Britische Aktien: Chancen mit Risiko

Seit dem Brexit steht ein großes Fragezeichen hinter Großbritanniens Wirtschaft. Bisher jedenfalls kam vieles anders als erwartet. Britische Aktien legten nach dem Referendum kräftig zu. Der Leitindex FTSE 100, der für 80 % der gesamten britischen Börsenkapitalisierung steht, stieg bis heute um 21 % und erreichte historische Höchstmarken.

Britische Aktien: Gewinner und Verlierer

Gleichzeitig fiel das Britische Pfund, was gerade Unternehmen zugute kam, deren Produkte im Ausland billiger wurden. Typisches Beispiel ist der Online-Händler Asos, dessen Umsatz außerhalb der Insel um 50 % zunahm. Zu den Verlierern gehören Branchen, die von der Binnenkonjunktur abhängen.

Beim Einzelhandel verlor Tesco seit letztem Herbst 8,52 %, Marks & Spencer auf Jahressicht gar über ein Viertel. Ebenfalls im Abwärtstrend sind Luftfahrt- und Reisegesellschaften. IAG (International Airlines Group) gab innerhalb eines Jahres um 2,84 % nach. Und Easyjet plagt sich mit einem Minus von 38 %.

Dass der Tourismusriese TUI in dem Zeitraum nur 3,31 % verlor, liegt vor allem an der internationalen Aufstellung und seiner Struktur als britisch-deutsches Unternehmen. Seit der Fusion mit TUI Travel wurde der Sitz in Hannover genauso wie die Rechtsform AG beibehalten. Gelistet ist die Aktie jedoch im FTSE 100.

Shell als Kaufgelegenheit

Das Schwergewicht im Leitindex ist die ebenfalls nicht reinrassig britische Aktie Royal Dutch Shell. Der Energiekonzern mit Sitz in London und der Verwaltung in Den Haag konnte zwar zunächst von der Öl-Euphorie seit Donald Trump und durch die jüngsten OPEC-Beschlüssen beflügelt zulegen. Doch seit Jahresbeginn ging es um fast 6 % bergab.

Shell verschreckte einige Anleger mit einem Gewinnrückgang um 37 %. Damit brachte 2016 den niedrigsten Erlös seit 10 Jahren. Der Konzern muss massiv Schulden abbauen. Zuvor hatte Shell den Gas-Konkurrenten BG geschluckt. Nun werden Käufer für den Großteil der Nordseeaktivitäten gesucht. Immerhin schlägt sich Shell etwas besser als etwa Exxon. Aktuell ist die Aktie leicht unterbewertet, was man als Einstiegschance sehen kann.

Bergbaukonzerne heben ab

Gut zulegen konnte etwa der international operierende Bergbau- und Rohstoffkonzern Anglo American. Nach langem Abwärtstrend legte die Aktie seit letztem Jahr um 187,36% zu. Gute Gewinnprognosen und ein positiver Trend machen das stark unterbewertete Papier interessant.

Ähnliches gilt für den chilenischen Bergbaukonzern Antofagasta, der seinen Sitz in London hat. Nach vorangegangenen Verlusten lag das Jahresplus bei fast 75 %. Mit fast 85 % konnte der multinationale Mitbewerber Rio Tinto noch einen Tick besser zulegen. Auch hier stehen alle Ampeln auf grün. Die Aktie wird mehrheitlich als Outperformer eingestuft.

Gerade die Bergbautitel werden von den Programmen Donald Trumps getrieben. Der Anlass für die Phantasie: Setzt er sein angekündigtes Infrastrukturprogramm um, werden für Schienen, Brücken und Gebäude Industriemetalle in Massen benötigt.

Hoher Unsicherheitsfaktor zentrales Risiko

Für Anleger birgt dies die Gefahr, dass die positiven Erwartungen an der Marktsituation außerhalb der USA scheitern könnten. Generell stagniert die Nachfrage nämlich bei einem leichten Überangebot. Und ob sich das Infrastrukturprogramm im geplanten Ausmaß umsetzen lässt, ist noch nicht ausgemacht.

Unabhängig davon haben britische Aktien einen anderen Vorteil. Sie gehören weltweit zu den Dividenden-Champions. Auch in diesem Jahr werden Dividenden von über 4% gezahlt. Wer jetzt einsteigt, profitiert zudem, wenn das geschwächte Britische Pfund wieder stärker werden sollte. In dem Fall werden neben den Aktien auch die Dividenden mehr wert. Doch das ist eine risikoreiche Währungsspekulation.

Der weitere Verlauf in Abhängigkeit von den Brexit-Folgen ist völlig unsicher. Auch sind Hinweise, die Wirtschaft habe sich trotz des Referendums samt Arbeitslosenquote überraschend stabil entwickelt, mit größter Skepsis zu genießen. Denn noch ist Großbritannien nicht aus der EU ausgetreten. Was danach kommt, steht in den Sternen.

3. März 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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