Den Kapitalmarkt timen: Eine Trading-Strategie mit Tücken

Bestimmt haben Sie schon einmal die Geschichte gehört:

Einem befreundeten Anleger ist es gelungen, eine Aktie zu (lokalen) Tiefstkursen zu kaufen, für eine Weile zu halten und anschließend zu Höchstkursen zu verkaufen. Voller Stolz erzählt er Ihnen von seinem Coup.

Mit Ehrfurcht, womöglich sogar mit Neid hören Sie sich seine Geschichte an. Man nennt diese Strategie den Kapitalmarkt zu „timen“.

Um den Markt zu „timen“ verwenden Anleger häufig technische Analyseindikatoren wie Aufwärts- oder Abwärtstrends, werten ökonomische Fundamentaldaten aus oder vertrauen auf Glück.

Viele Anleger sind geradezu erpicht darauf, genau den perfekten Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu erreichen.

Dementsprechend groß ist die Frustration, wenn es Ihnen nicht gelingt.

Und da es naturgemäß nur in den seltensten Fällen gelingt, sind viele Markt-Timer entsprechend frustriert und ziehen sich von der Börse wieder zurück.

Noch nicht einmal Warren Buffett gelingt Markt-Timing

Dabei ist es in der Geschichte der Börse keinem Anleger jemals gelungen, dauerhaft, das heißt über einen Börsenzyklus hinweg, mit verschiedenen Aktien erfolgreich zu Tiefstkursen zu kaufen und zu Höchstkursen zu verkaufen.

Das sieht auch Warren Buffett so, der erfolgreichste Anleger aller Zeiten.

Und das, obwohl er beileibe keine One-Man-Show ist, sondern von Heerscharen von Analysten, Strategen und Marktbeobachter unterstützt wird, die ihn in seinen Ein- und Ausstiegszeitpunkten beraten.

Das Fazit lautet daher: Zu Tiefstund Höchstkursen ein- und auszusteigen gehört ins Reich der Börsen-Mythen.

Die Kosten des Markt-Timings

Zumal wir noch gar nicht über die Kosten des Markt-Timings gesprochen haben. Denn diese können erheblich sein.

Einer Analyse von Morningstar zufolge, einem US-amerikanischen Finanzinformations- und Analyseunternehmen, haben aktiv gemanagte Fonds, die sich bei ihren Ein- und Ausstiegszeitpunkten an ausgewählten makroökonomischen Faktoren orientieren, eine um 1,5 % pro Jahr schlechtere Wertentwicklung als passiv gemanagte Fonds, die ihren Aktienbestand längerfristig halten.

Diese schlechte Wertentwicklung hat vor allem zwei Ursachen:

1. Opportunitätskosten: Wäre ein Investor im US-amerikanischen S&P 500-Index, einem breiten Aktienindex aus den 500 größten US-Unternehmen, dauerhaft investiert, hätte er im Zeitraum 1995 bis 2014 eine durchschnittliche jährliche Kurssteigerung von 9,9 % erzielt.

Hätte er jedoch die zehn besten Tage versäumt, würde seine Wertentwicklung auf 6,1% zurückgehen.

Dies liegt daran, dass Aktienmärkte häufig gerade während der volatilen Marktphasen dazu neigen, besonders starke Kursanstiege zu erzielen.

Wer dann nicht investiert ist, verliert langfristig.

2. Transaktionskosten: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Markt-timende Fonds gegenüber dem Aktienmarkt eine um bis zu 3 % schlechtere Wertentwicklung aufweisen als Fonds mit einem sogenannten Buy-and-Hold-Ansatz, die unterbewertete Aktien erwerben und diese langfristig behalten.

Neben den zum Teil erheblichen direkten und indirekten Kosten für den Kauf und Verkauf von Aktien – zu nennen sind vor allem die Geld-Brief-Spanne sowie Makler- oder Börsengebühren –, sind hierfür auch Kapitalertragssteuern verantwortlich.

Morningstar zufolge müssen Markt-timende Fonds eine Trefferquote von über 70% erreichen, um eine vergleichbare Wertentwicklung aufzuweisen wie passive Fonds.

Eine kaum zu erreichende Trefferquote.

Sie sehen also, dass Sie mit der bewährten Buy-and-Hold-Strategie und einem fundierten Aktienauswahlverfahren wesentlich besser aufgehoben sind.


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22. Oktober 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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