Europäische Aktien haben seit Brexit kaum gelitten

Es war der Schock des Jahres: Das britische Referendum im Juni sorgte für endlose Debatten und schlimmste Befürchtungen. Etliches ist eingetreten, vieles zeichnet sich ab und manches hat sich relativiert. Nach anfänglichem Einbruch haben sich die Aktienmärkte längst erholt.

Europäische Aktien trotz Brexit attraktiv

Kursierten zuvor noch ernstzunehmende Studien, die einen Sturz von bis zu 24% vorhersagten, waren es in der ersten Panikreaktion 6,7% beim DAX und 8,5% beim EuroStoxx50. Danach war der Brexit-Gap schnell wieder geschlossen, selbst beim britischen Börsenbarometer FTSE100.

Seitdem zeigen sich europäische Aktien vom Brexit weitgehend ungerührt. Was derzeit für sie spricht: Im Vergleich zu US-Aktien sind sie geringer bewertet und haben höheres Renditepotenzial. Hinzu kommt, dass die Zinsen in Europa nach dem Brexit erst recht länger im Tal bleiben werden. Das abgerutschte britische Pfund passt jedenfalls dazu.

Profitieren also europäische Aktien vom Brexit letztlich mehr als gedacht? Was den Vergleich zu Aktien in den USA und den dort eher steigenden Zinsen mit Umschichtungen in Anleihen angeht, durchaus. Der europäische Aktienmarkt erhält weiterhin Unterstützung und der Euro ist verglichen zum US-Dollar schwächer, was Exporteure freut. Allerdings ist auch die britische Währung nun erheblich billiger, was natürlich Waren aus dem Euroraum verteuert.

Unsicherheit als größtes Gift

Und hier kommt die große Unbekannte ins Spiel: Wie wird es künftig mit Zöllen oder tarifären Hürden aussehen, wenn also EU-einheitliche Dokumente vielleicht doppelt auszufertigen sind? Was, wenn es zu Lieferungsverzögerungen und neuen Kosten kommt? Hier ist alles noch in der Schwebe. Doch hat gerade die Unsicherheit Spuren hinterlassen.

Das betrifft konjunkturabhängige Branchen, vor allem aber Maschinenbauer und Autohersteller. Obwohl europäische Aktien trotz Brexit bislang stabil wirken, wurden die Gefahren großteils bereits vor dem Referendum in die Kurse eingepreist. Immerhin werden beim Gewinn pro Aktie die Abwärtsrisiken für Autotitel zwischen 5% und über 10% eingeschätzt. Gerade für deutsche Oberklassen-Hersteller ist die Gewinnmarge auf der Insel höher als etwa in Frankreich.

BMW beispielsweise stellt sich auch darauf ein, hat aber einen Vorteil. Der Autobauer produziert gleichzeitig in Großbritannien, und zwar Bauteile, den Mini und Motoren für den BMW i8. Verteuerten Exporten aus Bayern stehen die billigeren Eigeneinfuhren gegenüber. Die Rechnung könnte aber verkippen, wenn ein harter Brexit das Pfund und somit die Zahl der Käufer weiter fallen lässt. Abgesehen davon sind nicht alle europäischen Hersteller auf der Insel produktiv.

Banken wanken, Defensivtitel legen zu

Die Unsicherheit trifft auch Bankentitel, denn London ist der wichtigste Finanzplatz in Europa. Pläne zur Verlagerung etlicher Häuser aufs Festland wurden dieser Tage greifbar. Als erste hat die russische Großbank VBT ihre Investmentbanking-Zentrale geschlossen. Ob es nun nach Frankfurt, Paris oder Wien geht, ist noch unklar. Angesichts der Konkurrenzstandorte ist auch unklar, inwieweit die Deutsche Börse vom Abwanderungstrend profitiert. Das Spiel ist offen, der Kurs aber gesunken.

Völlig unbeeindruckt zeigen sich indes Chemie-Titel. Ein Ausscheiden Großbritanniens stärkt eher deren Wettbewerbsfähigkeit. Zu den Gewinnern zählen vor allem Branchen, die weitgehend konjunkturunabhängig sind: Konsumgüter, Pharma oder Immobilien. Der Brexit ließ Anleger in große Defensivwerte flüchten.

Profitiert haben übrigens auch ETFs. Die Indexfonds verzeichneten nach dem Referendum einen Zuwachs von 54% gegenüber dem Vormonat – hatten sich doch schon in der letzten Finanzkrise als vergleichsweise robust erwiesen.

Keine Investitionen auf der Insel

Insgesamt zeigt sich, dass vor allem die Unsicherheit über den weiteren Verlauf eine Rolle spielt. Betroffen ist weniger das operative Geschäft als die strategische Ausrichtung. Laut Umfrage des Deutschen Industrie und Handelskammertags planen die deutschen Unternehmen keine neuen Investitionen mehr auf der Insel. Die Mehrheit der 5.600 befragten Firmen erwartet durch den Brexit ein verlangsamtes Wachstum in der gesamten EU.

4. November 2016

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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