Flugscham beunruhigt Unternehmen

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Ob die um sich greifende Flugscham Unternehmen bedroht, ist längst nicht ausgemacht. Die Bahn jedenfalls ist nicht in der Lage auszugleichen. (Foto: IlkerErgun / Shutterstock.com)

Gleich ob Massentierhaltung oder Kinderarbeit in Niedriglohnländern, in der Vergangenheit gab es immer wieder Kampagnen, mit denen Verbraucher ein schlechtes Gewissen bekamen, wenn sie günstige Fleischwaren oder Billig-Textilien kauften – stets begleitet vom Ruf nach Verzicht und Verteuerung. Im Ergebnis führte dies zu neuen Kennzeichnungspflichten und erhöhtem Konsumentenbewusstsein, doch an den Umsätzen hat sich wenig verändert. Abgesehen davon, dass die Industrie neue Öko-Nischen erobert und Teile ihrer Lieferketten umgestellt hat.

Flugscham ruft Unternehmen auf den Plan

Im internatonalen Wettbewerb ist es eben nur bedingt möglich, durch einfachen Verzicht auf nationaler oder regionaler Ebene globale Probleme zu lösen. Nicht anders verhält es sich mit einem neuen Phänomen des schlechten Gewissens, der Flugscham. Unternehmen, die mit der Luftfahrt zu tun haben, sehen sich plötzlich am Pranger von Klimaschutz-Aktivisten. Mit dem Vorwurf, Fliegen sei mit seinen CO2-Emissionen eines der großen Klimakiller, macht sich ein Verhalten breit, bei dem es zum guten Ton gehört, dass Bürger und Unternehmen Flugscham bekunden.

War es gestern noch selbstverständlich, in die Ferne zu fliegen oder für einen Geschäftstermin schnell einen Hin- und Rückflug Flug nach Berlin oder Brüssel zu nehmen, wird nun beflissen über Alternativen gesprochen. In der Regel ist damit die Bahn gemeint. Selbst die Politik fühlt sich genötigt, auf den populären Zug aufzuspringen. Zu den propagierten Sofort-Lösungen gehören etwa billigere Bahnfahrkarten durch eine reduzierte Mehrwertsteuer sowie eine neue CO2-Abgabe auf Flugtickets. Selbst ein Verbot von Inlandsflügen wird aufgegriffen.

Mittlerweile wird sogar Personen des öffentlichen Lebens und Politikern in den Medien vorgeworfen, mit wie viel CO2 sie durch ihre privaten oder dienstlichen Reisen dem Klima schaden. Die Empörungswelle schwappt schon hoch, wenn ein Urlaubsbild aus Übersee auf sozialen Netzwerken gepostet wird. So hysterisch überdreht die Klimaschutzdebatte in Teilen auch erscheint, der Trend zur Flugscham beunruhigt immer mehr Unternehmen aus dem Bereich Luftfahrt. Zumindest sind sie im Zugzwang, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Aus Anlegersicht betrifft das etwa den Frankfurter Flughafen Fraport, Airlines wie Lufthansa, Easyjet oder Reiseanbieter wie Tui.

Emotionen und Tatsachen

Bei letzteren zeigt sich, dass der in Umfragen vielfach bekundete Verzicht auf Fernreisen nicht zu den Rekordbuchungen passt. Nicht jeder, der täglich im Büro sitzt oder beruflich innerhalb Deutschlands unterwegs ist, mag auf einer überfüllten Nordseeinsel mit Labskaus Urlaub machen, wenn ebenso günstige Pauschalreisen erheblich mehr bieten.

Bis jetzt zumindest erkennen auch weder Lufthansa noch Easyjet nennenswerte Rückgänge, auch nicht auf Kurz- und Mittelstrecken. Wer tagsüber von München aus einen Konferenztermin in Hamburg wahrnimmt, wird kaum auf die Idee verfallen, sich in einen überbuchten Zug zu zwängen und notfalls eine zusätzliche Übernachtung in Kauf zu nehmen. Und Videokonferenzen ersetzen nicht den wichtigen persönlichen Kontakt zu Geschäftspartnern.

Dennoch sind die Airlines beunruhigt, sollte der Trend sich ausweiten. Vielmehr noch die Flughafenbetreiber, denn sie sind fest an den deutschen Standort gebunden. Mit Sorge wird registriert, dass in Schweden, dem Ursprungsland der Flyskam (Flugscham,) das Passagieraufkommen geringer wächst, während die Bahn Rekordzuwächse verzeichnet. Doch dies ist nur eine oberflächliche Betrachtung. Tatsächlich hat sich nach der Pleite zweier Airlines das Streckenangebot vorübergehend stark ausgedünnt, sodass vor allem im dichter besiedelten Süden die Bahn für Ausgleich sorgen muss.

Davon abgesehen hat Schweden nur rund 10 Mio. Einwohner. Im kleineren Deutschland mit fast 83 Mio. Einwohnern ist es ungleich schwieriger, mal eben neue Bahnstrecken aus dem Boden zu stampfen. Die deutsche Bahn kommt schon längst an ihre Grenzen und ist ein Sanierungsfall. Selbst die einstigen Autoreisezüge wurden abgeschafft. Außerdem stellt sich die Frage, ob bei einer staatlichen Fahrpreisverbilligung auch die privaten Bahnanbieter berücksichtigt werden können.

Die Bahn schafft es einfach nicht

Das Thema Wettbewerbsverzerrung würde ohnehin einem Verbot für Inlandsflüge im Wege stehen. Derartige Schritte wären allenfalls EU-weit realistisch. Zudem würden bei einer Verteuerung von Flugreisen gerade kleinere Anbieter verschwinden, was die Oligopolbildung der großen Airlines vorantreibt. Vergessen wird bei der Diskussion gerne, dass es seit 2011 eine Luftverkehrssteuer gibt, die ebenfalls ökologische Ziele verfolgen soll. Viel bewirkt hat sie nicht.

Kurzum: Die Bahn, die auch noch den Verzicht aufs Auto ausgleichen soll, ist auf absehbare Zeit nicht in der Lage, die Erwartungen an sie als dominierendes Verkehrsmittel zu erfüllen. Bis dahin würde es vermutlich länger dauern als die Weiterentwicklung künftiger klimaneutraler Biobrennstoffe im Luftverkehr, die es in kleineren Mengen bereits gibt.

Dass Fliegen nicht einfach ersetzbar ist, weiß auch die niederländische Airline KLM. Deshalb macht sie getrost Werbung mit der populären Flugscham und mahnt in Werbespots an, darüber nachzudenken, ob ein Flug wirklich sein müsse. Letztlich eine geschickte Imagepflege, ähnlich wie es etwa der Lebensmittelriese Nestlé mit seinen Bio- und Fairtrade-Produkten macht. Als Anleger sollte man also nüchtern bleiben, nicht alles wird so heiß gegessen wie es gekocht wird.

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