Angst blockiert Fakten – die Aktienkultur in Deutschland

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Dass die Aktienkultur in Deutschland nicht vorankommt, liegt an verbreitetem Unwissen und dem Image als „Spekulationspapier für Profis“ (Foto: gopixa / Shutterstock.com)

Es ist schwer zu verstehen: Einerseits ist jedem klar, dass eine funktionierende Wirtschaft die Basis für Steuereinnahmen und staatliche Aufgaben ist – für Sozialsysteme, persönliche Einkommen und Altersvorsorge. Gleichzeitig herrscht hierzulande eine große Berührungsangst gegenüber dieser Basis. Allein mit dem Wort Aktienkultur kann in Deutschland die überwiegende Mehrheit wenig anfangen – allenfalls mit dem Hinweis auf schlechte Erfahrungen, in der Überzeugung, Aktien seien etwas für risikobewusste Börsenfüchse mit genügend Spielgeld.

Neben falschen Vorstellungen spielen wohl soziale Komponenten eine Rolle. Es bedarf kaum der bestätigenden Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (AI), um zu ahnen, dass die meisten Anleger in Regionen mit hohen Durchschnittseinkommen wohnen. Ist Aktienkultur in Deutschland nur ein Thema für wohlhabende Eliten?

Jugend ist pragmatischer und informierter

Auf jeden Fall nur für einen recht geringen Teil der Bevölkerung. Der letzten AI-Auswertung zufolge sind es 15,7 %, die direkt als Aktionäre oder indirekt über Fonds in Aktien investieren. In Zahlen: 10,06 Mio. von 82,3 Mio. Einwohnern über 14 Jahren zu Anfang 2018. Im Jahr zuvor waren es noch 1,1 Mio. weniger. Damit wurde ungefähr der Stand von vor der Finanzkrise erreicht. Nach wie vor ist die Zahl der Fondsbesitzer gegenüber direkten Aktionären fast doppelt so hoch. Und nach wie vor entfällt das Gros tatsächlich auf Menschen ab 50 mit höheren Einkommen.

Zusätzliche Erkenntnisse bringt das Marktforschungsinstitut Toluna in der Studie „Aktienkultur in Deutschland“. So stieg unter den 25- bis 34-Jährigen der Aktienanteil in der Geldanlage im Vorjahresvergleich von 19 % auf 33 %. Die Jugend holt auf und scheint das Thema pragmatischer und mit mehr Vorwissen anzupacken. Diese Altersgruppe ist nicht nur mit dem Internet und seinen Informationsangeboten aufgewachsen, sondern auch mit neuen Produkten wie den einfachen, robusten Indexfonds bzw. ETFs, die es hierzulande erst seit 2000 gibt.

Doch alte Krisen prägen das Image

Das war die Zeit, an die sich viele Ältere mit Schrecken erinnern, weil sie in der geplatzten Dotcom-Blase ihre Ersparnisse verloren haben, die sie naiv in zuvor massiv beworbene „Volksaktien“ à la Telekom und gestrandete Internetnewcomer gesteckt hatten. Zu der Zeit gab es noch keine ETFs, die sich mit ihrer breiten Streuung in der Finanzkrise 2009 gegenüber Einzelaktien bewähren konnten.

Die Ereignisse wirken bis heute nach. Fast die Hälfte der von Toluna Befragten hält Aktien für Spekulations-Papiere. In einer Untersuchung des Deutschen Aktieninstituts meinen 65 %, sie seien „zu riskant“ und „nur was für Finanzprofis“. Kein Wunder, dass Ersparnisse auf Sparbüchern landen, in Lebensversicherungen oder Riester-Renten, die nichts abwerfen aber teils staatlich gefördert werden. Passend dazu äußern sich nur wenige Politiker positiv über Aktien, und wenn, dann eher aus dem Lager der „üblichen Verdächtigen“. Gleichwohl ist man auch im linken Spektrum froh, wenn Unternehmensgewinne Steuern abwerfen.

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Dabei kann Aktiensparen so einfach sein

Dabei kann auch jeder Aktien- oder Fondsbesitzer seinen Gewinnanteil einheimsen. Allein im deutschen Leitindex Dax eilen die Dividenden von einem Rekord zum nächsten. Und der Dax selbst mag 2018 mit Verlust abgeschlossen haben, doch auf Sicht von 20 Jahren brachte er eine jährliche Durchschnitts-Rendite von 8,9 % im Jahr. Selbst wer nur 50 Euro im Monat übrig hat, könnte damit über einen simplen Dax Aktiensparplan als ETF nach 20 Jahren 33.217 Euro einstreichen. Zieht man Steuern und Inflation ab, so ist es immer noch um Längen mehr als bei jeder Zinsanlage.

Besonders risikoreich sind diese Sparpläne nicht. Wer will, kann sie zum Sparbuch hinzunehmen. Billiger und einfacher geht’s nicht. Den meisten scheint kaum bekannt zu sein, dass Aktiensparpläne nicht nur so einfach sind wie klassische Sparformen, sie sind häufig noch flexibler: Sparraten aussetzen, ändern, beliebig aussteigen, wenn die Rendite am höchsten ist – wie man möchte.

Trotzdem ist die Aktienkultur in Deutschland ohne Unterstützung

Und was kann der Staat tun? Es gibt eine ganze Reihe berechtigter Forderungen, die von Bürokratie- und Regelungsvereinfachung bis zu Steuerfragen reichen. So wäre für Langfristanleger die 2009 durch die 25 %-Abgeltungssteuer abgelöste alte Versteuerung erheblich attraktiver, weil nach einem Jahr Haltefrist die Gewinne frei waren.

Bei Immobilien gibt es eine solche Spekulationsfrist von 10 Jahren. Da aber die verbreitete Zurückhaltung bei Aktien eher mit Angst vor Spekulation und komplizierten Vorgängen zu tun hat, wäre es dringend angebracht, öffentliche Pensionsfonds einzurichten, die im Grunde nicht anders funktionieren als ein Sparplan.

Nicht nur in den USA sind sie integraler Bestandteil der Altersvorsorge. Auch im sozialstaatlichen Norwegen gibt es auf ähnlicher Basis einen Vermögensbildungsfonds für Bürger. Entsprechend ist in diesen Ländern die Aktienkultur erheblich ausgeprägter. Die Politik in Deutschland sollte aufhören, Aktien so zu behandeln, als gehörten sie in den Giftschrank.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.