Die zukünftige EZB-Chefin Christine Lagarde im Portrait

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Die neue EZB-Chefin ab November: Das Portrait von Christine Lagarde lässt eine insgesamt vernünftige Geldpolitik bei niedrigen Zinsen erwarten. (Foto: Alexandros Michailidis / shutterstock.com)

Bei aller Kritik im Detail und auch wenn sich Sparer über niedrige Zinsen ärgern, auf der großen Linie hat sich die Arbeit der Europäischen Zentralbank (EZB) bislang bewährt und etliche Krisen gemeistert. Wie es im Herbst weitergeht, darüber kann ein kurzes Portrait von Christine Lagarde etwas Aufschluss geben. Die designierte Chefin der EZB soll ab November Mario Draghi als Präsident der Zentralbank ablösen. Damit wird Lagarde nach Wim Duisenberg, Jean-Claude Trichet und Mario Draghi die vierte Zentralfigur der europäischen Geldpolitik.

Christine Lagardes Portrait – Abgleich zu den Vorgängern

Dabei sind in Bezug auf das Profil von Christine Lagarde die Portraits der Vorgänger zum Abgleich durchaus interessant. Der Niederländer Duisenberg war Ökonom und Politiker, der Franzose Trichet war zudem ab 1993 Chef der französischen Zentralbank und Draghi hatte mit derselben Ausbildung ab 2006 ebenfalls Erfahrung als Leiter der italienischen Zentralbank. Das Portrait von Christine Lagarde unterscheidet sich insofern, als sie gelernte Juristin ist und zuvor in keiner nationalen Zentralbank gedient hat.

Mit ihrer Ausbildung zumindest hat sie eine Gemeinsamkeit mit dem Chef der US-Zentralbank Fed, Jerome Powell, der ebenfalls Anwalt ist. Die 1956 in Paris geborene Lagarde zeigte schon früh Ehrgeiz und war als Jugendliche in der französischen Nationalmannschaft der Synchronschwimmer. Nach ihren Ausbildungen ging sie 1981 in die international tätige Anwaltskanzlei Baker McKenzie, wo sie sich auf Arbeits-, Wettbewerbsrecht und Monopole spezialisierte und bald zur Führungsriege der Kanzlei gehörte. Ab 2005 wurde sie Handelsministerin in Paris und übernahm danach das Finanz- und Wirtschaftsministerium.

2008 präsidierte sie den europäischen Finanz- und Wirtschaftsministerrat Ecofin und 2011 übernahm sie die Führung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und löste Dominique Strauss-Kahn ab, der wegen Skandalen seinen Stuhl räumen musste. Dabei war Lagarde selbst in umstrittene Entschädigungszahlungen an Bernard Tapie verwickelt, den vormaligen Besitzer von Adidas. Dennoch wurde sie zur IWF-Direktorin gewählt – und blieb es auch, obwohl sie später wegen fahrlässigen Umgangs mit öffentlichen Geldern schuldig gesprochen wurde. Weil damit aber keine Strafe verbunden war, blieb ihr Amt unangetastet.

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Öffentlichkeitswirksam, offensiv, ordoliberalistisch

Was sie beim IWF von ihren Vorgängern unterscheidet: Sie trägt die traditionell eher verschlossene Organisation verstärkt in die Öffentlichkeit und tritt auch persönlich in den Medien auf. Dabei wird sie auch politisch und setzt sie sich unter anderem für Frauenrechte, den Abbau weltweiter Ungleichgewichte oder Klimaschutz ein. Hier bezieht sie klar Stellung gegen Politiker wie Donald Trump und dessen Protektionismus. Freihandel sowie der Erhalt internationaler Rechtsstrukturen sind Lagarde ein Anliegen.

Mit Blick auf ihre künftige Leitungsposition in der EZB heißt es, sie setze wie Draghi auf eine eher lockere Geldpolitik, die sie angesichts niedriger Inflation für gerechtfertigt hält. Wie weit sie dabei gehen wird, muss sich aber noch zeigen. Denn bislang hat sie sich für wirtschaftspolitische Ausgewogenheit ausgesprochen. Insgesamt steht sie dem Keynesianismus und Neoliberalismus kritisch gegenüber. In Bezug auf Deutschland honorierte sie unlängst ausdrücklich die wirtschaftlichen Erfolge, wies aber zugleich auf die hohen Überschüsse in der Leistungsbilanz, mangelnde Investitionsbereitschaft sowie die Leidenschaft fürs Sparen hin.

Ab November dürfte sich somit an der Geldpolitik der EZB nicht sehr viel ändern. Das bedeutet eben auch, dass die Zinsen auf absehbare Zeit weiterhin sehr niedrig bleiben werden. Zinssparer und Anleger von Anleihen werden ihre Hoffnung auf eine Trendwende erneut verschieben müssen. Dafür dürfte die Aktienbörse profitieren.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.