10 Jahre Finanzkrise: ein anhaltender Schwelbrand

10 Jahre Finanzkrise zeigen: Sie ist zum Schwelbrand mutiert, der sich nur punktuell bekämpfen lässt. Sie kann jederzeit erneut ausbrechen. (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)

Man kann sich heute streiten, ob es besser gewesen wäre, Lehman Brothers zu retten. Am 15. September 2008 jedenfalls entschied sich die US-Regierung dagegen und schickte die Investmentbank in die Insolvenz. Hatten schon vorher einige Banken gewackelt, so brachte das vor zehn Jahren die Finanzkrise ins Rollen.

Ohne Schock keine Reaktion

Danach mussten dann doch reihum Finanzhäuser gerettet werden, um noch Schlimmeres zu verhindern, denn die Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr. Das Vertrauen war weg, keiner wusste, wer über Derivate in welcher Höhe auf faulen Krediten sitzt. Zuvor waren massenweise hochriskante Subprime-Kredite, in Asset Backed Securities (ABS) gebündelt, als Wertpapiere in Umlauf gekommen. Da sie in Form von Anleihen über mehrere Geldinstitute hinweg weitergereicht wurden, waren die tatsächlichen Risiken nicht mehr nachvollziehbar.

Was die Derivate angeht, so spielten zudem CDS (Credit Default Swaps) eine Rolle, als die Finanzkrise von zehn Jahren aufflammte. Eigentlich als sinnvolle Absicherung über Tauschgeschäfte gedacht, sind sie zu Wetten auf die Zahlungsfähigkeit mutiert, wobei sich mit jedem Ausfall immer neue Risken auftürmten. Die Schuldenblase, die am US-Immobilienmarkt begonnen hatte, platzte schließlich.

Wäre Lehman Brothers gerettet worden, so würden wir heute nicht von zehn Jahren Finanzkrise sprechen, sondern vielleicht von fünf Jahren. Gekommen wäre sie auf jeden Fall. Denn ohne den Schock hätte sich die Politik wohl kaum zu Maßnahmen durchgerungen, wie in den USA das Frank-Dodd-Gesetz, das die überdrehte Risikofreude der Banken zügeln sollte. Auch in Europa mussten die Geldinstitute fortan für höhere Kapitalreserven sorgen, Stresstests bestehen und Anleger besser aufklären.

Neue Rekordschulden

Natürlich wurde damit einiges bewirkt, doch bei genauem Hinsehen bedeutet zehn Jahre Finanzkrise, dass sie nicht wirklich beendet ist. Überall schwelen Glutnester – selbst da, wo man sie nicht mehr vermuten sollte. So floriert in den USA wieder das Geschäft mit drittklassigen Darlehen. Schrott-Kredite beim Autokauf etwa sind auf weit über 1.000 Mrd. US-Dollar angeschwollen. Zusammen mit Krediten für die Ausbildung und Ausgaben über Kreditkarten sind die Amerikaner höher verschuldet als zu Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren.

Ausufernde Schuldenstände gelten als schlechtes Vorzeichen. In Europa schlummern noch faule Kredite von gut 1 Bio. Euro in den Büchern der Banken. Parallel ist übergreifend die Zahl der systemrelevanten Banken angestiegen, die für eine Pleite zu groß sind und notfalls gerettet werden müssen, um einen Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern. Und die Zinsen sind nach wie vor auf niedrigstem Niveau, worunter das Kerngeschäft der Banken leidet.

Das bedeutet nicht, dass die Entscheidung vor zehn Jahren, sie drastisch zu senken, falsch war. Die US-Notenbank Fed hatte schnell, konsequent und pragmatisch gehandelt. Seither gingen die Kurse der Aktien-Indizes unaufhaltsam in die Höhe. Ein behutsamer Ausstieg aus den Anleihekäufen der Fed sollte schließlich wieder zu ausgewogeneren Verhältnissen, also Richtung „Normalität“ führen. Doch so einfach ist das nicht.

Zinsen ziehen Gelder ab

Zu den Risiken und Nebenwirkungen plötzlich gestiegener US-Zinsen gehört, dass die zwangsläufigen Kapitalrückflüsse aus den Schwellenländern deren Auslandsschulden erheblich verteuern. Während Argentinien oder die Türkei noch einigermaßen überschaubare Problemzonen sind, ist China ein riesiges Pulverfass. Die dortigen Unternehmen werden offenbar schon viel zu lange und ohne ausreichende Absicherung mit Krediten versorgt.

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Und während Chinas Schuldenblase ein extrem toxisches Gemisch enthält, wirft Donald Trump im Handelskrieg mit Brandfackeln. Dabei hatte der IWF angesichts der florierenden Weltwirtschaft noch zu Anfang des Jahres gemeint, die Welt befreie sich langsam von den Folgen der Finanzkrise. „Normalität“ dürfte aber bei alledem noch geraume Zeit eine Wunschvorstellung bleiben. Bei einer Rezession werden wohl erneut die Märkte mit Geld geflutet, um die Wirtschaft zu stimulieren.

Jederzeit entflammbar

Angefangen hat das Ganze nicht vor zehn, sondern vor 18 Jahren, als nach dem Platzen der Dotcom-Blase Niedrigzinsen als Allzweckwaffe gegen den Wirtschaftkollaps eingesetzt wurden. Mangels Anlagealternativen boomten neben Aktien Immobilien, es folgte die Subprime-Krise, die Finanzkrise. In der Kette massiver Reaktionen und Gegenreaktionen entstanden immer neue Schieflagen, die den Boden fürs nächste Problem bereiteten.

Erkenntnis: Viele Fehler lassen sich vermeiden, doch welches Risiko im Wirkmechanismus von Ausweichstrategien und Gegenmaßnahmen tatsächlich steckt und wo es sich wie realisiert, zeigt sich erst im Nachhinein. Auch, dass die Finanzkrise ein Schwelbrand ist, der sich offenbar nur punktuell kontrollieren lässt. Aufflammen kann sie jederzeit wieder, wenn auch an anderer Stelle und in etwas anderem Gewand.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.