Politische Börsen – meist wirklich mit kurzen Beinen

Politische Börsen haben in aller Regel kurze Beine. Denn der Markt versucht, auch aus dem Schlechten das Beste herauszuholen. (Foto: Evan El-Amin / Shutterstock.com)

Als langfristig orientierter Anleger kennt man den Vorteil des Cost Average Effekts: Weil die Kurse über die Jahre generell steigen, zahlt sich Gelassenheit aus. Zwischenzeitliche Abstürze lassen sich dabei für einen günstigen Nachkauf nutzen, was im Ergebnis die Rendite erhöht.

Dabei ist es nicht immer einfach, im Auf und Ab an den Märkten einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn etwa Donald Trump wieder mal einen Handelsstreit vom Zaun bricht und die Kurse einbrechen oder umgekehrt die Börse feiert, weil er Steuererleichterungen verkündet, dann sollte man sich die Kurzlebigkeit politischer Börseneffekte vor Augen halten.

Politische Börsen haben kurze Beine

Politische Börsen haben kurze Beine, heißt es. Weil nach Schreck und Euphorie in der Regel die Vernunft Einzug hält, sollte man eher von Strohfeuern oder kurzen Beben ausgehen. Oder vielleicht doch nicht? Üblicherweise kommt es auf die Einschätzung der großen Investoren an. Also davon, ob ein Risikopotenzial überschaubar ist, weil die Fundamentaldaten stimmen oder es im Handelsstreit mit Strafzöllen mehr um Drohgebärden geht, die auf Dauer die eigene Wirtschaft schädigen.

An der Börse werden eben Wahrscheinlichkeiten gehandelt. Je nachdem können politische Börsen kurze oder auch längere Beine haben. Das politische Element ist lediglich ein Auslöser. Entscheidend sind die vermutlichen Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Nur kurzfristige Effekte gab es etwa bei den Russland-Sanktionen, Stichwort Ukraine und Krim-Annexion. Ebenso beim Atomprogramm Nordkoreas. Dies sind Beispiele, in denen die Kurse auch nur mäßig nachgaben. Viel stärker war der Schockeffekt nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA. Aber schon Ende Oktober hatte der Dow Jones seinen alten Stand wieder erreicht.

Beim Brexit wiederum waren alle vom Ausgang des Votums überrascht. Doch in der Erwartung, dass dies nicht zum wirtschaftlichen Selbstmord führen werde, holte der um 8 % eingeknickte Dax innerhalb von Wochen wieder auf und begab sich Richtung Höhenflug. Noch schneller drehten die Kurse aus der Verlustzone, nachdem Donald Trump Präsident wurde. Der anschließende Optimismus trieb die sie auf immer neue Höhen, zwischenzeitlich befeuert von angekündigten Steuerreformen.

Das Risiko schlägt meist später durch

Dabei waren sich im Vorfeld die Experten einig, dass sich Trumps Politik auf Dauer als Bumerang erweisen muss. Was es bedeutet, mit aller Gewalt weltweite Wertschöpfungsketten aufbrechen zu wollen, zeigt sich dieser Tage bei Apple. Den Konzern will er zwingen, seine Produktion in die USA zu verlagern. Schon die Strafzölle auf Einfuhren aus China verteuern Produkte von Apple.

Nicht nur die Aktien von Apple und seinen Zulieferern leiden. Trumps Tiraden wecken in Peking Überlegungen, mit einer Kampagne dominante US-Firmen aus dem Land zu drängen und damit Platz für eigene Anbieter zu schaffen. Davon wären auch Konzerne wie Starbucks oder McDonald’s betroffen.

Die neue Ernüchterung war eigentlich von Anfang an absehbar, genauso wie die sich abzeichnenden Probleme eines Brexit ohne Abkommen. Was die Auslöser selbst, also das Votum und die Präsidentschaftswahl angeht, so waren es politische Börsen mit kurzen Beinen.

Apple-Aktie: Milliarden-Etat für eigene Hollywood-ProduktionenApple will mit Eigenproduktionen Streaming-Größen wie Netflix angreifen. Anleger greifen bei der Apple-Aktie wieder vermehrt zu. › mehr lesen

Aus allem das Beste herausholen

Warum aber wurden die schwelenden Risiken fast zwei Jahre lang ignoriert? Aus der Sicht der großen Investoren war es die Entscheidung, so lange wie möglich für Optimismus zu sorgen und an der Börse einen Aufwärtstrend zu zünden. Die mittel- und langfristigen Sprengsätze haben sie dabei auf dem Radar.

Und in der Regel werden absehbare Entwicklungen von gut informierter Seite bereits eingepreist. Treten dann bestimmte Ereignisse ein, kann es vorkommen, dass ein Privatanleger in der Presse schlechte Schlagzeilen liest, während die Börse anscheinend kaum reagiert – weil die Kurse sie längst vorweggenommen und die Investoren neue Positionen aufgebaut haben.

Politische Börsen sind in ihrer Dynamik nicht immer einfach zu durchschauen. Allerdings kann man darauf setzen, dass der Markt auch aus dem Schlechten das Beste herausholen will.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.