Automobilzulieferer-Aktien: besser als ihr Ruf

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Viele Automobilzulieferer-Aktien sind derzeit zu Unrecht im Keller. Dabei verwandeln sich die Firmen in veritable Technologieunternehmen. (Foto: Nils Versemann / Shutterstock.com)

Noch vor wenigen Jahren waren sie die heimlichen Gewinner der Autobranche: Automobilzulieferer-Aktien. Aber nach dem Dieselskandal und im grundlegenden Wandel, was die Mobilität der Zukunft angeht sowie der einhergehenden Verunsicherung mit Absatzproblemen der Hersteller scheinen sie seit letztem Jahr unter die Räder zu kommen. Andererseits gab es schon früher schwierige Phasen für Automobilzulieferer-Aktien. Etwa im Jahr 2002, als ebenfalls vom „großen Ausverkauf“ die Rede war.

Negativstimmung an der Börse

Im Herdentrieb negativer Stimmung können sich durchaus Chancen bieten, günstig zuzusteigen – gerade für langfristig orientierte Anleger. Doch wie steht es wirklich? Bezeichnend ist beispielsweise die Situation des Branchenführers Continental. Die Automobilzulieferer-Aktie verlor über drei Jahre fast 37% und ist stark unterbewertet. Der geplante Teilbörsengang der Antriebssparte Powertrain wurde jüngst auf Eis gelegt. Wegen des schwachen Marktumfelds werden nun Alternativen wie eine vollständige Abspaltung geprüft. Näheres ist aufgrund derzeitiger Unwägbarkeiten am Markt nicht zu erfahren.

Automobilzulieferer hängen naturgemäß von ihren Hauptkunden ab, den Autoherstellern. Die wiederum verzeichnen seit geraumer Zeit zum einen teils erhebliche Umsatzeinbußen. Eine Rolle spielen unter anderem der Zoll- und Handelsstreit mit China, wo die Verkäufe um rund 8% zurückgingen. BMW, Daimler oder VW könnten zwar auf einen absehbaren Nachholeffekt setzen, doch angesichts der ohnehin hohen Verschuldung in der Automobilbranche wirbelt der Sturm der Mobilitätswende die Planungen kräftig durcheinander.

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03.10 201921:55GeVestor erklärt

Sind die von Pricewaterhouse Cooper (PwC) geschätzten Gesamtkosten für die Umstellung von durchschnittlich ca. 66 Mrd. Euro für jeden Hersteller schon horrend, so wissen die Konzerne kaum, in welche Richtung sie investieren sollen: Batterie-, Wasserstoff-, Hybridfahrzeuge, autonomes Fahren oder Carsharing Modelle. Gleichzeitig gilt es, bisherige Antriebssysteme zu verbessern, die nicht von heute auf morgen verschwinden werden.

Strukturwandel mit neuen Chancen

Das auch von der Politik und Investorenerwartungen getriebene Dilemma spiegelt sich bei den Automobilzulieferern. Und nicht jeder hat die Finanzkraft, in alle potenziellen Kanäle zu investieren. Das Ganze gerät zum Glücksspiel auf die Zukunft. Was etwa, wenn alles auf Batterien setzt und auf einmal die Probleme mit der umweltschädlichen Herstellung, Rohstoffengpässen oder der noch völlig unbeachteten Entsorgung auf breiter Front durchschlagen? Wenn Batteriefahrzeuge in der Sackgasse landen, waren auch die Investitionen in entsprechende Komponenten verfehlt.

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Es liegt auf der Hand, dass es die eine Komplettlösung für alle nicht geben wird. insofern sind Zukunftstrends auf lange Sicht mit Vorsicht zu genießen. Die Kehrseite ist, dass die Vielfalt von Ansätzen auch Chancen für neue Betätigungsfelder und Nischen bietet. Allerdings werden die Automobilzulieferer dafür viel Geld in die Hand nehmen müssen. Kleinere, die es nicht schaffen und verschwinden werden den größeren Unternehmen Marktanteile überlassen, was deren Position stärkt.

Eines der Zukunftsfelder, die langfristig Potenzial bieten, ist die Automatisierung. Dabei geht es nur vordergründig um völlig autonome, selbstfahrende Autos, die aber schon aufgrund struktureller und rechtlicher Fragen nicht so schnell und dann nur begrenzt auf die Straßen kommen werden. Interessant sind die unteren Varianten auf der Skala bis 5 wie assistiertes, teil- oder hochautomatisiertes Fahren. Auch hier spielen Software, Halbleiter, Prozessoren, cloudbasierte und vernetzte Systeme eine Rolle. Teil der Digitalisierung ist die künstliche Intelligenz.

Perspektiven besser als die Börsenstimmung

Neben dem nicht börsennotierten Riesen Bosch, beeindrucken beispielsweise Continental, Hella oder Valeo aus Frankreich mit Innovationen. Continental etwa verzeichnet seit Jahren ein Umsatzwachstum und glänzt mit Gewinnen knapp unterhalb von 3 Mrd. Euro. Das gleiche Bild bei Hella, wo der Gewinn zuletzt um über 60% auf 630 Mio. Euro geklettert ist. Auch der kleinere Mitbewerber Valeo wächst unaufhaltsam. Je kleiner die Volumina der Firmen sind, desto stärker schlagen natürlich Investitionskosten beim Gewinn zu Buche. Beispiel Leoni, das aber seit Jahren steigende Umsätze aufweist. Bertrand ist ebenfalls eine interessante Automobilzulieferer-Aktie.

Das weitgehend traurige Bild der Performance will so gar nicht zur fundamentalen Realität passen. Viele Anleger scheinen nicht zu erkennen, dass sich etliche Automobilzulieferer derzeit in veritable Technologieunternehmen verwandeln. Selbst die Schäffler AG, die noch hinterherhinkt, beginnt umzudenken. Insofern bieten sich derzeit durchaus hervorragende Chancen, bei Automobilzulieferer-Aktien günstig zuzusteigen.

Allerdings: Wenn sich mit der zunehmend komplexen Materie selbst mancher Ingenieur schwer tut, können Anleger die Geschäftstätigkeiten immer weniger beurteilen. Bleibt die Beobachtung, ob das Management die Marktstellung stärken und gute Bilanzen hervorbringen kann.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.