Investitionen: Deutschland schläft

Die Investitionen in Deutschland treten mehr oder weniger auf der Stelle. Dabei müsste jetzt in die Rendite von morgen investiert werden. (Foto: gopixa / Shutterstock.com)

Die Luxusprobleme hätten andere Länder gerne: chronischer Handelsbilanzüberschuss, fortlaufend steigende Steuereinnahmen, rückläufige Schuldenquote und viel Arbeit für die es zu wenig Fachkräfte gibt. Eigentlich die richtige Zeit, kräftig Geld in die Hand zu nehmen und für die Zukunft vorzusorgen.

Investitionen in Deutschland stagnieren

Kinderversorgung, Bildung, Wohnungsbau, Straßen-, Schienen- sowie leistungsfähigere Kommunikationsnetze, damit die sich digitalisierende Wirtschaft nicht im Funkloch oder im Datenstau stecken bleibt. Doch die Investitionen in Deutschland stagnieren nahezu, mit nur leichten Zuwächsen. Das betrifft die öffentliche Hand genauso wie die Privatwirtschaft. In den meisten Nachbarstaaten wird mehr investiert. Jeder weiß, dass es wenig Sinn macht, auf Dauer von der Substanz zu zehren.

Dennoch bröckeln in Schulen oder Finanzämtern die Wände und an Autobahnbrücken die Fundamente. Einem internen Investitionsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge beträgt der Investitionsrückstand alleine bei den Kommunen rund 156 Mrd. Euro. Und gerade die großen Unternehmen investieren eher im Ausland. Hinzu kommt, dass Donald Trumps Steuerreform Firmen wie BMW, Daimler, Siemens und andere ermuntert, ihr Geld in den USA zu investieren.

Mit ca. 615 Mrd. Euro waren die gesamtwirtschaftlichen Investitionen Deutschlands im letzten Jahr nur leicht höher als in den Jahren zuvor. Das ist rund ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Österreich und Frankreich etwa kommen auf Werte zwischen 22 % und 24 %.

Viel Geld, kein Personal

Gut 90 % aller Investitionen hierzulande entfallen auf die Privatwirtschaft, der Rest auf die öffentliche Hand. Die Wirtschaft begründet ihre Zurückhaltung vor allem mit dem Mangel an Fachkräften. Wenn kein Personal in Sicht ist, das neue Maschinen bedient oder Software pflegt, wird höchstens auf altem Niveau modernisiert. Ein weiterer Hemmschuh sind immer mehr Vorschriften und Bürokratie.

An der Stelle geht es nahtlos in den öffentlichen Sektor über. Der ist nämlich personell ausgedünnt und überfordert. Das endet nicht nur in langwierigen Genehmigungsverfahren, der Mangel an qualifiziertem Fachpersonal führt auch inhaltlich zu mangelhafter Bearbeitung. Und geht ein strittiges Verfahren vor Gericht, kommt es aus demselben Grund nicht voran. Solide Planungen müssen mit den Behörden Hand in Hand gehen.

Mit der Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitern ins Ausland geht Wissen verloren, die Firmen haben teils keine kompetenten Ansprechpartner mehr. Nicht genug, dass oft die eigenen Leute fehlen. Kein Wunder, dass etwa im Straßenbau oft Pi-Mal-Daumen unter Zeitdruck mit Mut zur Lücke gearbeitet wird. In der Folge müssen frisch renovierte Autobahnteilstücke schon bald erneut ausgebessert werden. Effizienz geht anders.

Dies sind weitaus größere Probleme als das Geld, das eigentlich vorhanden ist. Werden sie nicht gelöst, verpuffen auch Vorschläge von Politikern, etwa einen Zukunftsfonds einzurichten. Davon abgesehen scheint sich auch die Große Koalition mehr auf das Thema Sozialausgaben zu konzentrieren. Mit 914 Mrd. Euro sind sie auf ein Drittel der Wirtschaftsleistung angestiegen.

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Keine Antwort auf Trumps Steuergeschenke

Dabei wären Steuersenkungen ein Anreiz gewesen, nicht nur auf die Steuergeschenke Donald Trumps zu schielen. Eine attraktivere Einkommenssteuer könnte zudem schlafende Potenziale wecken, indem sie mehr Menschen für anspruchsvollere Jobs motiviert. Für viele Mütter beispielsweise sind Steueraspekte langfristig ausschlaggebender als der ideale Kitaplatz, der für ein paar Jahre wichtig ist.

Im Wahlkampf waren ja Steuern das große Thema. Nun aber kommen noch steigende Verteidigungsausgaben hinzu. Die Bundeswehr ist ein Abbild der ganzen Misere. Bei alledem steht unverändert die Schwarze Null auf dem Programm. Das Ziel ist durchaus richtig, doch der Weg dahin muss jetzt nicht im Schweinsgalopp zurückgelegt werden. Auch hier gilt, dass Knausern zum falschen Zeitpunkt mittelfristig das gewünschte Ergebnis verhagelt.

Es hätte wohl kaum der jüngsten Bertelsmann-Studie bedurft, die mit Modellrechnungen eigentlich nur das bestätigt, was schon der gesunde Menschenverstand sagt: Je stärker in guten Zeiten in die Zukunft investiert wird, desto mehr sprudeln auf lange Sicht die Staatseinnahmen. Noch ist der finanzielle Spielraum für künftige Überrenditen vorhanden. Deutschland müsste nur handeln.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.