Harter Brexit ist kaum durchführbar

Brexit Puzzleteile_shutterstock_338831222_JMiks

Ein „harter Brexit“ wird unwahrscheinlicher. Die Zustimmung sinkt, die Industrie macht Druck und der wirtschaftliche Exodus nimmt Formen an. (Foto: JMiks / shutterstock.com)

Nun ist es schon ein Jahr her, dass sich die Briten mit 52 % für einen Ausstieg aus der EU entschieden haben. Mittlerweile wurde gewählt und Premierministerin May geht geschwächt in die anstehenden Verhandlungen mit der EU. Und noch immer ist im Dunkeln, um was es genau geht.

Harter Brexit, weicher Brexit, oder am Ende vielleicht doch kein echter Brexit? Wirtschaft und Investoren aller beteiligen Länder hängen weiterhin in der Luft.

Harter Brexit trifft Briten härter

Obwohl sich das Votum selbst nur auf die EU-Mitgliedschaft bezog, hat Theresa May die Deutungshoheit an sich gerissen und den Begriff des harten Brexit geprägt. Hauptsache, Großbritannien muss sich keinen Regeln aus Brüssel unterwerfen. Das betrifft erst recht die Freizügigkeit von Bürgern und Unternehmen.

Um eine Zuwanderung aus der EU zu verhindern, müssten die Briten auch aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheiden. Am Ende soll dann wohl Handelsabkommen entstehen, bei dem Großbritannien möglichst viele Rechte und kaum Pflichten hat. Dass man ausstehende Schulden von 60 Mrd. € oder mehr an die EU nicht zahlen will, wurde mehrfach wiederholt.

Doch anders als die nun wackelige Regierung in London ist die EU inzwischen gestärkt. War sie zur Zeit des Votums noch vom Zerfall bedroht, sitzt sie jetzt am längeren Hebel. Selbst die mit der Insel stark verflochtene deutsche Industrie ist einigermaßen gelassen.

So zeigt eine Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), dass neun von zehn Unternehmen für die nähere Zukunft keine starken Auswirkungen auf ihr Geschäft erwarten. Nur 15,5 % gehen von Folgen für die Personalplanung aus. 17 % erwarten, dass die anhaltende Unsicherheit ihre Produktion berührt.

Zwar befürchten 37 %  der Unternehmen Exporteinbußen durch das geschwächte Britische Pfund, doch nur 9,9 % davon geht von stärkeren Rückgängen aus. Insgesamt schließt ein Viertel alle Befragten sogar höhere Umsätze nicht aus, weil viele Geschäftsbereiche in die EU verlagert werden dürften.

Nervosität angesichts rückläufiger Zahlen

Mit diesem Szenario beschäftigen sich vor allem Firmen, die traditionell stark in Großbritannien vertreten sind. Darunter die Deutsche Post, Deutsche Bahn, BASF oder BMW. Der Autobauer ist mit den Marken Rolls-Royce und Mini der größte auf der Insel, wo er über 24.000 Mitarbeiter beschäftigt. Insgesamt arbeiten rund 400.000 Arbeitnehmer in deutschen Niederlassungen.

Allein daran zeigt sich, wie stark ein harter Brexit Großbritannien treffen würde. Wenn nach einem Total-Exit bislang einheitliche Regelungen entfallen und durch neue, unterschiedliche ersetzt werden, wird der Verwaltungsaufwand so hoch, dass sich viele Bereiche nicht mehr rentieren.

Während sich hierzulande Unternehmen, aber auch Anleger recht gelassen geben, wächst in Großbritannien die Nervosität, abzulesen an einer Umfrage des Unternehmensverbands Institute of Directors (IoD): Über die Hälfte der Unternehmen sieht die Entwicklung der britischen Wirtschaft stark pessimistisch – deutlich mehr als in vorangegangenen Umfragen. Dazu passt ein Blick des Finanzdienstleisters Visa auf die Konsumausgaben über seine Kreditkarten: Sie sind erstmals seit vier Jahren rückläufig.

Brexit Flaggen Stein – shutterstock_442032913 Delpixel

BrExit kommt: Darauf müssen wir uns alle einstellenAb heute wird es ernst beim BrExit: Der offizielle Antrag zum EU-Austritt Großbritanniens ist jetzt auf dem Weg. Hier erfahren Sie mehr dazu. › mehr lesen

Derweil überlegt sich BMW, seinen geplanten Mini mit Elektromotor eventuell nicht auf der Insel zu produzieren. Auch Airbus will seine Kapazitäten reduzieren. In der Unsicherheit planen immer mehr Unternehmen den Rückzug aufs Festland. Viele machen Jobgarantien vom Ausgang der Verhandlungen mit der EU abhängig – selbst Nissan und Toyota.

Noch ist alles offen

Der Druck auf die Regierung in London wächst enorm. Dass sie sich nun erst recht versteift, kann als Zeichen höchster Verunsicherung verstanden werden. Immerhin dauern die Verhandlungen über eine Minderheitsregierung mit der nordirischen Democratic Unionist Party an. Die aber sorgt allein wegen des Streits um weiterhin offene Grenzen zum EU-Mitglied Irland für Ärger und bedroht den Frieden in Nordirland.

Kommt keine Einigung zustande, könnte die Queen die Labour Party mit der Regierungsbildung beauftragen. Letztlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Vernunft in irgendeiner Konstellation die Extremhaltung der Konservativen verdrängt. Und damit die Tür zum Binnenmarkt offen hält.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.