Immer dieselben Gründe: Darum ist Gerry Weber pleite

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Die Gründe der Gerry Weber-Insolvenz gleichen denen anderer gestrandeter Modeanbieter: sie reagieren zu langsam auf die Schnelllebigkeit (Foto: r.classen / shutterstock.com)

Den Anfang im neuen Jahr hätte sich so manch modebewusster Anleger etwas anders vorgestellt. Die einst von Hoffnungen begleitete Aktie des Bekleidungsherstellers Gerry Weber aus Halle ist dramatisch abgestürzt, um 70 %. In den letzten drei Jahren hat sie damit über 94 % verloren. Bei einem Kurs von 64 Cent ist sie kaum noch der Rede wert, zumindest im Vergleich zum Höchststand von fast 39 Euro im Jahr 2014. Das Unternehmen ist pleite.

Preis-Leistung leidet unter Schnelllebigkeit

Über die Gründe der Insolvenz von Gerry Weber muss man nicht lange spekulieren, sie ergeben sich schon mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre. Noch im Geschäftsjahr 2013/14 verzeichnete das Unternehmen einen operativen Gewinn von 109 Mio. Euro, zuletzt war es ein Verlust von 192 Mio. Euro. Und zu Beginn des Jahres wurden die Prognosen erneut nach unten korrigiert – noch vor der Insolvenz. Als Gründe nannte Gerry Weber neben Wertberichtigungen seiner Ableger in Skandinavien eine neue Geschäftsplanung für die Tochtergesellschaft Hallhuber.

Die Insolvenz in Eigenverwaltung wurde nur für die Dachgesellschaft Gerry Weber International selbst gestellt. Betroffen sind ca. 900 von insgesamt 6.500 Mitarbeitern. Was ansteht, sind erhebliche Einschnitte. Gut jeder fünfte von insgesamt 1.230 Läden inklusive des Ablegers Hallhuber sollen geschlossen werden. Die Modefirma muss sich neu aufstellen, und zwar schnell. Nachdem Verhandlungen mit Banken gescheitert waren, bleiben noch Gelder, die nach Geschäftsangaben die Finanzierung  zumindest bis Ende des Jahres sichern.

Bis dahin muss der Spagat zwischen geringerer Vor-Ort-Präsenz und einer neu aufzubauenden Struktur gelingen. Ob die eingesparten Kosten bei weniger Umsatz für mehr Investitionen reichen, wird sich zeigen. Entscheidend ist die richtige Ausrichtung. Und damit gelangt man zu den eigentlichen Gründen für die Insolvenz. Gerry Weber hat zu spät auf immer schnellere Trendwechsel reagiert, die auch durchs Internet getrieben werden. Auf die Weise sind bereits andere wie H&M, Esprit oder Escada unter Druck und Steilmann oder Rudolf Wöhrl in Schieflage geraten.

Profilsuche zwischen Luxus und Billig

Gleichzeitig ziehen Online-Händler wie Zalando oder Asos Kunden ab. Hinzu kommen trendige Billigketten wie Primark. In dieser Zwickmühle haben viele – nicht nur Garry Weber – zu lange auf „zeitlose Qualitätsmode“ gesetzt. Dafür gibt es zwar genügend Kunden, doch auch die wollen nicht mehr in zwei, drei Jahren wie aus der Zeit gefallen erscheinen. Zudem greifen etliche beim Preischeck im Internet auf andere Quellen zurück.

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Qualität, die ihren Preis hat, gerät in der Schnelllebigkeit unter die Räder. Das Verhältnis von Preis und Leistung stimmt nicht mehr. Auch die Flucht in Billigware hilft nicht, weil damit die eigene Marke beschädigt wird. Dass es dennoch geht, zeigt etwa der Textilriese Inditex. Der spanische Mutterkonzern von Zara schafft es, neue Trends in Windeseile in seine Läden zu bekommen.

Auch Gerry Weber muss es schaffen, mithilfe digitalisierter Prozesse schneller zu werden und eine attraktive Online-Präsenz aufzubauen, die wiederum in die Läden vor Ort lockt. Das Problem dabei ist die Position zwischen Luxus und Billig attraktiv zu profilieren. Qualität alleine wirkt eher schwammig und wird verbreitet ohnehin vorausgesetzt.

Gründe erkannt? Insolvenz als Chance für Gerry Weber

Dass die deutsche Modebranche ums Überleben kämpft, zeigt nicht zuletzt der jüngste Kursrutsch der Aktie von Tom Tailor. Er folgte umgehend auf die Insolvenz von Gerry Weber. Fast zeitgleich musste auch die Bekleidungskette AWG Insolvenz anmelden.

Für Gerry Weber kann dies der rettende Schnitt sein. Nachdem es dem Sohn des Firmengründers Gerhard Weber nicht gelungen war, 2014 den Erfolg des Vaters fortzuführen, übernahm letzten Herbst ein externer Vorstand das Management.

Gut vorstellbar, dass der emotionsfrei die Mehrheit des Familienunternehmens bei einem ausländischen Investor unterbringt. More & More beispielsweise ist mittlerweile von Cemsel übernommen worden. Der türkische Textilanbieter ist für seine Ambitionen bekannt, mit günstigen Zukäufen zu wachsen.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.