Endlich: ThyssenKrupp-Stahlwerk in Brasilien verkauft

Dass ThyssenKrupp sein Stahlwerk in Brasilien verkauft, ist trotz eines Buchhaltungsverlusts ein Erfolg und Meilenstein im Umbauplan. (Foto: nitpicker / shutterstock.com)

Als kaum jemand mehr an eine schnelle Lösung glaubte, kam vor gut einem Monat die Meldung: „ThyssenKrupp verkauft Stahlwerk in Brasilien.“

Ruckzuck sprang die Aktie um fast 6 % auf 24,64 €. So viel wie zuletzt von eineinhalb Jahren. Tags drauf drehte sie aber ins Minus und sackte umso tiefer ab. Nach der ersten Freude hatte sich Nachdenklichkeit breit gemacht.

ThyssenKrupp verkauft Stahlwerk in Brasilien mit Verlust

Zum einen bringt der Verkauf unterm Strich einen erneuten Verlust. Zum anderen kann man sich fragen, ob ThyssenKrupp sein Stahlwerk in Brasilien vielleicht zu früh verkauft hat. Jetzt wo die Stahlpreise wieder anziehen und sich endlich ein Ende der Wirtschaftsmisere Brasiliens abzeichnet. Im ersten Quartal 2016/17 wurde dort erstmals seit langer Zeit ein Gewinn von 37 Mio. € erzielt.

Dennoch, der Zeitpunkt war genau richtig. Auf ihn kam es Ternium, dem Käufer und argentinischen Mitbewerber mit Sitz in Luxemburg, auch an. Im zyklischen Geschäft wäre die nächste Flaute absehbar. Außerdem sind im Werk dringende Modernisierungsmaßnahmen noch nicht abgeschlossen. Vor zwei Jahren war es zu massiven Produktionsausfällen gekommen. „Das Werk ist Schrott“ lauteten die Schlagzeilen.

Und es gibt schwelende Altlasten wie die zahlreichen Klagen von Anwohnern wegen der Verseuchung der Gewässer und Verschmutzung der Luft – ein unkalkulierbares und teures Imagerisiko. Die Argentinier indes nehmen den Zustand in Kauf und freuen sich über den Preis von 1,5 Mrd. €.

Weil der aber weit unterm Buchwert des Werks liegt, muss Finanzchef Guido Kerkhoff Wertberichtigungen vornehmen. Er spricht von 900 Mio. € und einem Verlust unterm Strich, genauer wurde er aber nicht. Bei einem Kaufpreis von 1,5 Mrd. € und einem Buchwert von nicht ganz 2,1 Mrd. € stellt sich die Frage, wie der Rest zustande kommt.

Keine Eigenkapitalerhöhung geplant

Interessant ist ein Hinweis der brasilianischen Zeitung O Globo auf 300 Mio. € Kreditschulden bei der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES. Andererseits, das Werk Companhia Siderúrgica do Atlántico (CSA) wurde zum Enterprise Value verkauft, was eigentlich mit einer Schuldenübernahme einhergeht. Letztlich aber ändern Überlegungen zu eventuellen Sonderabsprachen nichts am genannten Verlust.

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Er ist der Preis für die Chance, aus einem Desaster auszusteigen, das vor gut zehn Jahren begann. ThyssenKrupp wollte sich breiter aufstellen und gründete Steel Americas. Die zwei Werke in Alabama und Rio de Janeiro brachten fast nur Verluste. Alabama konnte 2014 verkauft werden.

Als sich für Brasilien kein Käufer fand, wurde zuletzt an einer Konstruktion gearbeitet, bei der die gesamte Stahlsparte zusammen mit Tata Steel aus Indien über einen Spin-Off ausgegliedert werden sollte. Doch wegen Problemen mit Pensionsrückstellungen und neueren Blockaden nach dem Brexit in Großbritannien kam das Projekt nicht vom Fleck.

Nun ist ThyssenKrupp einen Klotz am Bein los. Auch wenn sich damit das gesamte Amerika-Abenteuer auf rund 12 Mrd. € verteuert hat, es hätte das Unternehmen einmal fast in die Insolvenz gezogen. Der Verkaufserlös soll in den Abbau von Schulden gehen. Die betragen netto noch 5,4 Mrd. €.

Im laufenden Jahr wird der Verlust einmal mehr die Bilanz trüben. Weitaus heikler: die Eigenkapitaldecke nur noch 2 Mrd. € dünn ist. ThyssenKrupp will es dennoch ohne Kapitalerhöhung schaffen und hält am Ziel fest, seine Eigenkapitalquote auf 15 % zu verdoppeln. Immerhin zogen Umsätze und Erlöse zuletzt wieder deutlich an.

Stahlgeschäft wird nicht besser

Die Zahlen bestätigen zudem, wie wichtig es ist, sich mit stetiger Reduzierung aus der zyklischen und schwachen Stahlsparte zu verabschieden und sich mit Aufzügen oder Autokomponenten als Industrie-Dienstleister zu positionieren. Das Stahlgeschäft dürfte selbst bei leichter Erholung von anderer Seite unter Druck geraten.

Mit Donald Trumps Protektionismus wird vermehrt Stahl in Europa landen und ohnehin vorhandene Überkapazitäten erhöhen. Das wiederum zieht die Preise weiter nach unten. Auch wenn ThyssenKrupp nach eigenen Angaben über genügend Liquidität für die nächsten Jahre verfügt, so sind die Aussichten schon deshalb verhalten.

Das letzte Jahr brachte die Aktie ein Kursplus von fast 36 %. Der mittelfristige Markttrend jedoch ist eher negativ. Zumindest gibt es nun einen Grund weniger, dass der Kurs wieder um ein Drittel oder gar die Hälfte fällt. Das Papier ist berechenbarer geworden. Der Verkauf von ThyssenKrupps Stahlwerk in Brasilien war ein Meilenstein und markiert das Ende eines unseligen Kapitels, wenn auch mit einem Schrecken.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.