Neuer Präsident in Brasilien: Boom für die Aktienmärkte?

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Brasiliens Wirtschaft soll mit Boslonaros Radikalreformen aufblühen. Doch Rating- Agenturen sind weniger optimistisch als der Aktienmarkt. (Foto: Aleks_Shutter / shutterstock.com)

Gleich wie man es bewerten mag, die Aktienmärkte folgen einer rein nüchternen Logik. Wenn die Kurse, wie nach der Wahl Donald Trumps, zum Präsidenten in die Höhe gehen, spiegelt das nicht zwingend die politische Meinung der Anleger. Bei nahe liegenden Gewinnen spielen auch eventuelle langfristige Negativfolgen einer neuen Politik eine untergeordnete Rolle.

Radikalprogramm für Brasiliens Wirtschaft

Ähnlich verhält es sich nun mit Brasiliens Aktien. Die Wirtschaft, so das Kalkül, scheint mit der Wahl des Rechtsaußen-Populisten Jair Bolsonaro vor einem Durchbruch stehen. Angekündigt ist eine liberale Radikalkur, bei der Privatisierungen unter Umständen selbst vor der Ölgesellschaft Petrobas, der Staatsbank Banco do Brasil, Gefängnissen und Schulen nicht Halt machen. Zumindest wenn es nach den Vorstellungen von Paolo Guedes geht. Der Ökonom und Investmentbanker soll ein Superministerium leiten, das Finanzen, Wirtschaft und Industrie umfasst.

Guedes war sozusagen Bolsonaros Einflüsterer während des umstrittenen Wahlkampfs und hat dem wirtschaftlichen Programm erst zu einer Art Profil verholfen. Dazu gehört unter anderem eine Reform des großzügigen Rentensystems, die bis zur Abschaffung der Umlage zugunsten einer rein kapitalgedeckten Rente geht. Auch soll das komplizierte Steuersystem auf einen Schlag vereinfacht werden: Die Rede ist von einheitlichen Einkommens- und Unternehmenssteuern um die 20 % oder gar 15 %.

Boslonaros Widersprüche

Die Pläne sind eine Antwort auf jahrelange Misswirtschaft und Korruption. Bolsonaro hat es nur mithilfe von Guedes geschafft, zum Kandidaten der Finanzmärkte zu werden. Hatten die Aktien in Brasiliens Leitindex Bovespa bereits vor der Wahlentscheidung einen Sprung gemacht, legten sie kurz danach erneut kräftig zu. Wie weit aber die Vorstellungen tatsächlich umgesetzt werden, ist völlig offen.

Immerhin hatte sich Bolsonaro zuvor klar gegen eine kapitalgedeckte Rente ausgeprochen, gegen eine Privatisierung von Petrobras oder der Staatsbank, und er war gegen massive Steuersenkungen. Seine Angst vor dem Unmut von Rentnern, des Militär und Polizeiapparat war zu groß. Somit sind aus derzeitiger Sicht zwei Szenarien denkbar: Entweder er folgt wie eine Marionette der Marschrichtung von Guedes. Oder er schickt ihn bei nächstbester Gelegenheit in die Wüste und präsentiert sich als Erlöser von Gewalt und Kriminalität, „politischen Eliten“ und unliebsamen Medien.

Mittelfristig erhebliche Risiken

Für letztere Variante könnten neue Ermittlungen gegen Guedes eine Steilvorlage bieten. Es geht um den Verdacht, seine Fondsgesellschaft habe rund 240 Mio. Euro veruntreut. Schwindet der Einfluss des Superministers in spe wird das ganze ökonomische Konzept noch unklarer. Die mittelständische Wirtschaft Brasiliens ist ausgedünnt. Das Land lebt großteils von Rohstoffen. Die Verschuldung geht auf die 90 % vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu. Das einzig greifbare ist Bolsonaros Aussage, Importzölle zu verringern, die Wirtschaft Brasiliens und den Handel zu öffnen.

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Die Rating Agentur Standard & Poor’s jedenfalls bewertet ihn als Risiko für die Wirtschaft. Nach der bislang moderaten Erholung von der Rezession der Jahre 2015 und 1016 stagniert sie wieder. Für jemanden, der ohnehin „keine Ahnung von Wirtschaft hat“, wie der neue Präsident von sich sagt, sind die massiven Probleme der achtgrößten Volkswirtschaft eine extreme Herausforderung. Gut verstellbar, dass die Vorschuss-Lorbeeren der kurzfristig taktierenden Aktienmärkte bald einer Ernüchterung mit Blick auf die mittel- und langfristigen Auswirkungen weichen.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.