Deutschlands Chemie-Aktien: profitable Zykliker

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Deutschlands große Chemie-Aktien sind als Langzeitinvestments rentabler als der Dax. Die meist günstigen Bewertungen bieten einiges Potenzial. (Foto: g0d4ather / Shutterstock.com)

Zyklische Titel erleben immer wieder dieselben Höhen und Tiefen. Zu ihnen gehören auch Chemie-Aktien. In Deutschland wird der Sektor zusätzlich durch Klagen gegen den von Bayer gekauften Agrarchemie-Konzern Monsanto belastet. Ähnlich wie lange bei VW tun sich stets neue Untiefen im Glyphosat-Skandal auf. Die BASF hat ein schlechtes Jahr zu verdauen und Covestro nagt an den Folgen seiner Gewinnwarnung – Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob die Chemie noch stimmt.

Chemie-Aktien langfristig besser als Deutschlands Leitindex

Doch die Branche lebt nicht von kurzfristigen Effekten. Die letzten zehn Jahre brachten Chemie-Aktien in Deutschland 274 % Plus. Damit lief der Subsektor im Dax erheblich besser als der Schnitt im Leitindex, der auf 197 % kam. Zwar war auf Jahressicht der Verlust mit 6,7 % rund doppelt so hoch, dafür ist die Erholung seit drei Monaten entsprechend ausgeprägter.

Was auffällt, sind die verbreitet günstigen Bewertungen mit KGV-Werten zwischen 10 und 12. Sollte man also bei schlechten Nachrichten zukaufen oder zumindest halten? Immerhin mag die Schwankungsanfälligkeit der Branche abschrecken. Die aber ist nicht zwingend ein Zeichen für schwache Erträge. Auch wenn sich die Konzerne zunehmend auf Spezialchemie verlegen, so werden die meisten Gewinne in den zyklischen Sparten der klassischen Basischemie eingefahren.

Die Standardprodukte haben zudem den Vorteil, dass sie weniger von Patentlaufzeiten oder gravierenden technischen Neuerungen beeinflusst werden. Bei stabiler und wachsender Nachfrage steigen zunächst die Renditen. Doch wenn nach geraumer Zeit neue Produktionsstätten eröffnet werden, um das Geschäft am Laufen zu halten, erhöht sich automatisch das Angebot, was die Margen wieder einstweilen drückt. Langfristig ist dieses Geschäft stabiler als es auf Anhieb aussieht. Hier profitiert gerade die BASF.

Monsanto Probleme im entscheidenden Jahr

Höher veredelte Produkte wiederum laufen konstanter, erfordern aber meist einen höheren Kapitaleinsatz. Vor allem wenn es darum geht, zu diversifizieren und eine gewisse Marktmacht auszubauen, sind Investitionen unumgänglich. Dies führt derzeit zwangsläufig zur Frage, wie es um Risiken und Chancen der Übernahme von Monsanto durch Bayer steht.

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Trotz neu angedrohter Klagen zieht die Bayer-Aktie seit Jahresbeginn wieder spürbar an. Allein in der Pharmasparte verzeichnet der Konzern ein stärkeres Wachstum als etwa Sanofi oder GlaxoSmithKline. Die Dynamik ist auch nötig, denn die Monsanto Übernahme alleine hat 63,5 Mrd. Euro gekostet. Dies entspricht in etwa dem Wert der Agrarsparte sowie dem Wert der Pharmasparte zudem noch das rund 20 Mrd. Euro schwere Geschäft mit Consumer Health addiert werden muss. Abzüglich der Schulden könnte die Aktie gut und gerne zwischen 90 und 100 Euro notieren.

Was drückt, sind vor allem offene Rechtsstreitigkeiten wegen Monsanto. Die Kosten können sich nach bisherigen Schätzungen auf ca. 10 Mrd. Euro summieren. Der Verlauf möglicher Verfahrenszüge oder Vergleichszahlungen ist völlig offen. Im Verlauf des Jahres werden hier wohl die wesentlichen Meilensteine gesetzt.

Vorbereitungen für 2020

Beim Spezialchemie-Konzern Covestro wiederum müssen Anleger zunächst einen eingebrochenen Gewinn verkraften. Allerdings ist der nach den jüngsten Zahlen für 2018 geringer ausgefallen als befürchtet. Zu den Ursachen zählen Probleme in der wichtigen Kundensparte der Automobilindustrie. Covestro ist fundamental gesund, dürfte aber erst nächstes Jahr wieder richtig durchstarten.

Und der Chemie- und Pharmariese Merck weitet seine Geschäfte durch weitere Zukäufe aus. Mit der geplanten Übernahme des Halbleiterzulieferers Versum für fast 6 Mrd. US-Dollar soll der erfolgreiche Bereich Elektromaterialien gestärkt werden. Mit der zunehmenden Digitalisierung werden weltweit immer mehr leistungsfähige Halbleiter gebraucht. Auf Jahressicht konnte die Aktie mit 18% so viel zulegen wie der Dax 2018 verloren hat.

Insgesamt werden sich die großen Chemie Aktien dieses Jahr in einem durchwachsenen Umfeld bewegen. Chancen bieten die moderaten Bewertungen sowie die Aussichten für das kommende Jahr.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.