Amazon will eine Krankenversicherung gründen – Was steckt dahinter?

Das US-Gesundheitssystem gilt als teuer und ineffizient. Amazon will dies ändern - mit einer Krankenversicherung und neuer Technik. (Foto: pixinoo / Shutterstock.com)

Die US-Wirtschaft kämpft seit Jahren gegen steigende Gesundheitskosten. Der Online-Handelsgigant Amazon.com, die größte US-Bank JP Morgan Chase und Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway wollen etwas dagegen tun.

Amazon & Co wollen nun eine Art Krankenversicherung gründen, die zunächst für eigene Mitarbeiter offenstehen soll – damit dürften zunächst rund 1 Millionen Mitarbeiter in den Genuss des Angebots kommen. Langfristiges Ziel ist es aber, die Gesundheitsversorgung aller US-Amerikaner zu verbessern.

Das Besondere: Bei der neuen Firma soll es sich um eine Non-Profit-Gesellschaft handeln, was bedeutet, dass das Gemeinschaftsunternehmen nicht gewinnorientiert handeln wird, sondern vielmehr versuchen will, durch den Einsatz von Technologie die Kosten im Gesundheitssystem zu reduzieren – am besten mit Amazon-Technik.

Warum sich Amazon mit einer eigenen Krankenversicherung vorwagt

Warum wagt Amazon.com diesen überraschenden Schritt? Dazu müssen Anleger zunächst verstehen, wie das US-Gesundheitssystem funktioniert. Die Mehrheit der über 320 Millionen Amerikaner sind heute über ihren Arbeitgeber krankenversichert. Seit 1965 gibt es die beiden Programme Medicare (Personen über 65 Jahre) und Medicaid (Personen mit niedrigem Einkommen), um die Mindestgesundheitsversorgung in den USA sicherzustellen.

Mehr als 76 Millionen Amerikaner sind heute über das staatliche Versicherungsprogramm versichert, die für Arztbesuche und Medikamentenkosten aufkommt. Doch bis zu 60 Millionen Amerikaner waren bislang gar nicht versichert.

Durch den „Patient Protection and Affordable Care Act“ besteht seit 1. Oktober 2013 eine Pflichtversicherung für jeden Amerikaner – kurz Obamacare genannt. Wer sich trotz Gesetz weigert, eine Krankenversicherung abzuschließen, muss eine Strafgebühr in Höhe von 325 US-$ oder 2 % des Einkommens zahlen – je nachdem, welcher Betrag höher ist.

Warum sind die Kosten im US-Gesundheitssystem so hoch?

Das Problem: Viele Menschen zahlen lieber die Strafgebühr als die monatlich hohen Kosten einer Krankenversicherung zu tragen. Auch sonst sind die Preise für Medikamente und Arztbesuche in den USA extrem teuer.

Ein Arztbesuch kostet in den USA etwa drei Mal so viel wie zum Beispiel in Kanada, Medikamente sind bis zu 10 Mal teurer als in Deutschland oder in England.

Im Jahr 2014 summierten sich die Pro-Kopf-Ausgaben der Amerikaner für Gesundheit auf 9.500 US-$ – damit gehört das US-Gesundheitssystem zu den teuersten der Welt. Hintergrund sind Ineffizienzen im System.

So können Pharmafirmen zum Beispiel den Preis für Medikamente nahezu beliebig festlegen, da die Hürden für Wettbewerber für einen Markteintritt relativ hoch sind und die Preise von der Regierung kaum reguliert werden. Anders ist die Situation in Europa, wo der Staat in der Regel die Preise für Arzneimittel reguliert.

Amazon will Mittelsmänner aus dem Spiel nehmen

Amazon sieht in der Gründung einer eigenen Krankenversicherung einen Weg, die Kosten zu senken, indem das Unternehmen Mittelsmänner aus dem Spiel nimmt.

Dabei geht es vor allem um Unternehmen wie AmerisourceBergen, Cardinal Health, McKesson und Owens & Minor. Firmen wie AmerisourceBergen wollen in der Lieferkette eine wichtige Rolle spielen, indem sie Hersteller und Gesundheitsdienstleister zusammenbringen. Gleichzeitig sind diese Mittelsmänner jedoch auch mit ein Grund dafür, warum das Gesundheitssystem in den USA so teuer ist.

Vertriebsunternehmen wie Cardinal Health stehen auch in der Kritik, für die Opiat-Krise in den USA mitverantwortlich zu sein, nachdem diese Unternehmen Opiate (Schmerzmittel) in den letzten Jahren aggressiv beworben haben. US-Präsident Donald Trump sah sich im Herbst 2017 sogar genötigt, den nationalen Notstand aufzurufen, nachdem mehr Amerikaner durch Opiate-Überdosen starben als durch Autounfälle und Schusswaffen.

Fazit: Amazon.com will eine weitere Branche erobern

Die US-Gesundheitsbranche bekommt mit Amazon.com einen wichtigen Wettbewerber, der langfristig dazu beitragen könnte, dass die Preise im US-Gesundheitssystem sinken.

Entscheidend hierfür ist, ob es Amazon mithilfe neuer Technologien gelingt, Mittelsmänner wie AmerisourceBergen & Co zu ersetzen. Aber auch wenn die Disruption nicht gelingt, dürfte der Vorstoß von Amazon, JP Morgan und Berkshire dabei helfen, Gesundheitsdienstleister unter Druck zu setzen, um effizienter und innovativer zu werden.

Anleger sollten sich daher gut überlegen, ob sie in börsennotierte Gesundheitsdienstleister wie AmerisourceBergen, McKesson & Co investieren wollen, droht diesen Anbietern in den nächsten Jahren voraussichtlich mehr Wettbewerb.

Amazon hat hingegen schon mehrmals bewiesen, dass man durchaus im Stande ist, einen Markt binnen weniger Jahre durch Disruption zu erobern. Dies gilt sowohl für den Online-Handel, als auch den Markt für Web Services und smarte Lautsprecher – jetzt ist offenbar der US-Gesundheitsmarkt an der Reihe.

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Von: Alexander Mittermeier. Über den Autor

Als Gründungsmitglied einer der größten Finanz-Communitys in Deutschland schreibt Alexander Mittermeier heute nicht nur über Aktien und Hightech-Unternehmen, sondern auch über Geld- und Wirtschaftsthemen. Im Mittelpunkt stehen dabei Hintergrundberichte und Bewertung wirtschaftlicher Themen unter Berücksichtigung technologischer Gesichtspunkte für eine der größten Banken Deutschlands

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