Zertifikate: Kleingedrucktes nicht gelesen – 4.000 € verloren

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„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, sagt unser Börsenexperte Rainer Heißmann und rät bei Bankprodukten, das Kleingedruckte zu lesen. (Foto: Rawpixel.com / Shutterstock.com)

Schwächelt der DAX 30 Index wieder einmal, ist es gut, wenn dann der Faktor Zeit keine Rolle spielt und Sie die Phase der Konsolidierung aussitzen können.

Oder: Sie erwarten „irgendwann“ einen steigenden Ölpreis. Sie wissen nicht, wann dieser steigen wird, gehen aber davon aus, dass es früher oder später der Fall sein wird.

So hat ein Anleger gedacht und sich deshalb ein Open-End-Zertifikat auf den Ölpreis gekauft.

Im guten Glauben, dass „Open end“ (= offenes Ende) eine unbefristete Laufzeit bedeutet, hat er sich dieses Zertifikat ins Depot gelegt und wartete ab.

Als der Ölpreis weiter fiel, dachte der Anleger, dass es keinen Handlungsbedarf gebe und war guten Mutes, dass er beizeiten mit Gewinn verkaufen könne. Das böse Ende kam plötzlich und unerwartet…

Lesen Sie dazu die Original-Meldung meines Kollegen Dr. Liemen aus „Der Deutsche Wirtschaftsbrief“:

Original-Meldung aus „Der Deutsche Wirtschaftsbrief“

„Beim Kauf eines Open-End-Zertifikats ist mir anscheinend ein Anfängerfehler unterlaufen.“

Das schreibt mir ein Leser, der bei der Deutschen Bank ein solches Zertifikat auf Brent-Öl gekauft hatte. Als der Ölpreis in den Keller abstürzte, ging er davon aus, den Verlust in aller Ruhe aussitzen zu können.

Dann kündigte die Bank ohne Vorwarnung das Zertifikat. Der Leser erlitt dadurch 4.000 € Verlust.

Das ist jedoch kein Anfängerfehler, sondern vielmehr das Ergebnis einer geschickten Darstellung der Bank. Kein einziges Geldhaus wird in der Praxis Zertifikate begeben, die in der Folgezeit tatsächlich endlos sind.

Schon deshalb nicht, weil keine Kapitalgesellschaft die Dauerverpflichtung in ihren Büchern abbilden kann. Im Prospekt ist folglich irgendwo ein Passus versteckt, mit dem sich der Emittent die Auflösung vorbehält.

Deshalb aufgepasst: „Endlos“ bedeutet lediglich, dass das Ende nicht konkret definiert ist.

Soweit Dr. Erhard Liemen in „Der Deutsche Wirtschaftsbrief“.

Zertifikate: Vor Kauf dringend das Kleingedruckte lesen

Da es hier um die Deutsche Bank geht, habe ich mir ein Open-End-Zertifikat, das dazugehörige Produkt-Informationsblatt und den Verkaufsprospekt eines Open-End-Zertifikats der Deutschen Bank angesehen. Das sind zusammen 25 Seiten Text.

Da ich wusste, wonach ich suche (Stichwort „Kündigung“) wurde ich schnell fündig: Die Bank behält sich ein Kündigungsrecht vor und kann das Zertifikat jederzeit mit einer Frist von 3 Monaten kündigen.

Auf gut Deutsch: Läuft es gut für die Bank und schlecht für den Anleger, kann die Bank ihren Gewinn einlösen. Im oben geschilderten Fall führte das bei dem Anleger zu einem Verlust von 4.000 €.

Open end = Ende bestimmt der Emittent

Open end bedeutet also nicht, dass Sie Zeit haben und auf die erwartete Kursentwicklung warten können, sondern: Sie wissen nie, wann das Fallbeil fällt.

Juristisch ist das einwandfrei; es steht ja im Verkaufsprospekt.

Zertifikate: Besser überhaupt nicht kaufen

„Vor Kauf dringend das Kleingedruckte lesen“, habe ich oben geschrieben.

In diesem Fall wären das 25 Seiten juristischer Text gewesen. Sie müssen gegebenenfalls alles genau studieren, denn Sie wissen nicht, nach welchem Fallstrick Sie suchen.

Es ist nicht immer so einfach wie hier, wo ich das Suchwort „Kündigung“ als Vorgabe hatte.

Dies ist ein weiterer Fall aus der Reihe der Skandal-Geschichten von Banken, die im Juni 2015 zu dieser Nachricht bei spiegel.de führte:

„Finanzskandale der Großbanken: Die Zocker-AGs: Die Rechtskosten der Großbanken durchbrechen erstmals die 300-Milliarden-Dollar-Marke – und das innerhalb von nur fünf Jahren. Mit an der Spitze: die Deutsche Bank.“

Solange die Banken für solche Schlagzeilen sorgen, empfehle ich: Fassen Sie für Ihre Börsengeschäfte deren Finanzprodukte, wie z. B. Zertifikate, gar nicht erst an!

Die gute Alternative: Optionen

Dass ich Optionen empfehle und keine Bankprodukte, wissen Sie vermutlich.

Wegen ihrer transparenten Ausstattung werden Optionen aber auch von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger gelobt und Zertifikaten als vorbildlich gegenübergestellt.

Ich denke, der oben geschilderte Fall ist ein weiteres Mosaiksteinchen dafür, dass Sie sich Optionen einfach einmal ansehen sollten.

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Mit dieser Zertifikate-Konstruktion werden Einsätze garantiertEin Kapitalschutz-Zertifikat ist per Definition eine Anlage, die die Rückzahlung des investierten Geldes in bestimmter Höhe garantiert. › mehr lesen


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Rainer Heißmann
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen. Mit Heißmanns Börsenkommentar bringt er wochentäglich die Börse auf den Punkt. Seine Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie jedem verständlich und nachvollziehbar werden.

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