Österreich nach der Wahl: Wien setzt auf mehr Privatwirtschaft

Die Umfragen waren zutreffend: Kurz vor der österreichischen Nationalratswahl lag die SPÖ mit der FPÖ gleichauf – und die ÖVP klar vorn. Da konnte man sich zeitig auf das anschließende Wahlergebnis vorbereiten. Entsprechend zeigte sich der Leitindex ATX an der Wiener Börse in seinem Aufwärtstrend auch nach dem Urnengang am 15. Oktober völlig unbeeindruckt.

Folgen der Österreich-Wahl für Unternehmen positiv

Für Wirtschaft und Anleger sind die Folgen der Österreich-Wahl positiv zu bewerten. In den Koalitionsverhandlungen mit der FPÖ wurde schnell klar, dass sich ÖVP-Chef Kurz als Wahlsieger das Heft nicht aus der Hand nehmen lässt und keine nationalistischen Störfeuer duldet, die die Wirtschaft beeinträchtigen.

Dabei gab es einige Konstellationen für eine Regierungsbildung und im Vergleich zu Deutschland grenzen sich die Parteiprogramme deutlicher voneinander ab. Sie gehen weitaus tiefer ins Detail und schaffen ein jeweils eigenes, klares Profil. Die ÖVP präsentiert sich dabei unternehmerfreundlich.

Sebastian Kurz hat es verstanden, der FPÖ Stimmen abzugraben. Unter anderem mit klarer Kante in Sachen Flüchtlingspolitik konnte er den Freiheitlichen Wind aus den Segeln nehmen. Zudem hat er mit seinem stark personalisierten Wahlkampf viele Jungwähler mobilisiert. Er selbst ist erst 31 Jahre alt. Dass er auf abwertende Äußerungen zu anderen Parteien weitgehend verzichtete, brachte ihm zusätzliche Sympathiepunkte ein.

Nachdem eine Neuauflage der Großen Koalition mit der SPÖ – ähnlich wie in Deutschland – nicht mehr infrage kam, und zwischen SPÖ und FPÖ kaum Schnittmengen existierten, blieb die Konstellation ÖVP/FPÖ. Der bekennend europafreundliche Kurz dürfte darauf achten, dass der Partner nicht aus dem Ruder läuft und seine Regierungsbeteiligung keinen EU-Boykott wie im Januar 2000 heraufbeschwört.

Weniger Staat, neue Chancen

Die positiven Folgen der Österreich-Wahl für die Wirtschaft ergeben sich schon aus dem Parteiprogramm der Konservativen. Es bietet Chancen, Strukturen aufzubrechen und Vorgaben abzubauen: Weniger Staat, mehr unternehmerische Initiative und Möglichkeiten, in die Privatwirtschaft zu investieren.

Österreich wiederum ist wirtschaftlich solide aufgestellt. Es hat in den vergangenen Jahren erheblich aufgeholt und verzeichnet stärkere Zuwächse beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Deutschland. Das laufende Jahr wird mit einem Plus von 2,8 % abschließen.

Der anhaltende Aufschwung steht auf breitem Fundament. Der Export läuft genauso geölt wie der Binnenkonsum. Die Bruttoinvestitionen sind ebenfalls gestiegen, um über 5 %. Auch das Land selbst investiert kräftig in die Zukunft: In Europa tätigt es nach Schweden die zweitgrößten Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Börse spiegelt Wirtschaftsboom

Die neue Regierung ist in einer komfortablen Situation. Denn sie kann auf die wirtschaftlichen Erfolge der Vorgänger aufsetzen und hat Spielraum, ihre Vorstellungen zu realisieren. So will die ÖVP die Steuerquote auf bis zu 40 % drücken. Die Große Koalition hatte 2016 bereits eine umfangreiche Steuerreform zur Entlastung der Bürger auf den Weg gebracht. Zuletzt erreichte die Steuerquote einen Stand von über 43 %, der vierthöchste Wert in Europa.

Die gute Verfassung spiegelt sich an der Wiener Börse: Der ATX brachte auf Jahressicht ein Plus von ca. 36 %, der Dax 23,33 %. In ihm sind die 20 größten Konzerne gelistet. Interessant am ATX ist seine Zusammensetzung. Neben 27 % Banken enthält er gut 16 % Immobilienaktien und 14 % Öl – ein ganz anderer Branchenmix als beim DAX. Von den meisten hiesigen Anlegern wird er kaum beachtet. Bei genauer Betrachtung der Aktien zu Unrecht.

Die generelle Richtung in Österreich jedenfalls scheint klar: Mehr Privatwirtschaft, weniger Staat und eigene Positionen in der EU. Wichtig wird sein, dass sich die Alpenrepublik in einer Koalition mit der FPÖ keine wirtschaftsschädlichen Reibereien mit den europäischen Partnern erlaubt.

27. Oktober 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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