Angreifen statt schrumpfen – Die neue Strategie bei ABB

Als Stabilitätsanker im Depot gelten Papiere großer etablierter Mischkonzerne. Der größte ist General Electric, Siemens ist nach 3M die Nummer drei, und mit einigem Abstand kommt ABB. Die Aktie des Schweizer Elektrokonzerns steht seit April im Mittelpunkt des Interesses. Anlass ist die Übernahme des österreichischen Steuerungsherstellers Bernecker & Rainer, die ABB im Ranking einer wichtigen Zukunftssparte stärkt: der Industrieautomation.

ABB-Aktie wieder attraktiv

Bei der Industrieautomation rückt nämlich ABB dem Platzhirsch Siemens auf die Pelle– als Nummer zwei, gefolgt von den US-Konzernen Emerson und General Electric. In der Sparte kommen ABB und B&R nun auf einen gemeinsamen Umsatz von rund 15 Mrd. US-$. Was der ABB-Aktie Potenzial beschert: Mit dem Zukauf wird der Bereich Maschinen- und Fabrikautomation seinem Namen erst gerecht.

Bisher konnte ABB mit Motoren und Robotern glänzen, wurde aber nicht als Automatisierungsanbieter wahrgenommen, weil schlicht das Segment der Steuerungstechnik fehlte. Und Steuerungsgeräte sowie Computer sind das Gehirn von Industrierobotern, die etwa Karosserien fertigen. Mit B&R ist diese Lücke gestopft. ABB sieht sich jetzt als einzige Firma, welche die komplette Fabrikautomation mit Robotik kombiniert.

Für ABB-Chef Ulrich Spiesshofer ist B&R das „Microsoft der Maschinen- und Fabrikautomation“. Vom Pioniergeist getrieben setzten die Gründer Erwin Bernecker und Josef Rainer 1979 auf die kommende, industrielle Entwicklung und starteten das Geschäft mit ihrer Industrie-Elektronik GmbH im Keller einer Bank in Eggelsberg, 25 km nördlich von Salzburg.

Rasch wurden der internationale Markt erobert und weltweit Tochterunternehmen gegründet.

Wertvolles neues Asset im Konzern

In den letzten 20 Jahren wuchs B&R mit durchschnittlich 11% im Jahr doppelt so schnell wie der Markt. Lag der Umsatz 1995 noch bei 70 Mio. US-$, waren es 2016 über 600 Mio. US-$ – mit einem Ebit-Gewinn von 75 Mio. US-$. Als Teil von ABB wird das Umsatzziel von 1 Mrd. US-$ angepeilt. Der Kaufpreis von geschätzt bis zu 2 Mrd. US-$ ist für ABB eine gute Investition.

Die Schweizer kommen schon seit Jahren nicht so recht vom Fleck und konnten ihre Letztjahres-Bilanz vor allem durch Verkäufe, Umstrukturierung und Einsparungen aufbessern. Unter anderem wurde massiv Personal abgebaut, der Standort Zürich verkleinert und administrative Tätigkeiten nach Krakau und Bangalore verlagert. In der Folge konnte schon im ersten Halbjahr 2016 eine Steigerung der Ebit-Marge von 8,6% auf 12,3% verkündet werden.

Doch zum einen wurden dabei die entsprechenden Kosten und Abschreibungen ausgeblendet, zum anderen muss der rückläufige Umsatz endlich wieder anziehen. Das kleine Plus von 1% im ersten Quartal des Jahres ist noch kein echter Lichtblick. Spiesshofer, der seit 2013 CEO ist, konnte bisher nicht an die Rekordumsätze seines Vorgängers Joe Hogan anknüpfen. Statt der 42 Mrd. US-$ brachte er es nur auf 34 Mrd. US-$.

Industrie4.0 als Renditerenner

Offenbar will sich Spiesshofer nun vom Image als Sparer und Schrumpfer verabschieden und den Hebel umlegen. Dass die Sparte „Digitale Fabrik“ bei Siemens ein Renditerenner ist, scheint ihn anzuspornen. Schon vor einem Jahr konnte er den Siemens-Manager Sami Atiya als neuen Chef der Roboter-Sparte zu ABB holen.

Die Übernahme von B&R macht das Bild komplett. Bezeichnenderweise spricht Spiesshofer von 2017 als „Übergangsjahr“. Dennoch hat es die ABB-Aktie noch nicht über die Marke von 25 Franken geschafft. Die gab es zuletzt 2008. Mit ein Grund ist, dass bei aller Übernahmefreude B&R nur grob 2% vom Umsatz und Gewinn des gesamten ABB-Konzerns ausmacht.

Entscheidend wird sein, ob die Synergieeffekte auch zu neuen Großaufträgen führen, die in letzter Zeit fehlten. Insofern ist die Übernahme ein wichtiger strategischer Schritt. Und die ABB-Aktie hat nun reales Potenzial.

7. Juni 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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