100-jährige Anleihen: die USA planen neue Geldquelle

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Auch die USA planen 100-jährige Anleihen. Billiges Geld für den Staat, aktuelle Kursgewinne für Investoren, für Privatanleger aber sinnlos. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Sie kommen offenbar in Mode: 100-jährige Anleihen. Die USA planen nun ebenfalls, derartige Methusalem-Bonds aufzulegen. Die Zinsen sind historisch niedrig, werden es auch noch länger bleiben. Eine Gelegenheit, gerade für Staaten, sich so billig sicheres Geld zu beschaffen wie selten in der Geschichte. Doch was haben Anleger davon?

Österreich, Schweden, USA: 100-jährige Anleihen im Kommen

100-jährige Anleihen der USA sorgen natürlich für Aufmerksamkeit. Auch Schweden denkt angeblich darüber nach, solche Papiere auf den Markt zu bringen. Vor zwei Jahren hat Österreich bereits diesen Schritt unternommen. Jetzt sind wohl die etablierten Industrieländer mit bester Bonität an der Reihe, nachdem die Superlangläufer zuvor von China oder Mexiko angeboten wurden. Dabei sind sie alles andere als neu. In der Vergangenheit haben auch Unternehmen wie der Dax-Konzern Bayer, Coca Cola oder Walt Disney 100-jährige Anleihen emittiert.

Der Trend zu echten Langfristpapieren lässt sich aber auch am Aufkommen von bislang ebenfalls eher seltenen 50-Jährigen ablesen. Frankreich, Irland oder Spanien haben sie seit geraumer Zeit im Programm. Die USA beziehen 50-jährige Anleihen parallel in die Überlegungen zu 100-Jährigen ein. Deutschland belässt es wohl bei 30-Jährigen, wobei deren Anteil gegenüber Papieren mit kürzeren Laufzeiten deutlich zunimmt. Seit 2009 hat er sich verdoppelt.

Warum diese Kategorie Anleihen so gefragt ist, zeigt sich an dem, was in der Fachwelt als Duration bekannt ist – eine Kennzahl, die misst, inwieweit der Kurs auf eine Zinsänderung reagiert: je länger die Laufzeit und je geringer der Kuponzins, desto stärker der Ausschlag. Bei einer 100-jährigen Anleihe mit einer Duration von 60 beispielsweise steigt deren Kurs um 60%, sobald der Zins um nur einen Prozentpunkt fällt.

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Dies verdeutlicht, warum erfahrene Anleiheinvestoren in letzter Zeit satte Gewinne einfahren. Hinzu kommt, dass alle von einer kommenden Rezession ausgehen. Wenn dann zur Konjunkturstärkung die Zinsen erneut gesenkt werden, gehen die Kurse der Anleihen erst recht nach oben.

Win-Win für Staat und Profi-Investoren

Der emittierende Staat wiederum hat sich die billige Verzinsung auf lange Zeit gesichert und kann entsprechend planen. Zudem ist mit der Tilgung in ferner Zukunft das Refinanzierungsrisiko geringer. Angesichts teils hoher Staatsschulden eine bequeme und sichere Sache. Die Kursentwicklung kann ihm eigentlich egal sein. Eigentlich, denn wenn irgendwann die Zinsen wieder steigen, dreht sich der Spieß um und die Investoren reißen sich weniger um die Papiere. Unter Umständen ein Grund, warum der deutsche Finanzminister einstweilen an der Seitenlinie bleibt.

Da es ein äußerst komplexes Unterfangen ist, mit der richtigen Laufzeitenstruktur das Portfolio zu optimieren, greifen vor allem institutionelle Investoren zu. Versicherungen oder Pensionsfonds, die die Materie beherrschen, können langfristig planen, ihre Kundeneinlagen und Zahlungsverpflichtungen sichern. Für Staat und Profi-Investoren weitgehend eine Win-Win-Situation.

Bei Privatanlegern indes stellt sich die Frage, warum jemand sein Geld etwa eine 100-jährige Anleihe der USA stecken sollte, wenn er das Ende der Laufzeit garantiert nicht mehr erleben wird. Und was Kursgewinne angeht, so kann sich über lange Zeiträume viel verändern. Sicherer Hafen hin oder her, das Zinsänderungsrisiko ist einfach zu hoch. Übrigens gab es auch mal Anleihen, die noch länger liefen: Britische Staatsanleihen ohne Rückzahlungstermin – allerdings mit Kündigungsrecht.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.