Historischer Ölpreisverfall schickt Börsen weltweit auf Talfahrt

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So etwas hat es noch nicht gegeben: Wer im Mai US-amerikanisches Öl kaufen möchte, der bekommt noch Geld dazu. (Foto: John Williams RUS / Shutterstock.com)

So etwas hat es noch nicht gegeben: Wer im Mai US-amerikanisches Öl kaufen möchte, der bekommt noch Geld dazu. Vorausgesetzt, das Öl darf auch geliefert werden. Der Preis für einen Kontrakt, der eine solche physische Öllieferung im Mai vorsieht, notierte gestern im negativen Bereich – zuletzt bei minus 18,20 US-Dollar je Barrel (159 Liter). Das bedeutet, dass Käufer bei Abnahme Geld erhalten. Das ist das erste Mal seit Aufnahme des Future-Handels im Jahr 1983.

Deutlicher kann nicht werden, dass die Wirtschaft in eine Krise ungekannte Ausmaßes geschickt wurde: Die Öllager sind voll, weil die Industrie den Schmier- und Antriebsstoff gerade nicht braucht. Und sie braucht ihn nicht, weil sie nicht produziert. Die Erwartungen der meisten Unternehmen sind bis auf weiteres bescheiden, was sich auch heute wieder in Quartalszahlen zeigen wird. Und mit Sicherheit auch in Konjunkturdaten.

Ölpreisverfall schockt asiatische Anleger. Virgin Australia beantragt Gläubigerschutz

Asiatische Aktien reagierten am Morgen mit heftigen Verlusten auf den Absturz beim Ölpreis. Aber es gab auch noch andere Faktoren, die die Märkte bewegten.

In Australien ging es um 1,77% abwärts, weil Richard Branson’s Fluglinie Virgin Australia Gläubigerschutz beantragte. Die Firma wolle das Verfahren nutzen, um “das Unternehmen zu rekapitalisieren und zu helfen, sicherzustellen, dass es in einer stärkeren finanziellen Position auf der anderen Seite der COVID-19-Krise auftaucht”.

Die australische Notenbank veröffentlichte auch das Protokoll ihrer Aprilsitzung vom Vormittag, in dem bekräftigt wurde, dass ihr Vorstand “sich weiterhin für die Unterstützung von Arbeitsplätzen, Einkommen und Unternehmen einsetzt”, während das Land auf den Ausbruch des Coronavirus reagiert.

Südkoreas KOSPI verlor 1,71%, da berichtet wurde, dass der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Un nach der Operation in großer Gefahr schwebt. Derweil fiel der japanische Nikkei 225 um 1,98%.

Im Großraum China fiel der Hang-Seng-Index von Hongkong um 2,31%. Chinas Shanghai Composite verlor 1,06%, während die Shenzhen-Komponente um 1,34% fiel.

US-Anleger meiden Aktien vor den Quartalszahlen der Unternehmen

Der starke Verfall der Rohölpreise hat am Montag die Stimmung an der Wall Street zum Kippen gebracht. Zudem seien die Investoren auch angesichts der angelaufenen Berichtssaison vorsichtig, hieß es am Markt. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial , der im Handelsverlauf mehrfach um die Marke von 24 000 Punkten kämpfte, schloss letztlich wieder deutlich darunter.

Nach zwei insgesamt sehr stark verlaufenen Wochen beendete der Dow den Tag mit einem Abschlag von 2,44 Prozent auf 23 650,44 Punkte. Der marktbreite S&P 500 verlor 1,79 Prozent auf 2823,16 Zähler. Der Nasdaq 100 büßte 1,20 Prozent auf 8726,51 Punkte ein.

Als einer der ersten Technologie-Konzerne hat IBM seine Geschäftszahlen zum ersten Quartal 2020 vorgelegt. Das Computer-Urgestein musste erwartungsgemäß deutliche Umsatz- und Gewinneinbußen hinnehmen und angesichts der Corona-Krise seine Jahresprognose streichen. Das ist weniger erfreulich. Aber IBM hat seit kurzem einen neuen Chef, und das wurde von den Anlegern gefeiert. Die Aktie zählte zu den wenigen Gewinnern im Dow – und zog nachbörslich noch einmal um 2,2 Prozent an.

Boeing verliert weitere Aufträge

Für die Anteile des angeschlagenen Luftfahrtriesen Boeing indes ging es am Index-Ende um 6,8 Prozent abwärts. Die China Development Bank Financial Leasing Co. zog einen Auftrag über 29 Maschinen des nach mehreren Abstürzen in Misskredit geratenen Typs 737 Max zurück. Damit ist die Zahl der noch offenen Bestellungen für den Boeing-Flieger 737 auf 70 Stück gesunken.

Deutsche Anleger suchen krisenbeständige Werte

Anleger am deutschen Markt widersetzten sich gestern dem Pessimismus an den US-Börsen. Noch. Nach heftigem Auf und Ab im Verlauf des Tages rettete der Dax gestern ein bescheidenes Plus ins Ziel. Er schloss 0,47 Prozent höher auf 10 675,90 Punkten. Der MDax der mittelgroßen Werte stieg ebenfalls um 0,47 Prozent auf 22 460,84 Punkte.

Unter den Einzelwerten im Dax verbuchten solche Aktien Kursgewinne, die dank vergleichsweise stabiler Erträge als attraktiv in Krisenzeiten gelten. So legten Papiere des Dialysespezialisten FMC um 3,9 Prozent zu und die des Mutterkonzerns Fresenius um 2,2 Prozent. Aktien des Pharma- und Chemiekonzerns Merck KGaA gewannen 2,5 Prozent.

Schwächer zeigten sich hingegen wieder einmal die Aktien der Autobranche, die als klarer Verlierer der weltweiten Pandemie gilt. BMW, Daimler und Continental verloren bis zu 2,2 Prozent. Da half es auch nichts, dass Daimler nach dem Produktionsstillstand die Fertigung wieder anfährt.

Starke Auftragszahlen von Philips trieben Aktien aus der Medizintechnik an: Im MDax legten Siemens Healthineers um 2,9 Prozent zu. Für die Titel des Laborausrüsters Sartorius ging es sogar um 6,5 Prozent hinauf auf ein Rekordhoch. Im SDax gewannen Drägerwerk 4,2 Prozent.

SAP beendet Experiment Doppelspitze

Doch spätestens heute ist die Vorsicht zurück – auch auf dem deutschen Parkett. Auch hier blickt man mit Sorge auf die Quartalsberichte der Unternehmen und deren Jahresprognosen. Heute vor allem von SAP. Deutschlands wertvollstes Unternehmen beendete gestern abend das Experiment Doppelspitze. Inmitten der Corona-Krise trennt sich Europas größter Softwarehersteller von seiner Co-Chefin Jennifer Morgan. Die 48-Jährige habe sich mit dem Aufsichtsrat einvernehmlich darauf verständigt, das Unternehmen zum 30. April zu verlassen, wie SAP in Walldorf mitteilte.

Ihr Co-CEO und Vorstandsmitglied Christian Klein werde das Unternehmen künftig alleine führen. Als Grund nannte SAP die «aktuelle Situation», die «schnelles, entschlossenes Handeln» und eine klare Führungsstruktur verlange.

Magere Vorzeichen lassen Verluste zu Handelsbeginn erwarten

Ansonsten gibt das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschungen (ZEW) heute seine aktuellen Konjunkturerwartungen bekannt. Nach dem Absturz auf -49,5 Punkte im Vormonat wird eine leichte Stabilisierung auf -43,0 Punkte erwartet.

In den USA werden die Verkäufe bestehender Häuser gemeldet.

Geschäftszahlen kommen außerdem von Sartorius, Reckitt Benckiser, Chipotle Mexican Grill, Coca-Cola, Lockheed Martin, Netflix, Paccar, Philip Morris, Texas Instruments, Travelers und United Airlines.

Die Anleger erwarten insgesamt nichts Gutes. Der DAX wird zur Eröffnung gut 200 Punkte tiefer erwartet – bei 10505 Punkten.

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Ölmarkt Update: Jetzt fallen die Preise wieder ins BodenloseBesonders stark sind die Rückgänge beim Ölpreis wieder in den USA. Dort verliert die maßgebliche Sorte WTI zu Wochenbeginn rund 15%. › mehr lesen


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Marcus Schult
Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.