Ethereum klopft mit Smart Bonds an der Wall Street an

Ethereum dient nicht nur als ICO-Plattform, sondern könnte auch bald Smart Bonds möglich machen. (Foto: Wit Olszweski / shutterstock.com)

Bislang wurde die weltweit zweitgrößte Kryptowährung Ethereum von Anlegern hauptsächlich als Konkurrent zum Bitcoin wahrgenommen – doch mit seiner Smart Contract Funktion ist Ethereum weit mehr als nur eine Kryptowährung.

Im vergangenen Jahr wurde das revolutionäre Potenzial von Ethereum bereits ansatzweise sichtbar. Über sogenannte Initial Coin Offerings (ICOs) wurden in 2017 rund 4 Mrd. US-$ weltweit eingesammelt. Die meisten ICOs (über 80 %) wurden über die Ethereum-Plattform mittels eines Smart Contract abgewickelt.

Noch vor wenigen Jahren war es undenkbar, dass ein kleines Projekt mit wenigen Mitarbeitern und lediglich einem White Paper binnen weniger Minuten Millionen US-Dollar an Kapital einsammeln kann.

Die Wall Street sollte spätestens an dieser Stelle hellhörig werden, denn mittels eines einfachen Smart Contracts – Investoren schicken eine Kryptowährung hin und erhalten automatisch einen neuen Token – hat Ethereum praktisch über Nacht Investmentbanken ersetzbar gemacht. Doch Ethereum lässt sich auch noch anderweitig einsetzen, zum Beispiel wenn es um die Platzierung von Bonds (Anleihen) geht.

Platzierung von Bonds ist ein Multi-Milliarden-Geschäft

Das lukrativste Geschäft der Wall Street war bislang die Platzierung von Unternehmensanleihen. Allein im vergangenen Jahr wurden Bonds im Wert von mehr als 3,5 Billionen US-$ weltweit platziert.

Investmentbanken kontrollierten bislang weitgehend den Markt, verfügen sie über die notwendigen Kontakte zu den richtigen Investoren (Pensionsfonds, große Vermögensverwalter etc.), die hohe Summen zeichnen können.

Ethereum macht Smart Bonds möglich

Daher galten Investmentbanken bislang als unersetzbar, vermittelten sie zwischen Unternehmen mit einer Geschäftsidee und Investoren, die Kapital gewinnbringend einsetzen wollen. Für diesen Service erhoben Investmentbanken teils hohe Gebühren.

Mit einem Smart Contract, der automatisch ohne Menschenhand ausgeführt wird, scheint dieses Geschäftsmodell zumindest im Investmentsektor zunehmend in Frage gestellt. Denn ein Smart Contract könnte dieses Geschäftsmodell in der Zukunft ersetzen, tendieren hier die Kosten für Unternehmen gegen Null.

Um einen Smart Bond aufzulegen, muss ein Unternehmen lediglich einen Smart Contract auf der Ethereum Blockchain aufsetzen und die Rückzahlungsmodalitäten (Zinscoupen etc.) festlegen.

Investoren können am Initial Bond Offering (IBO) einfach teilnehmen, indem sie Ether (ETH) an die Adresse des Smart Contracts schicken. Nachdem IBO generiert der Smart Contract automatisch das Orderbuch mit Investoren, die gestaffelt nach Zinshöhe an der Anleiheplatzierung teilnehmen wollen.

Investoren, die sich nicht qualifizieren, erhalten Ether automatisch zurück. Die teilnehmenden Investoren erhalten dann zum Beispiel automatisch alle 6 Monate Zinszahlungen (in Ether oder in Euro oder US-$) über den Smart Contract ausbezahlt.

Vorteile von Smart Bonds auf Ethereum

Der große Vorteil von Smart Bonds auf Ethereum sind nicht nur niedrigere Kosten, da Mittelsmänner wie Investmentbanken außen vor bleiben, sondern auch der Vorteil, dass Unternehmen mit Anleihen weit mehr potenzielle Kunden erreichen können.

Denn bislang waren oft Mindestsummen von 5.000 bis 200.000 US-$ notwendig, um überhaupt an einer solchen Anleiheplatzierung teilnehmen zu können. Über einen Smart Bond könnten Investoren theoretisch schon mit Kleinstbeträgen (10 US-$ etc.) teilnehmen. Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen würde dies die Kapitalaufnahme deutlich erleichtern.

Fazit: Smart Bonds sind nach ICOs eine weitere Alternative zur Unternehmensfinanzierung

Erste Investmentbanken wie die Schweizer Großbank UBS haben das Potenzial dieser Möglichkeiten erkannt und experimentieren bereits mit Smart Bonds auf Ethereum.

Denn Bonds sind nichts anderes als eine Form von Krediten, die auch ohne zentrale Verwaltungsstelle ausgegeben und verwaltet werden können. Möglich wird dies durch die Blockchain und Smart Contracts – die Software ersetzt damit zentrale Instanzen und trägt damit zur Kostenreduktion bei.

Branchenexperten wie UBS Chief Information Officer (CIO) Oliver Bussmann glauben, dass die Blockchain-Technik nicht nur die Art, wie wir heute Zahlungen vornehmen, sondern auch den gesamten Handel inklusive Wertstellung verändern wird.

Trotz aller Euphorie rund um das Thema Kryptowährungen, Blockchain und insbesondere Ethereum, sollten Anleger stets auch das Risiko im Auge behalten. Kryptowährungen unterliegen starken Schwankungen und sind nach wie vor weitgehend unreguliert. Aus Kursgewinnen können sehr schnell Kursverluste werden, die sogar bis zum Totalverlust reichen können.

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Von: Alexander Mittermeier. Über den Autor

Als Gründungsmitglied einer der größten Finanz-Communitys in Deutschland schreibt Alexander Mittermeier heute nicht nur über Aktien und Hightech-Unternehmen, sondern auch über Geld- und Wirtschaftsthemen. Im Mittelpunkt stehen dabei Hintergrundberichte und Bewertung wirtschaftlicher Themen unter Berücksichtigung technologischer Gesichtspunkte für eine der größten Banken Deutschlands