Zinssätze für kurzfristige Geldanlagen: So lesen Sie Euribor-Zinssätze

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Der Euribor-Zinssatz steht für „Euro Interbank Offered Rate" und meint den maßgeblichen Zinssatz für Termingelder im Interbankensektor. (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)


Euribor-Zinssätze im Überblick:

Definition: Zinssatz für Termingelder im Interbankensektor, verschiedene Laufzeiten

Berechnung: Täglich neu berechnet, orientiert sich an Angebotszinssätzen von 37 repräsentativen Banken der EU

Bedeutung: Rückschluss über aktuelle Konditionen auf Kredit- & Festgeldmarkt

Anwendung: Bilden Grundlage für kurzfristige Geldanlagen & viele Zinsgeschäfte

Kritik: Während Finanzkrise 2008 haben Banken Euribor manipuliert, wenig aussagekräftig

Abschaffung: Euribor wird schrittweise abgeschafft, auf Finanzmärkten sollen risikofreie Referenzzinssätze verwendet werden


Definition Euribor: Grundlage für kurzfristige Geldanlagen

Bei den verschiedenen Angeboten für Festgeld und Darlehen sieht man oft den Vermerk „jährliche Ermittlung durch den 12-Monats-Euribor”.

Der Euribor-Zinssatz steht für „Euro Interbank Offered Rate” und meint dabei den maßgeblichen Zinssatz für Termingelder im Interbankensektor. Er gibt den durchschnittlichen Zinssatz an, zu dem sich europäische Banken kurzfristig untereinander Geld ausleihen und Anleihen in Euro gewähren. Dabei gibt es für den Euribor verschiedene Laufzeiten. Anfangs waren es noch Zinssätze mit 15 verschiedenen Laufzeiten. Seit Dezember 2018 wurde die Anzahl der Euribor-Zinssätze auf fünf reduziert: 1 Woche, 1 Monat, 3 Monate, 6 Monate und 12 Monate. Als wichtigster Euribor-Zinssatz gilt der 3-Monats-Euribor.

Die Verbände der Kreditwirtschaft legten im Januar 1998 in Brüssel mit dem „Euribor Code of Conduct” die Rechtsgrundlage für einen gemeinsamen Referenzzinssatz. Damit löste dann der Euribor im Januar 1999 die national ermittelten Referenzzinssätze ab. In Deutschland beispielsweise den FIBOR (Frankfurt Interbank Offered Rate). Der Euribor ist seitdem der Interbankenzinssatz der EWU-Zone (Europäische Wirtschaft- und Währungsunion).

Der Euribor gilt als Referenzzinssatz für Festgeldanlagen, Kredite oder Darlehen, die variable Zinssätze beinhalten. Zudem gilt der Wert als Basistarif für verschiedene Zinsprodukte wie Zinsswaps, Zins-Futures, Sparkonten und Hypotheken. Deshalb ist die Entwicklung der Euribor-Werte für Fachleute und Privatpersonen gleichermaßen von Bedeutung. Der aktuelle Tageszinssatz wird auf drei Nachkommastellen berechnet.

Einflussfaktoren auf den EURIBOR

Die Euribor Berechnung & Veröffentlichung

Der Euribor wird an jedem Börsentag neu berechnet. Hierzu reichen an jedem Werktag 37 „Panel-Banken” bis 10:45 Uhr mitteleuropäischer Zeit ihre Angebotzinssätze für Termingelder für verschiedene Laufzeiten beim European Money Markets Istitute (EMMI) ein. Die Laufzeiten gehen von einer Woche bis zu zwölf Monaten. Die Panel-Banken sind 37 repräsentative Banken aus der EU mit erstklassiger Kreditwürdigkeit. Ihre Zusammensetzung wird stetig überprüft.

Anschließend werden die Durchschnittssätze nach der Methode „actual/360″ an jedem Werktag um 11 Uhr mitteleuropäischer Zeit veröffentlicht. Bei der actual/360-Methode wird für ein Jahr pauschal 360 Tage unterstellt. Die festgelegten Euribor-Zinssätze nennt man auch „Euribor-Fixings”.

Die Euribor-Fixings zeigen für die verschiedenen Laufzeiten an, zu welchem Zinssatz sich Banken an dem jeweiligen Tag untereinander Geld leihen wollen. Der 3-Monats-Euribor wird in diesem Zusammenhang als der wichtigste Zinssatz gesehen.

Bei der Berechnung werden die 15 % höchsten und die 15 % niedrigsten Zinssätze vernachlässigt. Es wird damit verhindert, dass Ausreißer den Markt verfälschen. Insgesamt existieren (abhängig von der Laufzeit eines Kredits) fünf verschiedene Euribor-Zinssätze.

Referenzzinssätze neben dem EURIBOR

Was bedeutet der Euribor für Sparer & Kreditnehmer?

Der Euribor ist wichtig für Sparer und Kreditnehmer gleichermaßen, da sie hiermit Rückschlüsse über aktuellen Konditionen auf den Kredit- und Festgeldmarkt ziehen können. Banken vergeben ihre Festgeldangebote in der Regel in Bezug auf den Euribor plus eines Zinszuschlags. Dieser Zuschlag kann je nach Laufzeit bis zu 2 % betragen.

Beim Tagesgeld sind weniger Zinsen erzielbar. Hier gibt es Zinsen, die knapp unter dem aktuellen Euribor liegen. Für Tagesgeld spricht aber, dass es flexibel und täglich verfügbar ist.

Der Euribor hat direkte Auswirkungen auf viele verschiedene Börsengeschäfte. Sie gelten als der Referenzzinssatz für variabel verzinsliche Anleihen, welchen der Schuldner bezahlen muss. Auch Dispositions- und andere Kreditzinsen werden durch die Banken an die Veränderung des Euribor-Zinssatzes gekoppelt.

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Die Euribor-Fixings bilden weiterhin eine wichtige Grundlage für sogenannte Swapgeschäfte, die von institutionellen Marktteilnehmern (Banken, Versicherungen, Unternehmen) vereinbart werden.

Euribor-Darlehen: Euribor als Referenzsatz für Kredite & Festgeld

Der Euribor-Zins ist ein Wegweiser für den Kreditmarkt. Das wird durch die Tatsache bestätigt, dass dieser seit dem Jahr 2008 stark gefallen ist. Was für Sparer eine schlechte Nachricht ist, erfreut die Kreditnehmer.

Wer aktuell in einer Niedrigzinsphase einen Kredit benötigt, kann vor allem mit einem Euribor-Darlehen günstig an Kapital kommen. Das ist ein variabel verzinstes Darlehen, welches nicht an einen festen Zins gebunden ist. Die Kreditzinsen bei diesen Darlehen liegen bei 0,8 bis 0,9 Prozentpunkten über dem aktuellen Euribor-Zinssatz. Aufgrund der fehlenden Zinsbindung eignet sich das Euribor-Darlehen für kurze Kredite.

Fazit

Will der Kunde einen Kredit aufnehmen, sollte er das bei einem niedrigen Euribor tun. Will der Sparer sein Geld auf dem Festgeld-Konto parken, gilt es einen steigenden Euribor-Zinssatz abzuwarten.

Euribor & variabel-verzinsliche Anleihen

Bei variabel-verzinslichen Anleihen gibt es keinen festen, sondern einen veränderlichen Zinsertrag. Diese Anleihen werden „Floating Rate Notes” oder kurz „Floater” genannt. Nach jeder Zinsperiode gibt der Emittent den neuen Zins für den kommenden Zeitraum an.

Dieser Zins orientiert sich an den Geldmarktzinssätzen wie demEuribor oder Libor (London Interbank Offered Rate). Der Libor gilt als Durchschnittszinssatz der Offered-Rates (Brief-Sätze) von diversen internationalen Geschäftsbanken in London, mit dem andere Geschäftsbanken Termingelder anbieten.

Die Verzinsung ist bei variabel-verzinslichen Anleihen während der Laufzeit der Anleihe an den Referenzzinssatz gekoppelt. Dies schützt den Anleger vor einer Zinsänderung. Je nach Anleihe gibt es eine Zinsuntergrenze (Floors) oder eine Zinsobergrenze (Cap).

Variabel-verzinsliche Anleihen haben nur geringe Chancen auf Kursgewinne, jedoch unterliegen sie dafür geringeren Kursschwankungen. Die Zinszahlungen in kurzen Zeitintervallen sind als Vorteil zu werten.

Euribors als Spiegel des Zinsmarktes & der Wirtschaft

Die Entwicklung des Euribors hängt stark von der jeweiligen Zinspolitik der Europäischen Zentralbank ab. Das folgende Schaubild soll verdeutlichen, wie stark der Euribor dem längerfristigen Zinstrend der EZB folgt. Vor allem die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) beeinflusst stark die Entwicklung von kurzfristigen Zinsen.

Im Jahr 2013 erreichten die kurzfristigen Zinsen ihren historischen Tiefstand. Die EZB hat in den Jahren danach ihre stark expansive Geldpolitik weitergeführt und den Euribor damit in den Negativbereich gedrückt.

Sogar die Euribor-Fixings für den Zeitraum von ein Jahr sind mit -0,233 % seit Langem negativ (Stand 02.07.2019).

EURIBOR-Entwicklung 1999-2019

Quelle: Deutsche Bundesbank; Stand: Sept. 2019

Euribor: Frühindikator für Leitzinsänderungen

Das Ziel von Anlegern ist es mit ihren Kapitalanlagen Geld zu verdienen. Wenn beispielsweise eine weitere Zinssenkung der EZB erwartet wird, so werden die Marktteilnehmer ihre Zinsgeschäfte dementsprechend positionieren.

Wenn der Großteil der Marktteilnehmer fallende Zinsen erwartet, dann sinken diese bereits vor den Zinsentscheidungen der EZB.

Manipulationsvorwürfe, Euribor Hybrid & €STR

Der Ruf des Euribor kam im Zuge der Bankenkrise 2008 in Verruf. Banken hatten die Zinssätze manipuliert, um die Grundlage wichtiger Kredit- und Anleihezinsen zu kontrollieren.

Im Zuge dessen wurde die Verordnung (EU) 2016/1011, genannt Benchmark-Verordnung, erlassen, deren Ziel manipulationssichere Referenzwerte sind. Die Verhandlungen gestalteten sich jedoch schwierig, deshalb wurde den Finanzinstituten eine Frist bis zum 31. Dezember 2021 gewährt, um die Anforderungen zu erfüllen. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfen noch Verträge, die sich an EURIBOR oder EONIA orientieren, abgeschlossen werden. Anschließend müssen Verträge, die sich auf EURIBOR oder EONIA beziehen, neu verhandelt werden. Auf operativer Ebene wird es dazu kommen, dass die Datenbanken neugestaltet werden müssen. Denn wenn es nicht nur einen, sondern verschiedene Referenzzinssätze gibt, so muss das berücksichtigt werden.

Von der EZB wurde 2017 eine Arbeitsgruppe unter dem englischen Namen Working group on euro risk-free rates einberufen, die im September 2018 die Empfehlung aussprach, dass im Euroraum die Euro Short-Term Rade (€STR) verwendet werden soll. Seitdem beschäftigt sie sich mit der Unterstützung beim Übergang zu diesem neuen Instrument. Die €STR wird von der EZB veröffentlicht (Erstveröffentlichung 02. Oktober 2019). Sie wird jeden TARGET2-Geschäftstag veröffentlicht und errechnet sich aus den Transaktionen des Vortags.

Fazit

Der EURIBOR ist der Zinssatz, zu dem sich europäische Banken durchschnittlich gegenseitig Darlehen gewähren. Er dient auch für andere Finanzgeschäfte als Referenzzinssatz, ist jedoch manipulierbar, und dies wurde in der Vergangenheit auch ausgenutzt. Aus diesem Grund wurde die europäische Benchmark-Verordnung mit dem Ziel risikofreier Referenzraten erlassen. In der Folge werden manipulationsanfällige, gemeldete Zinssätze wie EURIBOR und EONIA schrittweise durch die neue, von der EZB veröffentlichte €STR ersetzt.


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.