Gesundes Misstrauen – warum Deutschland am Bargeld hängt

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Dass Bargeld in Deutschland hoch im Kurs ist, hat gute Gründe. Vor allem Ältere sind misstrauischer, Jüngere eher trendbewusst und sorgloser. (Foto: Romolo Tavani / Shutterstock.com)

Auch wenn in vielen anderen Ländern bargeldloses, digitalisiertes Bezahlen Scheine und Münzen längst verdrängt, in der Schweiz oder Deutschland ist Bargeld ein Reizthema. „Typisch“, mag einer sagen, „das passt zu den Bedenkenträgern, die schon mit ihrer Datenschutzwut jeden Fortschritt blockieren und am Bargeld hängen, als würden sie enteignet“.

Schweiz und Deutschland als Bargeld-Bastionen

Doch ist es wirklich nur ein nahezu paranoid ängstliches Festhalten an geliebten Scheinen und Münzen?

Zunächst zum Sachstand: Laut Schweizer Nationalbank werden 70 % aller Zahlungen in bar abgewickelt. Bezogen auf den Gesamtwert privater Einkäufe wird zu 45 % in bar bezahlt. Und laut Bundesbank werden 74 % aller Transaktionen in Deutschland über Bargeld erledigt. Beim Einkaufsvolumen beträgt der Wert 48 %.

Umfragen zufolge wollen 55 % in Deutschland nicht auf Bargeld nicht verzichten – vorwiegend Ältere. Wenn, dann zahlen sie eher mit Girokarte und PIN-Eingabe an der Kasse. Die Akzeptanz kontaktloser Kartenfunktionen bis 25 Euro muss sich erst noch zeigen. Kreditkarten wie Visa oder Mastercard werden hierzulande ohnehin von zahlreichen Geschäften nicht angenommen.

Heimlich auf dem Vormarsch sind allerdings die mobilen Bezahlarten über Smartphone Apps, wie Google– oder Apple-Pay. Für junge Menschen gehört der Trend zum guten Ton. Sie sind mit dem Internet groß geworden und haben ein anderes Verhältnis zu Privatsphäre und Grundsatzfragen als die noch dominierenden Älteren. Hauptsache zeitgemäß und schnell. Überspitzt lässt sich der gesellschaftliche Gegensatz mit Misstrauen versus Sorglosigkeit auf den Punkt bringen.

Bitkom drängt Regierung zu Digitalbezahl-Gesetz

Tatsächlich stecken hinter dem beworbenen Kulturwandel faustdicke Geschäftsinteressen. Die Anbieter sprechen vom einfachen und schnelleren Bezahlen und profitieren von jeder Transaktion. Darüber hinaus aber lässt sich bei der völligen Transparenz und aus dem Bezahlverhalten mit wenig Aufwand ein Profil erstellen, um maßgeschneiderte Produkte aller Art anzubieten. Der Datenschutz bei Konten ist mittlerweile gesetzlich geknackt. Um den elektronischen Zahlungsverkehr zu fördern, habe nun auch Drittanbieter Zugriff auf Konten und Daten.

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Zudem ist es auch für die Geschäfte bequemer, wenn der Kunde ruckzuck, am besten automatisch, bezahlt. Beim Barzahlen indes wird gerne noch mal über die Rechnung geschaut. Und Fehler sind nicht so selten. Auch ist bekannt, dass Geld, das man nicht physisch in der Hand hat, leichter ausgegeben wird.

All das veranlasste unlängst den Digitalverband Bitkom zu einer Forderung an die Bundesregierung, die Akzeptanz mindestens einer elektronischen Bezahloption an jedem Point-of-Sale verpflichtend vorzuschreiben. Natürlich mit dem Hinweis auf die Vorteile der Transparenz für den Fiskus und Sicherheitsbehörden. Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Terror – die Verbraucher auf die Art für eigene Geschäftsinteressen zu kriminalisieren, mit dem Kalkül, der Staat werde sie in die Digitalisierung zwingen, gibt allen Anlass zu Misstrauen.

Doch der Sinn einer Geldleistung besteht nicht darin, jeden Kleinbetrag per Verordnung nur noch mit zwangsweise vorgeschalteten Unternehmen wie Telefonprovider und Bezahlsystemanbieter zu erledigen. Und der Staat ist nicht dazu da, ihnen allen garantierte Einnahmequellen zu verschaffen. In dem Moment verliert der einzelne seine Kontrolle. Auch wenn geworben wird, mit der App habe man alle Kosten unter Kontrolle, man kann die Zahlen der Bezahlmühle nur noch zur Kenntnis nehmen.

Anonym, autark und ohne Strom

Viele Bargeld-Fans sind sich zudem weiterer Vorteile bewusst: Es ist immun gegen Hackerangriffe, es ist zumindest in der verfügbaren Summe vorhanden, auch wenn die Bank zahlungsunfähig wird und es garantiert Anonymität. Geldscheine sind Inhaberpapieren gleichgestellt. Wer sie besitzt, ist zum Verwenden berechtigt. Genauso wie Inhaberaktien, bei denen der Besitzer nirgends registriert ist. Dass die künftig abgeschafft werden, sollte stutzig machen.

Bargeld ist nicht nur ein Stück Selbstbestimmung, es braucht vor allem weder Stromversorgung und Internet. Dass die Systeme störungsfrei funktionieren, ist alles andere als garantiert. In einigen Staaten ist es Mode geworden, dass die Regierung bei unliebsamen Umtrieben mal eben das Internet abschaltet. Auch China hat ein System, mit dem es „Störenfriede“ aus dem ohnehin zensierten Netz ausgrenzen kann. Zudem sind die Systeme erstes Angriffsziel moderner Kriegsführung. Ganz abgesehen von Blackouts, die bei Netzüberlastung ganze Regionen lahmlegen.

Und woher kommt das Misstrauen der Älteren? Es mag durchaus einen Unterschied machen, ob man in einer wohlbehüteten Wohlstandsgesellschaft aufwächst oder von Eltern erzogen wurde, die von den Folgen schlechter Zeiten, Krieg und Krisen geprägt waren. Übrigens, selbst in den USA ist Bargeld beliebter als landläufig vermutet. Dort ist gesetzlich geregelt, dass man Schulden und Rechnungen überall mit Bargeld bezahlen kann.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.