Magerer Börsengang von Westwing nach hohen Erwartungen

Der Börsengang von Westwing war im zweiten Anlauf mager. Inwieweit das Geschäftsmodell als Online-Lifestyle-Club trägt, bleibt abzuwarten. (Foto: tom - Adobe Stock)

Neue Aktie, neue Chancen – doch nicht jeder IPO der letzten Zeit brachte Anlegern den erhofften Schwung. So richtig erfreuen konnten bisher nur die Gesundheitssparte von Siemens Healthineers sowie der Bildverarbeiter Stemmer. Sie kamen auf ein Plus von 40 % bzw. 50 %. Von Hoffnungen begleitet war der jüngste Kandidat für einen Börsengang Westwing.

Westwing Börsengang: Zweiter Anlauf mit Auftaktminus

Der Münchner Online-Händler für Möbel, Ausstattungen und Accessoires verzeichnete im Vorfeld eine große Nachfrage, die Aktie war überzeichnet. Doch bei Handelsstart am 10. Oktober ließ das Interesse deutlich nach. Bis am frühen Nachmittag gab der Ausgabepreis von 26 Euro um ca. 15 % nach, erholte sich wieder und am Ende des ersten Tages schloss die neue Aktie im Prime Standard der Frankfurter Börse mit Minus 2,89 %.

Damit war der Börsengang von Westwing nicht gerade erfolgreich verlaufen. Auch der Inkubator Rocket Internet, der zuvor schon Startups wie Zalando oder Delivery Hero an die Börse gebracht hatte, dürfte sich mehr erhofft haben. Bei Westwing war es immerhin der zweite Anlauf. Seine Beteiligung von 32 % will Rocket Internet behalten. Weiterhin beteiligt sind der Investor Kinnevik aus Schweden, Access Industrie sowie Tengelmann Ventures.

Die Einnahmen aus dem Börsengang will Westwing in den Geschäftsausbau sowie die Schuldentilgung stecken. Das Geld kommt zu den Gewinnen hinzu, die das Unternehmen seit dem vierten Quartal 2017 verzeichnet. Im ersten Halbjahr dieses Jahres ist der Umsatz um 22 % auf 120 Mio. Euro gestiegen. Umsatzwachstum ist angesichts einer operativen Marge von 2 % dringend nötig. Das ganze Geschäftsjahr 2017 brachte immerhin noch einen operativen Verlust von 4,9 Mio. Euro.

Kundenbindung über Lifestyle-Shopping-Club

Die Zukunftserwartungen beruhen auf dem Potenzial der Online-Branche. Nicht zuletzt der Unternehmensberater Price Waterhouse geht von „erheblichem“ Wachstumspotenzial aus. Vom Geschäftsmodell her präsentiert sich Westwing als eine Art Shopping-Club. Gepflegt wird die direkte Kundenansprache übers Internet bzw. soziale Medien. Das Unternehmen spricht von einem „kuratierten Shoppable Magazine“ bzw. „kuratierten“ Produkten.

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Schon mit dem in Mode gekommenen euphemistischen Begriff, der nicht anderes als betreuen, organisieren oder verwalten bedeutet, will man sich in Richtung Lifestyle mit Themenwelten von Mitbewerbern wie home24 abheben. Auffallend ist, dass die Kundschaft nach eigenen Angaben vorwiegend weiblich ist. Bislang zumindest scheint der Ansatz mit dem Zeitgeist-Zauber zu funktionieren.

Online ist kein Geld-Garant

So wird etwa seit 2011 die Mitbegründerin Delia Fischer gezielt in den Vordergrund gestellt. Sie war zuvor Redakteurin bei den Frauenmagazinen Elle sowie Elle Decor, hatte die Idee, das Thema Inneneinrichtung mit Flair, einem Wir-Gefühl und auch Eigenmarken zu verbinden und setzt auf enge Kundenbindung. Dies funktioniert auch erheblich besser als etwa bei home24. Mit dem Konzept ist Westwing in elf europäischen Ländern aktiv.

Gerade auf die internationale Verankerung wird es künftig ankommen. Dass es hier nicht einfach ist, eine durchgehend profitable Linie aufzuziehen, zeigte das Jahr 2012, als sich Westwing nach beachtlichen Anfangserfolgen aus etlichen Märkten zurückziehen und Mitarbeiter entlassen musste. Heute sind rund 1.100 Menschen beschäftigt.

Was Anlass zur Vorsicht gibt: Trotz großer Wachstumspotenziale ist auch der Online-Handel kein Geld-Garant. Bei home24 beispielsweise rücken die Gewinnziele in immer weitere Ferne. Obwohl die Berliner bei etwas höheren Umsätzen nur 385 Mitarbeiter beschäftigen, laufen dem Unternehmen an einigen Stellen die Kosten davon.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.