Brexit: Risiken für deutsche Unternehmen

Brexit zerbrochenes Ei_shutterstock_407998837_nito

Vom Brexit sind etliche deutsche Unternehmen betroffen. Doch viele sind vorbereitet und werden mit flexiblen Lieferketten konkurrenzfähiger. (Foto: nito / shutterstock.com)

Selten in der Geschichte hat ein Volksentscheid zu derartigen Verwerfungen geführt wie der Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Theresa May spielt ihr eigenes Spiel, das Parlament ist gespalten, das Land steckt in der Sackgasse. Bis Ende März bleiben nur wenige Wochen. Abgesehen davon, dass der Brexit auch deutsche Unternehmen auf Trab hält, verlassen immer mehr britische Firmen die Insel.

Großbritannien hat nichts vorbereitet

Hatten schon etliche Banken neue Domizile in der EU gesucht, so will jetzt auch der britische Staubsaugerhersteller Dyson seinen Sitz nach Singapur verlagern – Hauptsache raus aus England. Die Reederei P&O Ferries flaggt einen Teil ihrer Fähren bereits um, die im EU-Mitglied Zypern angemeldet werden. Und die Fluglinie Easyjet will Aktionäre aus Großbritannien sowie anderen Nicht-EU-Ländern loswerden, um sie gegen europäische Anleger auszutauschen. Nur wenn die eine Mehrheit bilden, bleiben die bestehenden Flugrechte in Europa erhalten.

Derweil veranlasst der völlig unplanbare Brexit deutsche Unternehmen zu Notfallszenarien. So warnte dieser Tage die Süßwarenbranche vor Rückschlägen. Gut 6 % ihrer Produktion wird auf der Insel verkauft, insgesamt rund 800 Mio. Euro. Dabei läuft es bereits seit zwei Jahren um 50 Mio. Euro schlechter. Als Grund wird das geschwächte Britische Pfund genannt.

Es geht beim Brexit für deutsche Unternehmen also um mehr als Lieferengpässe durch neue Kontrollen und Zölle von bis zu 15 %. Kein Mensch weiß, welche Zertifizierungen für Geräte oder Dienstleistungen gelten werden oder welche Zollformulare auszufüllen sind. Es gibt von Seiten der Briten einfach keine. Dichter Nebel auch was Produktzulassungen angeht, klagt die Chemiebranche. Ebenfalls unklar sind Fragen von Datentransfers oder Aufenthaltsvoraussetzungen für EU-Mitarbeiter in Großbritannien. Unfassbar nach so langer Zeit seit dem Referendum.

Diese deutschen Unternehmen träfe der Brexit besonders

BMW beispielsweise, das neben Autos Motoren auch für hiesige Fahrzeuge in UK produziert, zieht in seinen britischen Werken die Sommerferien auf den voraussichtlichen Austrittstermin Ende März vor. Eines davon war bereits zwischenzeitlich geschlossen worden. Den Autobauer trifft der Brexit unter den deutschen Unternehmen besonders hart. Wie überall in der Branche, wird Just In Time produziert. Doch was, wenn sich wichtige Teile nicht mehr zeitig liefern lassen?

Anders als bei der Produktion in den USA sind die Aufgaben zwischen Großbritannien und Deutschland völlig verteilt. Das Transportrückgrat bilden 150 LKW täglich. Eine brüchige Lieferkette der bis zu 5.000 Teile beschäftigt BMW schon seit Monaten. Auch wenn der Konzern es nicht offiziell so sagt: Zu den möglichen Szenarien gehört eine teilweise Produktionsverlagerung nach Europa. Derweil soll eine ausgefeilte Krisenlogistik die schlimmsten Folgen abfedern. Dazu gehört unter anderem eine Ausweitung von Lagerkapazitäten.

Brexit zerbrochenes Ei_shutterstock_407998837_nito

Wer Wind säht: Stürmische Zeiten für EuropaEuropa steht am Abgrund. EU-Kommissionspräsident Juncker machte Rettungs-Vorschläge. Doch diese würden die Union vollends demontieren... › mehr lesen

Mit der Lieferung teils verderblicher Waren hat es Bayer zu tun. Kontrastmittel für ärztliche Diagnosen etwa sind nur kurze Zeit haltbar. Bei langen Staus an der Zollabfertigung ein Horrorszenario. Und was, wenn Chemikalien plötzlich ihre in der EU unproblematische Zulassung verlieren? Und was ist mit dem Transit ins EU-Land Irland? Auch Bayer hat sich längst in internen Szenarien auf einen harten Brexit eingestellt. Teil davon ist die Aufstockung von Medikamentenvorräten.

Finanzmärkte wetten auf sanften Ausstieg

Weniger dramatisch sieht es für VW aus, das mit der Marke Bentley auf der Insel vertreten ist. Wolfsburg hat angeblich mit einer Aufstockung der Lagerbestände vorgesorgt. Notfalls würde auch die Produktion an einigen Tagen ausgesetzt werden.

Der Zulieferer Bosch wiederum hat geplante Investitionen für Großbritannien in Höhe von 39 Mrd. Euro ausgesetzt. Der Mdax-Autozulieferer Schaeffler will dort zwei Werke schließen und die Produktion in die EU verlagern. Auch Airbus steht mit seiner verteilten Produktion vor ungelösten Problemen. Viele der 15.000 britischen Mitarbeiter könnten ihre Jobs verlieren. Erst recht, wenn die von ihnen hergestellten Flügelteile ihre Zulassung in Europa verlieren und damit unbrauchbar werden.

Damit sind nur Beispiele der insgesamt rund 2500 deutschen Unternehmen genannt, die auf der Insel Produkte herstellen. Als Anleger sollte man sich auf eine Delle einstellen. Wenn sie überhaupt kommt. Denn von einem harten Brexit wären die Briten um Längen stärker betroffen. Auch die Finanzmärkte gehen daher von einer – wie auch immer gearteten – Notlösung aus.

Und wie so oft, bieten Risiken nebenbei auch Chancen: Die notgedrungene Umstellung in der Logistik macht die Firmen flexibler und anpassungsfähiger gegenüber Krisen. Gleichzeitig erhöht es ihre Wettbewerbsfähigkeit, wenn sie ihre Lieferketten noch effizienter gestalten müssen.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.