Polen – Wirtschaft zwischen Patriotismus und Potenzial

Er wirkt bis heute nach, der Aufholeffekt in den östlichen Ländern, die 2004 Mitglied der EU wurden. Aus ärmlichen Nachbarn wurden aufstrebende Volkswirtschaften. Eine ideale Gelegenheit für Investoren. Ein Paradebeispiel: Polen.

Die Wirtschaft konnte sich prächtig entwickeln. Dank Liberalisierung und Deregulierung verkrusteter Strukturen sowie fließender Fördergelder aus Brüssel wurde Polen zum EU-Musterland. Mit insgesamt 90 Mrd. € ist es größter Profiteur im Finanzausgleich.

Polens Wirtschaft soll nationaler werden

Seit geraumer Zeit aber kühlt sich das Verhältnis zur EU zunehmend ab. Nachdem die Regierung in Warschau bereits eine staatliche Institution nach der anderen auf Linie der rechtspopulistischen PiS-Partei gebracht hat, wird nun die Justiz ihrer Unabhängigkeit beraubt. Um die geplante Entmachtung des Obersten Gerichtshofs zu verhindern, droht Brüssel mit Sanktionen.

Da ein Verfahren zum Stimmrechtsentzug wegen der angekündigten Blockade durch Ungarn eigentlich chancenlos ist, wird jetzt eine Kürzung von EU-Geldern gefordert. Die dürfte sich gerade im ländlichen Raum bemerkbar machen, wo die Regierung ihre meisten Anhänger hat. Dabei gefallen der nationalistische Konfrontationskurs und die zunehmende Anti-Deutschland-Propaganda längst nicht allen Polen. Die Wirtschaft ist ebenfalls besorgt.

Zwar gibt sich Regierung vordergründig offen für Investitionen aus aller Welt und hat einen ehrgeizigen Plan ausgearbeitet, der das Land an die Spitze in Europa bringen soll. Doch genau betrachtet geht es bei der geplanten Reindustrialisierung um eine Repolonisierung. Schon lange klagt Wirtschaftsminister Morawieckie über die „Dominanz ausländischen Kapitals“ und malt das Feinbild fremder Firmen an die Wand, die dem Land „horrende Summen entziehen“.

Destruktives Doppelspiel mit Investoren

Deshalb sollen Banken und Medien rein von Polen kontrolliert werden. Und seit letztem Jahr gibt es für Nichtpolen Sondersteuern auf Bankgeschäfte oder Handelsgeschäfte. Die trifft etwa Handelsketten aus Deutschland oder Frankreich. Ein destruktives Doppelspiel mit Investoren, von denen man zugleich neue Jobs erwartet.

Dass eine Patriotismuswirtschaft dem Prinzip freier Märkte widerspricht und gegen EU-Recht verstößt, stört die Regierung wenig. Sie hat bereits das Verfassungsgericht entmachtet und gezeigt, was sie vom Rechtsstaat hält. Dabei sind Gewaltenteilung und Rechtssicherheit bedeutende Standortfaktoren. Zudem: Polen ist nicht China. Um ausländische Investoren etwa aus den Banken herauszukaufen, fehlt schlicht das Geld.

Derweil wurde Polens Kreditwürdigkeit herabgestuft, bei Standard & Poor´s auf BBB+ – Aussicht negativ. Entsprechend zurückhaltend sind ausländische Banken mit finanziellen Engagements.

Bereits letztes Jahr ist Polens Wirtschaftswachstum auf 2,7 % zurückgefallen. Ob das diesjährige Ziel von 3,4 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu halten sein wird, bleibt abzuwarten. Positiv ist zumindest, dass die Arbeitslosenquote deutlich unter 6 % liegt. Die Löhne steigen schneller als die niedrige Inflation, was eine höhere Kaufkraft mit sich bringt.

Sonderwirtschaftszonen als Motor

Der Vorteil für deutsche Unternehmen: Die Lohndifferenz liegt bei 1:5. Miele etwa investiert 45 Millionen in ein Werk in Polen, Daimler baut Produktionsstätten für PKW-Motoren, und die Lufthansa sowie GE Aviation, der Flugzeugableger von General Electric, wollen ein Wartungszentrum für Triebwerke errichten.

Eine polnische Besonderheit: Das Land ist gespickt mit über 300 kleinen Sonderwirtschaftszonen, in denen ausländische Firmen bislang Steuervorteile genießen und günstig produzieren. Insgesamt ist Deutschland ist der mit Abstand größte Handelspartner Polens mit 27 % der polnischen Exporte und 23 % der Importe des Nachbarlandes.

Die meisten Investoren gehen davon aus, dass sich die politische Situation in absehbarer Zeit wieder normalisieren dürfte. Sobald dies der Fall ist, gibt es Raum für Potenziale. Wer als Anleger zeitig profitieren will, kann in einen ETF auf den MSCI Poland von iShares investieren. Seit einem Jahr geht er wieder kräftig nach oben – um ganze 52 %. Der Markt hat die Hoffnung nicht aufgegeben.

14. September 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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