Enge Wirtschaftsbeziehungen: Die Türken brauchen deutsches Geld

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind trotz jüngster Verunsicherungen intensiv und haben enormes Potenzial. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Sei es für Direktinvestoren oder Freunde von Emerging Markets, die Türkei war bis vor wenigen Jahren ein spannendes Anlagethema. Als Ministerpräsident hatte der einst reformfreudige Erdogan für einen Boom am Bosporus gesorgt und das Image seines Landes als anatolischer Tiger geprägt. Doch die zunehmend autokratischen Züge seit seiner Präsidentschaft setzen den Erfolg aufs Spiel.

Deutschland und Türkei: Wirtschaftsbeziehungen unter Stress

Mit Feindbildern werden unter anderem die traditionell guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei untergraben. Leidet schon die heimische Wirtschaft unter anhaltenden Säuberungsaktionen, die als Maßnahmen gegen den Terror verkauft werden, setzt es neuerdings gezielte Nadelstiche auch gegen deutsche Unternehmen.

So ermittelt das türkische Kartellamt. Im Visier: Mercedes-Benz Türk A.Ş – wegen angeblicher Preisabsprachen und Ausnutzung ihrer Marktposition. Die Daimler-Tochter beschäftigt 1.600 Mitarbeiter und beliefert mit bisher 185.000 gefertigten LKWs den vorderen Orient und Osteuropa.

Daneben gibt es wohl Untersuchungen gegen noch nicht näher genannte Chemieunternehmen. Anlass sollen Dumpingpreise sein. Laut Amtsblatt des türkischen Wirtschaftsministeriums drohen „Anti-Dumping-Steuern“. Und neu ist der Hinweis auf drei Ministeriumsbeschlüsse, die den Türkeiablegern der Prüf- und Zertifizierungsunternehmen TÜV, Dekra und Bureau Veritas vorerst die Lizenzen zur CE-Kennzeichnung entziehen.

Fehlende Neuinvestitionen belasten

Nahezu paradox wirkt es da, wenn sich Finanzminister Mehmet Şimşek um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei bemüht. In Berlin versuchte er jüngst die Wogen zu glätten und warb um deutsche Investitionen.

Das deutsche Investitionsvolumen beträgt ca. 13,3 Mrd. €. Über 6.800 Unternehmen sind vor Ort aktiv. Bosch etwa ist seit 1910 in der Türkei und beschäftigt 17.000 Mitarbeiter. Laufende Investitionspläne zumindest will der Konzern ebenso einhalten wie die Deutsche Post DHL, die seit über 35 Jahren präsent ist. Ähnlich verhalten sich Firmen wie Zeiss, Beiersdorf oder Siemens.

Sie warten zunächst ab, denn der türkische Markt bietet langfristig Wachstumspotenzial. Auch wenn etablierte Unternehmen nicht auf gepackten Koffern sitzen – was fehlt, sind Neuinvestitionen. Nach Angaben der deutsch-türkischen Handelskammer haben sich die Anfragen nach neuen Geschäftsaktivitäten zuletzt halbiert.

Dabei hatten sich schon 2016 die gesamten ausländischen Investitionen wegen politischer Turbulenzen um 31 % verringert. Was bei den Wirtschaftsbeziehungen der Türkei zu Deutschland besonders ins Gewicht fällt: Die Deutschen sind nach den Chinesen die zweitgrößten Importeure. Und umgekehrt ist Deutschland der wichtigste Exportmarkt. Das Handelsvolumen betrug zuletzt gut 37 Mrd. €. Entsprechend groß ist die Abhängigkeit von deutschen Produkten und Investitionen.

Enormes Aufholpotenzial

Nicht genug, dass die lange an erster Stelle liegenden deutschen Touristen als Devisenbringer ausbleiben. Ging schon letztes Jahr die Besucherzahl um 27 % zurück, liegen die diesjährigen Buchungen um die Hälfte unter den Vorjahreswerten. Die Reisenden haben Angst, die Unternehmen klagen über zunehmend fehlende Rechtssicherheit.

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Diejenigen, die in der Türkei bereits aktiv sind, werden ihre Zelte dennoch nicht abbrechen. Zu groß sind die Aufholpotenziale des Landes. Bei aller Einschränkung, auch mit Autokraten lassen sich gut zivile Geschäfte machen. Erdogan kann es sich nicht auf Dauer leisten, sein Land gegen die Wand zu fahren. Auch können China oder Russland deutsches Know-how nicht mal eben ersetzen.

Interessant ist zum Beispiel, wann der Plan, die marode Infrastruktur massiv zu erneuern, wieder aktiviert werden kann. Allein vom Ausbau des Schienennetzes würden etwa Siemens oder der Bahntechnikkonzern Vossloh profitieren. Und obwohl eine EU-Mitgliedschaft derzeit vom Tisch ist, so gehen die Gespräche über eine Zollunion weiter. Die würde laut Brüssel den EU-Ländern einen Exportzuwachs um 27 Mrd. € bringen.

Im Kern funktioniert die türkische Wirtschaft noch verhältnismäßig gut. Auch wenn sich die Zuwächse halbiert haben, 2,7 % Wachstum letztes Jahr sind angesichts der schwierigen Entwicklung immer noch beachtlich. Wer als Anleger auf eine Erholung setzt, kann es etwa mit einem Türkei-ETF von Lyxor oder iShares versuchen. Nach langem Abwärtstrend sind sie zuletzt wieder kräftig gestiegen.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.