Erster großer Börsengang des Jahres geplatzt: Das steckt dahinter

Der AlzChem-IPO ist geplatzt. Der Löwenanteil der Anlegergelder wäre in die Taschen von Private-Equity-Betreibern geflossen. (Foto: Martin Good / Shutterstock.com)

Aktienchancen frisch von der ersten Stunde an wahrnehmen. Viele Anleger freuen sich, wenn Unternehmen erstmals an die Börse gehen. Ein IPO (initial public offering) wird auch bei kleineren Firmen gerne gesehen. Sie bieten Potenzial und liefen in der Vergangenheit überwiegend gut an.

Dabei sind IPOs in Deutschland recht selten. 2016 haben sich gerade mal fünf Unternehmen aufs Parkett gewagt, darunter der E.on—Ableger Uniper und Innogy, der grüne Zweig von RWE. In diesem Jahr sollte AlzChem den Anfang machen.

AlzChem-IPO verschoben – wegen der politischen Lage

Der AlzChem IPO hätte den Bereich der erfolgreichen Spezialchemie-Hersteller bereichert. Das Unternehmen aus dem bayerischen Trostberg liefert Produkte für Zukunftsmärkte wie Gesundheit im Alter oder Energieeffizienz und hat vergleichsweise wenig direkte Konkurrenz. Geplant war im Februar die Listung im Prime Standard der Frankfurter Börse. Eigentlich keine schlechten Aussichten für Anleger. Doch dann wurde nichts daraus.

Der AlzChem IPO wurde kurzfristig abgesagt. Dem offiziellen Wortlaut nach verschoben. „Die Option eines Börsengangs zu einem späteren Zeitpunkt wird geprüft werden“, so die Hausmitteilung. Als Grund nennt AlzChem Unsicherheiten bei Neuinvestitionen. Das Marktumfeld sei trotz hoher Indexstände zu sehr von der allgemeinen politischen Lage dominiert.

Der eigentliche Grund, warum der AlzChem-IPO nicht zustande kam, ist schlicht die Tatsache, dass nicht genügend Investoren zugreifen wollten. Die Preisspanne zwischen 20 € und 27 € hat wohl nicht zu den Marktvorstellungen gepasst. Das Unternehmen wollte mit dem Börsengang bis zu 219 Mio. € einnehmen und einen Teil für den Ausbau der Produktion von Zusatzstoffen für Tierfutter verwenden.

Anlegergeld für Private-Equity-Betreiber

Der Löwenanteil aber von gut 165 Mio. € war für den Private-Equity-Fonds bluO gedacht. Der hatte AlzChem 2009 für 79 Mio. € von Evonik abgekauft. Das erklärt sich so: Die Chemie GmbH am Flüsschen Alz hat ihren Ursprung im ehemaligen Chemieunternehmen SKW Trostberg. SKW wiederum gehörte zum Mutterkonzern RAG Ruhrkohle, der später in Evonik Industries aufging.

Nach dem Aufkauf durch BluO wurde AlzChem 2011 in eine AG umgewandelt. Die restlichen Gesellschaftsanteile wurden 2013 von den Fondspartnern übernommen. BluO sah Wachstumspotenziale für AlzChem und plante ein Investitionsprogramm über 27 Mio. € für ein Logistikzentrum und eine Produktionsanlage für Futtermittelzusatzstoffe.

Mittlerweile steht das 6.600 qm große Logistikzentrum. Die Produktionsanlage steht noch aus. Nachdem der IPO nun zum Flop wurde, sucht AlzChem einstweilen andere Finanzierungswege um in den Ausbau des Geschäfts mit Tierfutter aber mit Nahrungsergänzungsmitteln zu investieren.

Bisher liefen die Geschäfte gut. Nach vorläufigen Zahlen wurde 2016 ein Umsatz von 327,2 Mio. € erwirtschaftet. Der war ebenso gestiegen wie der operative Gewinn, der 38,6 Mio. € beträgt. AlzChem beschäftigt über 1.400 Mitarbeiter, betreibt vier Produktionsstätten in Bayern, einen in Schweden sowie Vertriebsstandorte in den USA und China.

Schlechter Ruf tat sein Übriges

Weniger gut lief es für die Betreiber des Pivate-Equity-Fonds. Die Rechnung, sich über einen Börsengang den damaligen Kaufpreis an Evonik mit gut dem Doppelten vergolden zu lassen, ging nicht auf. Die Herren Löw und Vorderwülbecke waren schon zuvor mit windigen Geschäften ihrer Beteiligungsfirma in die Schlagzeilen geraten.

Nach dem Prinzip „marode Unternehmen kaufen, sanieren und mit sattem Aufschlag verkaufen“ hatten sie etwa mit der Modekette Adler über 111 Mio. € kassiert. Und das war nur eine von vermutlich 100 Aktionen mit teils anderen Mustern.

Insofern ist den Anlegern mit dem abgesagten IPO erspart geblieben, sich an einer erneuten Bereicherung zu beteiligen, auch wenn AlzChem den Zahlen nach offenbar kein marodes Unternehmen ist. Viele haben wohl erkannt, was sich hinter den Kulissen abspielt. Ansonsten stehen dieses Jahr noch weitere IPOs an. So erwägt Siemens den Börsengang seiner Medizintechnik und die Deutsche Bank trennt sich vom Asset Management.

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt