessen Funktion als Nadelöhr drastisch sichtbar gemacht und zudem verdeutlicht, wie abhängig der weltweite Warenverkehr vom reibungslosen Funktionieren der Infrastruktur ist. Nicht nur Ägypten ist empfindlich getroffen, die Folgen des tagelangen Rückstaus dürften sich im zweiten Quartal auch in so mancher Bilanz bemerkbar machen.

Aufgeschreckt von einer solch sensiblen Sollbruchstelle wird seither vermehrt über Alternativen diskutiert, etwa einen Ausbau des Güterverkehrs auf der Schiene – oder die Nutzung einer Route durch die Arktis, die dank des Klimawandels immer häufiger eisfrei und somit befahrbar ist.

Einen positiven Effekt könnte die Blockade des Suezkanals immerhin für Versicherer haben: Nach dieser Erfahrung und den nun entstehenden Zusatzkosten dürften sich Händler künftig gut überlegen, ob sie auf eine Transportversicherung wirklich verzichten möchten.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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