Nordstream 2: Streit um Gaspipeline in der Ostsee

Der Energietitel Gazprom bleibt spannend. Unter anderem ist das umstrittene Projekt Nordstream 2 mit seinen Folgen von Bedeutung. Anfang des Jahres legte die Aktie erneut zu, nachdem sie 2016 ein Plus von 43% verzeichnete.

Grund war unter anderem der schwache Rubel. Weil im Ausland verkauftes Gas hauptsächlich in Dollar abgerechnet wird, trieb das die Gewinne in die Höhe.

Konträre Interessen: Folgen und Bedeutung von Nordstream 2

Und sollte die geplante Erweiterung der Ostsee-Gaspipeline in die Tat umgesetzt werden, wäre Gazprom einer der Hauptgewinner. Nicht zuletzt hat das Unternehmen über seine Projektgesellschaft bereits kräftig investiert. Gazprom ist zuversichtlich, sogar die Rohre werden schon hergestellt.

Es geht um eine zweite Doppelleitung zur bereits bestehenden Nordstream-Pipeline über eine Länge von 1.224 Kilometern – vom russischen Wyborg bis nach Lubmin bei Greifswald. Von dort aus sollen über Abzweigungen auch osteuropäische Länder versorgt werden.

Doch das Projekt ist noch nicht in trockenen Tüchern. Die Folgen von Nordstream haben Bedeutung in mehrfacher Hinsicht. Im Spiel sind wirtschaftliche und politische Interessen. Zu den Hauptakteuren gehören neben Gazprom verschiedene Energieunternehmen, die EU, Deutschland sowie Polen, die baltischen Staaten und die Ukraine.

Zu den Unterstützern zählen Shell, OMV, die Öl- und Gastochter von BASF Wintershall, die von Eon abgespaltete Uniper sowie das französische Unternehmen Engie und Deutschland.

Angst vor russischer Erpressung

Polen indes leistet erbitterten Widerstand. Weil die Leitung an dem Land vorbeiführt, entgehen Transitzahlungen. Ähnlich die Position der Ukraine, die ein geringeres Durchleitungsvolumen der vorhandenen Leitung befürchtet. Hinzu kommen südosteuropäische Staaten, die zuvor auf deutschen Druck hin auf das Konkurrenz-Projekt South-Stream verzichtet hatten.

Wegen der Beschwerden und Blockaden bei der EU wird das Projekt nicht im gesamteuropäischen Interesse gesehen. Der Argwohn richtet sich gerade gegen Deutschland, das als Partner russischer Erpressungsversuche gesehen wird.

Die Befürworter wiederum spielen die politische Sprengkraft herunter und betonen den rein wirtschaftlichen Aspekt: Es gehe um den Ausbau der europäischen Infrastruktur. Das Interesse der Unternehmen liegt auf der Hand. Sie sind bereits an der ersten Pipeline beteiligt, die seit Ende 2011 jährlich bis zu 55 Mrd. Kubikmeter durch die Ostsee bringt.

Europa braucht mehr Gas

Die für 2019 geplante zweite Linie soll noch einmal soviel befördern. Klar ist: Europas Gasbedarf steigt und die eigene Produktion sowie die aus Nordafrika gehen zurück. Doch eine der Folgen von Nordstream 2 wäre, dass Russland gut 80% seiner Gaslieferungen über die Ostsee laufen lassen würde. Schon jetzt liegt das Erweiterungsprojekt komplett bei Gazprom. Shell, OMV, Wintershall & Co. hatten sich wegen der Querelen zurückgezogen.

Obendrein nimmt die EU Gazprom wegen möglicher Kartellrechtsverstöße unter die Lupe. Der Verdacht: Das Unternehmen habe mit seiner Marktdominanz die Gaspreise in die Höhe getrieben. Es droht eine Strafzahlung von 10% des Gesamtumsatzes. Sollte die in Verhandlungen abgewendet werden, käme das der Finanzierung von Nordstream 2 zugute. Die Investitionskosten liegen bei geschätzten 8 Mrd. €.

Gazprom schafft derweil Fakten und hat trotz fehlender Genehmigungen 4 Mrd. € schwere Aufträge für Rohre und Vorarbeiten vergeben. Während Brüssel eine Abhängigkeit von Russland vermeiden will und auf einen südlichen Gaskorridor setzt, hofft das Unternehmen auch auf das Ergebnis einer neuen Studie, die von den Befürwortern in Auftrag gegeben wurde.

Flüssiggas gegen russische Dominanz

Demzufolge ist die Angst vor einer Abhängigkeit unbegründet. Mit der zunehmenden Bedeutung von verflüssigtem Erdgas (LNG) komme zusätzliche Liquidität in den Markt. Sollte Russland an der Preisschraube drehen, könne man auf Flüssiggas-Importe zurückgreifen, für die es unausgelastete Anlandekapazitäten gebe. Zudem stehe Nordstream 2 über den Verteiler Deutschland auch anderen Lieferanten zur Verfügung.

Offiziell ist der Ausgang offen. Faktisch aber spricht vieles für eine Realisierung von Nordstream 2. Die Aktien der Unterstützer dürften jedenfalls davon profitieren. Gazprom hat bereits vor Jahreswechsel 50% der Anteile an der Projektgesellschaft mit Sitz in der Schweiz übernommen. Die gehörte bislang komplett der Tochter Gazprom Gerosgaz Holdings in den Niederlanden.

18. Januar 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt