Kohleausstieg: Mit Augenmaß bleibt ein Versorgungs-Chaos aus

Beim Kohleausstieg steht noch nichts fest. Die Planungslosigkeit treibt alle Beteiligten um. Befürchtet wird ein zweiter Atomausstieg. (Foto: Ivars Linards Zolner - Fotolia)

Anleger, die lange darbenden Versorgern wie RWE die Stange hielten, können sich freuen. Die Aktie legt seit geraumer Zeit kräftig zu. Auf Jahressicht beträgt das Plus fast 25 %. Kaum weniger beachtlich sind die Zuwächse bei E.on.

Letzterer will nun nach und nach Teile der RWE Tochter Innogy übernehmen, im Gegenzug wandern Geschäfte im Bereich Erneuerbare Energien zu RWE. E.on verabschiedet sich damit von der Stromproduktion und RWE wird langsam grüner.

Atomausstieg noch nicht lange her

An sich schöne Aussichten, und die Altlasten aus dem Atomausstieg sind Geschichte. Doch schon steht die nächste Hürde an: der Kohleausstieg. Beschlossen wurde er, um die Klimaziele einzuhalten. Nur wann und was in welcher Reihenfolge abgeschaltet werden soll, muss noch geklärt werden. Ob 2030 oder später, ob Braunkohle vor Steinkohle und andere Entscheidungen – all das will die Regierung über eine eigens einberufene Kommission bis Ende des Jahres festlegen.

Bis dahin herrschen Planungslosigkeit und Machtkämpfe in der Politik und Industrieverbänden. Einerseits ist kaum von der Hand zu weisen, dass Handlungsbedarf besteht. Andererseits geht es um Zigtausende von Arbeitsplätzen, aber auch Investitionen. So hatte RWE in den Niederlanden erst 2015 ein Kohlekraftwerk eingeweiht, das in zehn Jahren wieder vom Netz gehen soll. Auch dort ist der Kohleausstieg beschlossene Sache. Investiert hatte RWE rund 3,2 Mrd. Euro.

Natürlich wird nun geklagt, es geht um Entschädigungen. Unter Umständen ein Vorgeschmack auf das, was hierzulande bis Dezember entschieden wird. Es geht aber auch um die gesamte Stromversorgung in Deutschland. Findet der Kohleausstieg wie beim Atomstrom überhastet statt, besteht die Gefahr von Versorgungslücken. Erneuerbare Energien decken nicht alles ab, und noch immer fehlen Stromtrassen. Der alte Umstieg ist noch nicht bewältigt, da kommt der nächste daher.

Kohleausstieg nicht unvorbereitet

Die Industrie befürchtet stark ansteigende Strompreise und in der Folge ein Abwandern vieler Firmen ins günstigere Ausland. Von daher könnten spekulative Anleger mit Strom-Futures bzw. Zertifikaten auf steigende Strompreise wetten und RWE Aktien abstoßen.

Allerdings sind die Versorger dieses Mal nicht unvorbereitet. RWE arbeitet schon länger an der Verminderung von CO2 Emissionen und rüstet seine Kraftwerke mit Filtern nach. Neben Gaskraftwerken können sie die Versorgung aufrechterhalten bis Grüne Energien weitere Anteile übernehmen. Doch selbst bis 2030 werden sie nur 65 % schaffen. Das Ganze braucht also eine zuverlässige und machbare Planung.

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Und weil RWE seinen Erneuerbare Energie-Sektor schon längst massiv ausbaut und mit dem E.on-Deal zum drittgrößten Ökostromanbieter Europas aufsteigt, ist der Konzern auch nicht von der neuen ökologischen Ausrichtung großer Investoren betroffen. Neben dem Norwegischen Staatsfonds und anderen Pensionsfonds wollen auch die Versicherer Axa und Allianz nicht mehr in Unternehmen investieren, die ihr Geld mit Kohle verdienen. Die Münchner Rück gibt sich noch abwartend.

Derweil wird die Regierung gezwungen sein, den Kohleausstieg mit Augemaß anzupacken. Spätestens wenn die Konjunktur bis dahin weiter abflaut, entsteht zusätzlicher Druck, keine überhasteten Exprimente zu riskieren. Auf drastisch steigende Strompreise zu wetten, erscheint also doch riskant. Die RWE Aktie indes dürften weiter zulegen. Abgesehen davon ist sie derzeit stark unterbewertet.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.