Europas Finanzplätze: Frankfurt holt gewaltig auf

Der Finanzplatz Frankfurt ist im Aufwind und belegt weltweit Platz 10, in Europa Rang 3. Gute Chancen, London nach dem Brexit abzulösen. (Foto: Deutsche Börse AG)

Es gab einmal eine Zeit, da konnte Deutschland mit einigen Großbanken von internationalem Format aufwarten. Längst aber haben auch die verbliebene Commerzbank und Deutsche Bank den Anschluss verloren und überlegen, ob sie sich zusammenschließen, um nicht unterzugehen. Am Finanzplatz Frankfurt wäre es dann ein Name weniger.

Im Wettlauf mit Paris & Co. die Nase vorn

Umso mehr ruhen die Hoffnungen auf dem Zuzug möglichst vieler Geldhäuser, die London verlassen. Denn mit dem Brexit verliert Großbritannien den Finanzpass zur EU. Trotz aller Bemühungen sah es länger danach aus, als würde Paris die britische Hauptstadt als wichtigste Finanzdrehscheibe Europas ablösen. Nun aber zeigt sich, dass Frankfurt vermutlich das Rennen macht. Im europäischen Standortwettlauf liegt die Mainmetropole klar vor den Mitstreitern Paris, Amsterdam, Luxemburg und Dublin.

Das jedenfalls zeigt die jüngste Entwicklung des Global Financial Centres Index, der zweimal im Jahr vom Londoner Analysehaus Z/Yen Group und China Development veröffentlicht wird. Das Ergebnis beruht unter anderem auf der Befragung von 2.400 Marktteilnehmern. Demzufolge belegt der Finanzplatz Frankfurt nun in Westeuropa nach London und fast gleichauf mit Zürich Platz drei.

Finanzplatz Frankfurt weltweit auf Rang zehn

Im weltweiten Ranking machte Frankfurt sogar einen Satz vom zwanzigsten auf den zehnten Platz. An der Spitze ist London hinter New York zurückgefallen. Die Unsicherheiten wegen des EU-Austritts haben auch hier ihre Spuren hinterlassen.

Am Main zumindest kommt Optimismus aus. Die Stadt Frankfurt geht schon mal von mittelfristig 10.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen aus. Dazu gehören neben Finanzdienstleistern auch technische Anbieter wie IT-Firmen sowie Wirtschaftsprüfer oder spezialisierte Kanzleien. Unter den Geldhäusern selbst wollen 26 definitiv von London nach Frankfurt bzw. dort expandieren.

Das bedeutet aber auch, dass immer mehr ausländische Banken um die Gunst der deutschen Wirtschaft buhlen. Auffallend ist das Interesse der Asiaten. Nach japanischen Banken folgen die Chinesen. Zum Beispiel Essence Securities oder die International Capital Corporation (CICC). Für die Investmentbanken zählt bei der Auswahl vor allem eines: Deutschlands Top Rating mit AAA. Das Länder-Rating kann im Derivatehandel, bei dem das Kontrahentenrisiko zählt, erhebliche finanzielle Vorteile bringen.

Neue Chancen für Unternehmen und Anleger

Vorteile könnten sich auch für Anleger ergeben. Mit der Ausweitung der Geschäfte dürfte etwas Schwung in den einzigen chinesisch-europäischen Handelsplatz Ceinex kommen. Der wurde 2015 als Joint Venture zwischen der Deutschen Börse und der Börse Shangai gegründet, um Anlegern den Zugang zu Aktien aus China zu erleichtern. Bislang werden lediglich 70 Papiere gehandelt, meist ETFs. Ein Zweitlisting wird für chinesische Aktienunternehmen interessanter werden. Der Haushaltsgeräte-Konzern Haier etwa nutzt jetzt die Gelegenheit, europäische Anleger für sich zu gewinnen.

Aber auch Chinas größte Bank, die ICBC sowie die Bank of China strecken derzeit ihre Fühler nach Frankfurt aus, um am deutschen Markt das Kapitalmarktgeschäft heimischer Unternehmen zu beleben. Finanzierungen im Zusammenhang mit dem chinesischen Projekt „Neue Seidenstraße“ gehören ebenfalls zum Programm. Hier könnten sich deutschen Firmen handfeste Chancen bieten, ein Bein in die Tür zu bekommen.

Bei alledem hat der Finanzplatz Frankfurt seine eigenen Chancen noch nicht ausgereizt. Insgesamt betreiben immer noch rund 150 Banken ihr EU-Geschäft zumindest teilweise von London aus. Die Mehrheit von ihnen wird eine Umzugsentscheidung vermutlich in den letzten Monaten vor dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU treffen.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.