Nord-Süd-Gefälle: Renten fallen unterschiedlich hoch aus

In vielen Belangen ist in Deutschland immer von einem Ost-West-Gefälle die Rede. Arbeitslosigkeit, Löhne und Gehälter und genereller Wohlstand sind in den neuen Bundesländern immer noch auf einem schlechteren Niveau als in den alten. Auch bei der Rente wird häufig davon gesprochen.

Der neue Union Investment Vorsorgeatlas Deutschland von 2017 zeigt aber nun, dass das Versorgungsgefälle bei den 20- bis 65-jährigen vielmehr zwischen Nord und Süd liegt und weniger zwischen Ost und West.

Welche Bereiche der Altersvorsorge wurden betrachtet?

Betrachtet wurden sowohl die gesetzlichen Renten als auch die private Vorsorge aus Riester-Verträgen und betrieblichen Zusatzrenten. Kapitalanlagen wie Immobilien, Fonds und Aktien spielen ebenfalls eine Rolle.

Beim Blick nur auf die gesetzliche Rente, fällt eine entscheidende Sache auf. Nimmt man nur die Ersatzquoten (Höhe der Rente im Vergleich zum vorherigen Arbeitseinkommen) und nicht die Rentenhöhe, liegt das Rentenniveau in den westlichen Bundesländern sogar niedriger als in den östlichen.

Durch die Betrachtung der Ersatzquote anstelle der Rentenhöhe verändert sich der Blickwinkel

Der Grund dafür ist, dass im Westen mehr Menschen über der Beitragsbemessungsgrenze verdienen, die Rentenbeiträge aber nicht über diese Grenze hinaus abgeführt werden und dementsprechend auch nicht mehr ausbezahlt wird. Die Relation zwischen dem vorherigen Arbeitseinkommen und der gesetzlichen Rente ist dadurch schlechter als in den neuen Bundesländern, wo die Menschen durchschnittlich weniger verdienen.

Im Osten liegt die Ersatzquote bei der gesetzlichen Rente bei 53,4 Prozent und im Westen bei 47,2 Prozent. Ganz Deutschland kommt auf 48,3 %. Nimmt man noch die private Vorsorge hinzu, liegt die Ersatzquote der Deutschen bei 61,8 %. Das heißt: Hat ein Erwerbstätiger heute 2.000 € netto im Monat zur Verfügung, wird er in der Rente 1.236 € (61,8 % von 2.000 €) im Monat haben.

Wie entsteht das Nord-Süd-Gefälle bei den Renten?

Die Quote von 61,8 % bildet dabei das ganze Land ab, im Süden und besonders in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg liegen die Werte unter diesem Schnitt.

In vielen anderen Gebieten im Norden Deutschlands, wie zum Beispiel dem Weser-Ems-Land, Schleswig-Holstein oder Brandenburg liegt die Quote bei rund 63 % und somit über dem deutschen Durchschnitt, was aber eben daran liegt, dass der Unterschied zwischen dem Einkommen aus der Erwerbstätigkeit und der Rente geringer ist.

Immobilien, Aktien und Fonds sorgen für eine höhere Ersatzquote im Süden

Nimmt man jedoch noch die weiteren privaten Vorsorgemöglichkeiten wie Aktien, Fonds und Immobilien hinzu, steigt die Ersatzquote deutschlandweit auf durchschnittlich 82,6 % an. In diesen Bereichen ist der Süden wieder deutlich stärker aufgestellt als der Norden, was aus dem höheren Einkommen in der Erwerbstätigkeit resultiert, das zusätzlich angelegt wurde und was in der Rente dann den entscheidenden Unterschied macht.

In Regionen wie Schwaben, Niederbayern, Tübingen und Freiburg werden Ersatzquoten von über 87 % erzielt. Der Osten hingegen fällt bei dieser Betrachtung nun wieder deutlich ab, in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg liegt die durchschnittliche Ersatzquote bei unter 75,4 %, also deutlich weniger als dem gesamtdeutschen Schnitt.

Besonderheiten des Vorsorgeatlas und Lehren aus den Ergebnissen

Die Angaben des Vorsorgeatlas sind mit Vorsicht zu genießen, da sie nur die Daten einzelner abdecken, ohne dass dabei zum Beispiel Ehepartner mit einem deutlich höheren oder geringeren Vermögen berücksichtigt wurden. Auch liefern die Daten lediglich Durchschnittswerte. Zudem gilt, dass es das Nord-Süd-Gefälle nur bei der gesetzlichen Rente gibt. Insgesamt betrachtet, herrscht ein Ost-West-Gefälle vor.

Die Lehre, die aus dem Vorsorgeatlas gezogen werden kann ist, dass die private Vorsorge unheimlich wichtig ist und dass gerade zusätzliche Altersvorsorge-Bausteine wie Immobilien oder Aktienfonds enorm zur Versorgung im Alter beitragen können. Nur auf die gesetzliche Rente zu bauen wird nicht ausreichen, dafür ist die Ersatzquote zu schlecht.

31. Oktober 2015

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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