Regionalwährung: Vorteile und Nachteile eines Experiments

Nein, zur Geldanlage taugen sie nicht, die Chiemgauer, Urstromtaler oder Zeller. Dennoch sind solche Alternativgelder interessant, weil diese Regionalwährungen die Vorteile und Nachteile derartiger Projekte vor Augen führen.

Immerhin sind sie als Gegenbewegung Ausdruck des Wunsches nach kleinen Fluchten aus dem herrschenden Geldsystem. Damit spiegelt das Experiment Regionalwährung auch die Vorteile und Nachteile etwa des Euro.

Gutscheingeld gegen anonymes System

Regionale Identität und Überschaubarkeit gegen ein anonymes System sozusagen. Es ist nicht zufällig, dass die meisten Initiativen mit Einführung des Euro ab 2001 aufkamen. Überall entstanden Vereine, die Parallelgeld mit identitätsstiftenden Namen einführten. Dabei handelt es sich um leistungsgedeckte Gutscheine, die von teilnehmenden heimischen Gewerbetreibenden angenommen werden. Die wiederum können sie in Euro umtauschen.

Weil diese wechselseitigen Kredite in einem geschlossenen Mitgliederkreis stattfinden, unterliegen sie dem Privatrecht und verstoßen nicht gegen das Währungsmonopol der Zentralbank. In Europa gibt es Regionalwährungen neben Großbritannien und der Schweiz vor allem in den Euroländern.

In Frankreich sind es eher Regionen mit ausgeprägtem Bewusstsein für kulturelle Eigenständigkeit wie Okzitanien oder die Bretagne. In Deutschland fand die Idee einer „wahren Währung für die Region“ in zahllosen Landstrichen und Städten Anklang. Ähnlich in Österreich, wo das Experiment Freigeld seinen Ursprung hat.

Idee aus der Not geboren

Als in der Wirtschaftskrise und Depression 1932 die Fabriken der Tiroler Stadt Wörgl schließen mussten, überlegte der Bürgermeister einen Ausweg aus der Krise. Der bestand darin, Geld in Umlauf zu bringen, das keine Zinsen bringt und deshalb nicht gespart wird. Er führte „Schwundgeld“ ein, auf das man nach jedem Monat eine Marke kleben musste. Die kostete 1 % vom Wert eines Scheins, womit der fortlaufend weniger wert wurde.

Der Effekt: Die Wörgler brachten das Geld rasch in Umlauf, die heimische Wirtschaft erholte sich, die Arbeitslosigkeit ging zurück und die Stadtkasse nahm wieder Steuern ein. Und das in der allgemeinen Deflation. Nach 14 Monaten beendete die Zentralbank dieses „Wunder von Wörgl“, auf das sich heutige Initiatoren gerne berufen.

Regionalwährung: Vorteile aus Nachteilen erzeugen

Keine Zinsen, kein überregionaler Einsatz, dafür aber eine gestärkte Wirtschaft vor Ort. Genau das ist das Konzept einer Regionalwährung: Nachteile schaffen Vorteile, die einer überschaubaren Gemeinschaft zugute kommen. Das Ganze erinnert nicht nur an vergleichbare Planspiele für eine Parallelwährung im gebeutelten Griechenland. Auch die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken zielt darauf ab, Geld in die Wirtschaft zu bringen. Doch bekanntlich funktioniert das nur begrenzte Zeit.

Bezeichnenderweise ist das Regionalgeld mit eingebautem Wertverlust nicht über ein Nischendasein hinausgekommen. Selbst wer die faktische Abgabe auf Geldhaltung in Kauf nimmt, muss noch Umtauschgebühren bei den ausgebenden Vereinen zahlen. Die geben zwar einen Teil an lokale Anbieter ab, was deren Marktposition zusätzlich stärken soll.

Doch führt der rein regionale Geldeinsatz zu eingeschränktem Wettbewerb mit höheren Preisen. Abgesehen davon verkauft nicht jedes Geschäft vor Ort nur Produkte aus der Region. Das wiederum erinnert an die aktuelle Kontroverse um Abschottung, Protektionismus und Freihandel. Produktionsbedingungen, die woanders günstiger sind, werden auch durch Regiogeld nicht besser. Im Gegenteil: Es fehlt der Druck, effizienter zu produzieren.

Parallelveranstaltung für Idealisten

Regionalwährungen sind eher eine idealistische Parallelveranstaltung für Lokalpatrioten. Die funktioniert am besten in wohlhabenden Regionen wie rund um den bayerischen Chiemsee, wo gut 2.500 Verbraucher in rund 600 Geschäften mit dem Chiemgauer bezahlen. Die sind in der Regel keine Euroskeptiker und wissen, dass sich der Chiemgauer auch nicht für Kredite eignet. Wer ihn verleiht, bekommt nämlich wegen der regelmäßigen Abwertung weniger zurück.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist dieses Zusatzgeld eigentlich eine Ausweitung der Geldmenge. Wegen der geringen Verbreitung aber wird es geduldet. Ohnehin wurden bereits etliche Projekte eingestellt. Andere versuchen sich mit überregionalen Zusammenschlüssen. Doch so sind einst aus Talern und Gulden zuerst die Mark und dann der Euro entstanden.

Den kann man natürlich horten. Wäre da nicht das Gespenst der Negativzinsen, mit denen einige Kreditinstitute den Euro zum Schwundgeld machen. So wie dessen lokale Konkurrenz. Solange aber die Wirtschaft läuft, kann man sein Geld wenigstens in Aktien anlegen.

9. Februar 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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