Harter Brexit: Importzölle als Notfall-Szenario

Brexit Flaggen London – shutterstock_442357747 Zoltan Gabor

London will beim ungeregelten Brexit auf mehr Importzölle verzichten. Ausnahme sind Autos, Lebensmittel oder Textilien aus der EU. (Foto: Zoltan Gabor / Shutterstock.com)

Nachdem Theresa May auch mit ihrer letzten Vorlage eines Brexit-Deals gescheitert war, musste sich die Regierung nach schier endloser Planlosigkeit rasch etwas einfallen lassen, was nach Handlungsfähigkeit aussieht. Verkündet wurde ein Notfallplan für einen ungeordneten Brexit: Importzölle sollen auf breiter Front gesenkt werden, lauten die Schlagzeilen. Trotz eines vermutlichen Brexit-Aufschubs ist das Worst-Case-Szenario noch nicht endültig vom Tisch.

Nach ungeregeltem Brexit weniger Importzölle geplant

Um einen sprunghaften Kostenschub auf der Insel zu vermeiden, ist unter anderem geplant, nach einem No-Deal-Brexit auf Importzölle für 82 % aller Einfuhren aus der EU weiterhin zu verzichten. Gleichzeitig sollen mehr Waren aus anderen Ländern zollbefreit importiert werden, was zu einer gesamten Quote von 87 % ohne Zölle führt.

Doch so wie der ganze Brexit, ist auch das Thema Importzölle alles andere als einfach und schon gar nicht berechenbar. So weiß man weder als Anleger noch als Unternehmen, wie es nach diesen Maßnahmen weitergeht. Denn bezogen auf die EU gelten sie lediglich „temporär“, die Rede ist von zwölf Monaten.

Zumindest für diesen Zeitraum will London lediglich auf die restlichen 18 % der EU-Einfuhren Importzölle erheben. Für Lebensmittel gelten Staffelungen, die sich nach dem EU-Zoll für Drittstaaten richten. Auf Rindfleisch oder Butter zum Beispiel werden 53 % respektive 32 % der EU-Außenzölle fällig. Für Textilien sind pauschal 8 % vorgesehen und für Autos 10 %.

Fahrzeuge, Essen, Textilien teurer

Umgekehrt würde auch die EU bei einem ungeregelten Brexit Importzölle erheben. Im Ergebnis bedeutet dies eine generelle Verteuerung. Pro Auto wird im Schnitt mit bis zu 1.700 Euro Mehrkosten gerechnet. In Großbritannien streicht schon Land Rover jede zehnte Stelle, Honda will sein einziges Werk schließen und Nissan stoppt Teile seiner Produktion.

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VW wiederum kündigt an, die Preise für seinen zweitwichtigsten Markt in Europa gegebenenfalls entsprechend anzuheben. Auch Daimler dürfte nachziehen. Besonders betroffen aber ist BMW, das Fahrzeuge und Motoren auf der Insel produziert. In Bezug auf Fertigungsteile ist das letzte Wort zwar noch nicht gesprochen, doch hier geht es um rund 4,5 % Zölle. Deshalb wurden bereits Teile der Produktion aus Großbritannien abgezogen und in die EU verlagert. Für den Mini ist ein Standort in Österreich vorgesehen.

Für die Aktienmärkte allerdings kommt die Ankündigung von Importzöllen nicht wirklich überraschend. Das Brexit-Chaos ist sozusagen längst eingepreist. Das zeigt sich nicht zuletzt an den erheblich unterbewerteten britischen Aktien. Die Unsicherheiten werden einstweilen bestehen bleiben, vor allem mit Blick auf die Zeit nach dem Übergangsjahr, für das die Zollfreiheit auf 82 % der EU-Importe gelten soll.

Außer WTO-Regeln keine Nachfolgeabkommen in Sicht

Großbritannien darf nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) keine anderen Handelspartner benachteiligen. Generell ist die Regierung kein Freund von Importzöllen. Doch ist sie dazu gezwungen, wenn die andere Seite nicht mitspielt. Was zum Thema Freihandelsabkommen führt. Der britische Minister für internationalen Handel wollte längst die 40 wesentlichen Verträge der EU mit anderen Ländern kopiert haben.

Bislang konnten nur mit vier Ländern Nachfolgeverträge vereinbart werden: die Schweiz, Chile, die Färöer-Inseln sowie der ost- und südafrikanische Handelsverbund. Davon abgesehen fehlen all die zahllosen Abkommen über Bereiche wie Luftverkehr, Fischerei, juristische Kooperationen usw. Lediglich mit den USA, Kanada und ein paar weiteren Ländern gibt es nun Luftverkehrsabkommen.

Die Regierung in London muss gerade feststellen, dass die Welt nicht darauf wartet, Großbritannien mal eben dieselben Konditionen bei Zöllen, Regeln oder Quoten einzuräumen wie der großen EU. Washington oder Tokio geben längst zu verstehen, dass sie am längeren Hebel sitzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Insofern ist auch die angekündigte Erweiterung zollfreier Importe auf 87 % eher Ausdruck eigener beschränkter Marktmacht.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.