Airbus-Aktie vs. Boeing? Beide haben Potenzial!

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Die Aktien von Boeing und Airbus sind beide interessant – trotz und wegen des Desasters seit den Abstürzen der Maschinen vom Typ 737 Max. (Foto: Alhim / Shutterstock.com)

Gut fünf Monate ist nun her, dass in Äthiopien eine fast neue Boeing 737 Max abgestürzt ist, und das nach einem Crash desselben Typs ein halbes Jahr zuvor. Seitdem haben Flugzeuge der Baureihe Startverbot. Umsatzeinbußen, Schadensersatzklagen von Airlines, und die Marke ist verbrannt. Schlimmer kann es für einen Flugzeugbauer kaum kommen. Die Boeing-Aktie fiel, Airbus im Mdax indes bekam Aufwind. Der größte Flugzeugbauer der Welt droht seinen Titel an die europäische Konkurrenz zu verlieren.

Nicht absehbares Desaster um 737 Max

Dabei nimmt sich die Performance der Boeing-Aktie bislang erstaunlich moderat aus. Auf Sicht von drei Jahren liegt das Plus noch immer bei fast 150 % – etwas mehr als bei der Airbus-Aktie. Allerdings: Die bislang auf rund 5 Mrd. US-Dollar taxierten Belastungen sind noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.

Waren Anleger bei Verkündung dieser Zahl zum Bericht des zweiten Quartals schockiert, so dürften weitere Schreckensmeldungen folgen. Erstens stehen die Schadensersatzsummen noch nicht fest. Und zweitens ist unklar, wie lange das Startverbot bestehen bleibt. Die meisten Experten rechnen nicht vor 2020, je nachdem wie viele Probleme sich in den laufenden Untersuchungen noch auftun.

In dem Fall ist ein vorübergehender Produktionsstopp des bisherigen Verkaufsschlagers von Boeing nicht ausgeschlossen. Und was den drohenden Schadensersatz angeht, so gibt es eine ganze Reihe von betroffenen Fluggesellschaften – von American Airlines über China Southern bis Ryanair oder dem Ferienflieger Tui. Lufthansa ist übrigens außen vor, da sie keine 737 Max Flugzeuge in der Flotte hat.

Hinzu kommen Klagen von Hinterbliebenen der Opfer sowie von amerikanischen Anlegern. Vertreten werden sie von der Kanzlei Hagens Berman, die bereits VW im Dieselskandal viel Geld gekostet hat.

Airbus neuer Flugzeugbauer Nummer eins

In der Klageschrift wird Boeing unter anderem eine „Vertuschung tödlicher Risiken“ vorgeworfen, nur um im Wettkampf den Rivalen Airbus auszustechen. Und der tobt vor allem im wachstumsstärksten Bereich der Kurz- und Mittelstrecken-Flugzeuge, der für zwei Drittel aller Umsätze steht. Während Boeing für die 737 Max-Reihe über 5.000 Bestellungen vorliegen und 370 Flieger ausgeliefert hat, kommt Airbus mit der direkten Konkurrenz A 320 Neo auf 6.500 Bestellungen und 687 Auslieferungen. Die Stückpreise liegen auf Augenhöhe.

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In dem Segment hat Airbus nun erst recht die Nase vorn. Erst kürzlich wechselte die saudi-arabische Fluglinie Flyadeal zur europäischen Konkurrenz. Die für Airbus erfreuliche Entwicklung spiegelt sich auch in den Zahlen der jüngsten Halbjahresbilanz. Konnte der Umsatz um 24 % auf ca. 12,5 Mrd. Euro zulegen, so stieg der operative Gewinn im Jahresvergleich von 14 Mio. Euro auf 549 Mio. Euro um ein Vielfaches. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Air France-KLM 60 Flieger vom Typ A220-300 bestellt.

Den Bestellungen zufolge ist der ehrgeizige Plan, in diesem Jahr bis zu 890 Flugzeuge auszuliefern, durchaus realistisch- vorausgesetzt, die ausgelasteten Produktionskapazitäten geben es her. Boeing indes hat seine Pläne, rund 900 Flieger auszuliefern, längst gestrichen. Damit zieht Airbus nun als Nummer eins an Boeing vorbei.

Risiken und Chancen für Aktien von Airbus und Boeing

Dennoch: Auch wenn die Amerikaner derzeit mit dem einstigen Verkaufsschlager der Reihe 737 Federn lassen, so haben sie bei größeren Jets die Nase vorn. So stehen 126 gelieferten Großraumflugzeugen von Boeing gerade 74 von Airbus gegenüber; dasselbe Bild bei den Bestellungen. Unterm Strich steht zwar Airbus als neuer Marktführer besser da, doch darf man nicht übersehen, dass im Gegensatz zu früheren Jahren, der weltweite Markt derzeit nicht mehr so viel hergibt.

Dem Sättigungseffekt im zivilen Bereich kann Boeing mit seiner Militärsparte vermutlich besser begegnen als Airbus, das viel eher mit Exportsperren für Rüstungsgüter zu kämpfen hat, nicht zuletzt seitens der deutschen Regierung. Hinzu kommt, dass Donald Trump seine Drohungen, europäische Flugzeuge und Hubschrauber wegen angeblicher Subventionen mit Sonderzöllen zu belegen, jederzeit in die Tat umsetzen könnte.

In dem Streit wird gerne einer übersehen, der sich als lachender Dritter in die Startlöcher begibt: Comac. Chinas Flugzeugbauer will etwa die Lücke füllen, die sich bei China Southern durch Boeing-Stornierungen auftut. Bei entsprechendem Erfolg, dürften die Chinesen künftig nennenswertere Marktanteile abgraben.

Bis dahin bleiben für längerfristig orientierte Anleger sowohl die Boeing-, als auch die Airbus-Aktie interessant. Airbus ist derzeit stark unterbewertet, hat also noch Potenzial. Und Boeing sollte sich bis in zwei Jahren von der aktuellen Krise weitgehend erholt haben – entsprechende Kurssteigerungen inklusive.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.