Britisches Pfund: Warum auf Erholungen Rückschläge folgen

So schnell kann es gehen. Kaum war die Entwicklung des Britischen Pfund nach seiner Talfahrt in eine Erholungsphase übergegangen, kam Mitte Oktober ein neuer Rücksetzer: War der Euro noch für 0,88 Pfund zu haben, kostete er tags darauf schon 0,894 Pfund. Ist das der Zeitpunkt, sich damit  einzudecken und auf eine Erholung zu spekulieren?

Entwicklung des Britischen Pfund

Vorsicht ist angesagt. Schon am 29. August war das Pfund mit 0,926 an seinem Tiefpunkt, der nur nach der Finanzkrise Ende 2008 mit 0,954 unterboten wurde. Wer aber meinte, zugreifen zu müssen und zuletzt den Ausstiegszeitpunkt verpasste, hat über ein Drittel seiner Gewinne verloren. Ähnliches gilt für den Oktober letzten Jahres, als ebenfalls eine Neun nach dem Komma stand.

Seitdem war auf jede Erholung ein Rückschlag gefolgt. Im Verhältnis zum Dollar verlief die Entwicklung des Britischen Pfund bis auf einige Abweichungen nicht viel anders. Der jüngste Dämpfer ist übrigens auf Äußerungen der Notenbank (BoE) zurückzuführen, die Zinsen trotz gestiegener Inflation auf ihrem Tiefstand zu belassen. Sie hatte den Leitzins nach dem Brexit-Schock auf 0,25 % gesenkt.

Dabei begann die Abwärtsentwicklung des Britischen Pfund nicht erst mit dem Referendum zum Ausstieg aus der EU. Noch 2015 präsentierte sich die Inselwährung stark: Der Euro war zeitweise für nur 0,694 Pfund zu haben. Darauf ging es in einer ersten Stufe bis zum Frühjahr 2016 abwärts. Nach einer kurzen Verschnaufpause zündete dann der Brexit die nächste Stufe. Die Notenbank sah sich gezwungen, die Wirtschaft mit Geld zu versorgen und die Konjunktur zu stützen.

Inflation oder Konjunkturbremse

Die niedrigen Zinsen zeigten mit etwas Verzögerung Wirkung. Zumindest ab Oktober trat nicht nur ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, auch die Wirtschaftsdaten fielen weniger dramatisch aus, als zunächst befürchtet. Die Arbeitslosenquote sank bis zuletzt auf rekordverdächtige 4,3 % und die Einkommen legten sogar zu. Das Schreckgespenst einer Rezession blieb ein solches, wenn auch die Wirtschaft dieses Jahr weniger stark wuchs als vor der Brexit-Abstimmung.

Von den erfreulichen Daten gestärkt, sah die Regierung unter Theresa May wenig Veranlassung, von ihrer harten Brexit-Linie abzuweichen und in den Ausstiegsverhandlungen mit der EU nachzugeben. Aufgrund ihrer planlos wirkenden Vorgehensweise jedoch wuchsen die Bedenken, dass der große Knall erst noch kommt, wenn London seine EU-Mitgliedskarte in Brüssel abrupt auf den Tisch knallt.

Derweil zog die Konjunktur im Euroraum an, was der Gemeinschaftswährung Auftrieb gab. In der Gemengelage zwischen stärkerem Euro, der erfreulichen britischen Konjunktur und einem Wechselbad der Gefühle samt Aussichten in Bezug auf die Ausstiegsverhandlungen mit der EU konnte sich das Pfund zuletzt immer wieder behaupten.

Die jüngste Äußerung zum Beibehalten der niedrigen Zinsen jedoch legt einen wunden Punkt frei: Den Briten läuft die Entwicklung davon – und sie sitzen in der Klemme. Durch das schwache Pfund wurden Importe immer teurer, die Verbraucherpreise stiegen im September um 3 %. Das Ziel der Notenbank waren höchstens 2 %. Wegen der Pfundschwäche hat zum Beispiel das Möbelhaus Ikea frisch verkündet, seine Preise um 3 % zu erhöhen.

Feuer unterm Dach

Hebt die BoE aber die Zinsen an, wird die Konjunktur belastet, die Nachfrage nach Krediten, der Konsum und Unternehmensinvestitionen lassen nach. Die BoE jedenfalls setzt darauf, dass sich die Spirale aus höheren Löhnen und steigenden Preisen nicht weiter dreht.

Aber schon kursieren Berechnungen der Universität in Sussex, denen zufolge ein harter Brexit jeden Haushalt auf der Insel 260 Pfund im Jahr mehr kostet, weil dann zum schwachen Pfund noch Zölle auf importierte Eurowaren kommen. Addiert man diese zusätzliche Preissteigerung von 0,9 % zur Inflation von zuletzt 3 %, wird es brenzlig.

Offenbar ist dies auch Theresa May nicht entgangen. Sofort fuhr sie nach Brüssel. Dort heißt es, sie habe sich bei Jean-Claude Juncker „spontan selbst eingeladen“. Der ungewöhnliche Vorgang zeigt, dass wohl Feuer unterm Dach ist. Nicht auszuschließen, dass auf den jüngsten Kursrutsch weitaus größere Verwerfungen folgen.

17. Oktober 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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