Darum tun sich Modehersteller mit dem Turnaround schwer

Aktien von Textilunternehmen wie Hugo Boss, Gerry Weber oder Tom Tailor werden in absehbarer Zeit keine nennenswerte Erholung zeigen. (Foto: r.classen / shutterstock.com)

Bekleidung geht immer, heißt es verbreitet. Doch die Textilbranche hat sich radikal gewandelt. Anleger, die Aktien von Textilunternehmen halten, wurden in den letzten Jahren enttäuscht, zumindest was deutsche Traditionsfirmen betrifft. Günstige Produktion im Ausland und gefragte Trends helfen offenbar nicht weiter.

Aktien von Textilunternehmen enttäuschen

Viele bekannte Modemarken stecken in der Krise und können kaum mit dem veränderten Konsumverhalten mithalten. Zwar haben sich die Kurse von Aktien etlicher Textilunternehmen wieder etwas gefangen, doch sie liegen immer noch erheblich unter ihren Werten, zu denen sie bis ungefähr Mitte 2015 notierten.

Das Papier des einstigen Börsenlieblings Gerry Weber etwa ist für 12 € zu haben. 2014 kostete es noch fast 39 €. Und Hugo Boss stürzte von 120 € auf unter 50 € Mitte letzten Jahres, kommt aber aktuell nicht über die 70 €-Marke. Auch die Aktie des Textilunternehmens Tom Tailor kostet mit 8 € nur noch gut die Hälfte als noch 2014.

Einer der Auslöser des Crashs bei namhaften Herstellern 2015 war der zuvor warme Winter. Zudem war damals der Markt in Russland durch die Wirtschaftssanktionen weggebrochen. Doch die bislang ausbleibende, markante Erholung zeigt, dass die Branche mit strukturellen Problemen zu kämpfen hat. Letztes Jahr ging sogar der Modehersteller und Adler-Großaktionär Steilmann in die Insolvenz.

Hausgemachte Probleme

Häufig wird behauptet, die Verbraucher bevorzugten mittlerweile Elektronikgeräte oder Reisen. Doch tatsächlich herrscht am deutschen Markt ein Überangebot, Und zwar nicht nur an Waren, sondern auch an Verkaufsflächen. Der Rechnung, mit immer mehr neuen ,eigenen Läden auf Wachstum zu setzen, ging vielfach nicht auf.

Das bekam der Handel genauso zu spüren wie die Hersteller. Als erfolgreichere Konkurrenz erwiesen sich Ketten wie H&M, Zara oder Primark. Sie decken alle Bereiche vom Design bis zum Verkauf ab und verdrängen klassische Textilgeschäfte, womit ein wichtiger Vertriebskanal der Hersteller entfällt.

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Nach Gewinnwarnungen mussten die Produzenten Stellen streichen. Und nach wie vor suchen sie Antworten auf die Konkurrenz, die vor allem aus dem Internet kommt. Zu den Profiteuren des Online-Booms gehören Amazon oder Zalando, die Tausende von Marken zum unschlagbaren Preis verkaufen.

Die große Ausnahme unter den deutschen Herstellen ist Adidas. Der Sportartikelfabrikant gehört ebenfalls zu den Mode-Aktien und vermeldet nicht nur in China Umsatzrekorde. Adidas hat vor allem zeitig auf den digitalen Vertriebskanal gesetzt – mit Erfolg. Die Aktie stieg auf Sicht von drei Jahren um über 121%. In den letzten zehn Jahren waren es sogar 275%.

Verhalten positive Aussichten

Wie man sieht, geht es also doch. Spät, aber hoffentlich nicht zu spät, haben Hugo Boss & Co. begonnen, umzustrukturieren. Und was sagen die Analysten? Bei Gerry Weber sind sie positiv eingestellt. Letzterer macht offenbar mit seinem Umbauprogramm „Fit4Growth“ spürbare Fortschritte. Bis 2020 wird dem Hersteller eine operative Marge von 10% zugetraut. Letztes Jahr waren es nur 1,5%. Zudem ist ein Aktienrückkauf geplant, der der Aktie Auftrieb verleihen sollte.

Bei Tom Tailor ist die Zukunft noch nicht so klar. Nach zuletzt roten Zahlen trennt sich das Unternehmen zumindest von einigen Altlasten und konnte sowohl die Schulden als auch hohe Lagerbestände senken. Die Zielmärkte werden neu ausgerichtet und der Online-Handel gestärkt. Die Konsolidierung dürfte jedoch länger dauern als bei Gerry Weber.

Hugo Boss wiederum will eine günstigere Zweitmarke für die jüngere Kundschaft eröffnen. Dies ist die Antwort darauf, dass die einstige Edelmarke zu viele Kunden durch zu teure Produkte verloren hat. Auch das Online-Geschäft ist nur eine zarte Pflanze und muss sich erst etablieren. Bis die hausgemachten Fehler ausgebügelt sind, wird es dauern. Positiv ist zumindest, dass im ersten Quartal das Ergebnis um ein Viertel gestiegen ist.

Fazit: Sollte den Textilunternehmen der Turnaround gelingen, so brauchen Anleger eine gehörige Portion Geduld. Mit nachhaltig profitablem Wachstum ist nicht vor Ablauf 2018 zu rechnen. Aber selbst dann ist eine Rückkehr zu den erfreulichen Notierungen bis 2014 eher Glückssache.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.