Renault-Aktie: Wie stark belastet der Ghosn-Skandal?

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Die Renault-Aktie auszumustern wäre derzeit wohl verfrüht. Nach der Verhaftung von CEO Ghosn steht Bolloré als Nachfolger bereit. (Foto: josefkubes / shutterstock.com)

Noch wurde er nicht entlassen, weder aus der Untersuchungshaft noch von seinem Chefposten bei Frankreichs Vorzeigeautobauer, doch er ist angezählt. Die Rede ist von Carlos Ghosn, ein mächtiger Überflieger, dem es gelungen ist, Renault, Nissan und Mitsubishi Motors zur Allianz zusammenzuschmieden. Nirgends sonst können sich Anleger drei Aktien von Großkonzernen aussuchen, an deren Spitze ein und derselbe Name steht. Bislang zumindest, denn in Japan wurde Ghosn entmachtet.

Renault-Aktie im Wirbel der Ereignisse

Noch im Flugzeug war er verhaftet worden, die japanische Staatsanwaltschaft wirft ihm Steuerbetrug vor, und er soll Privat-Immobilien auf Kosten von Nissan gekauft haben. Als die Nachricht um die Welt ging, knickte die Renault-Aktie zweistellig ein. Auch das Papier von Nissan gab nach, die Mitsubishi-Aktie ebenfalls.

Die im französischen Leitindex CAC 40 gelistet Renault-Aktie konnte sich nach dem ersten Schrecken leicht erholen. Wie es weitergeht, steht aber in den Sternen. Denn das Ganze ist ein Machtspiel, bei dem nicht nur die Unternehmen Regie führen. Bei Renault zumindest mischt die Politik mit. Und die Allianz zwischen Renault und Nissan steht kurz vorm Übergang zur Fusion.

Dass die Hochzeit nun zu platzen droht, ist bei genauer Betrachtung nicht verwunderlich. Die Vorbehalte bei Nissan als dem nach Absatzzahlen wesentlich größeren Partner waren schon länger erheblich. Auch die neue politisch-diplomatische Dimension offenbart eigentlich nur, worum es im Kern geht: Nissan stört sich zum einen daran, dass es bei Renault nur zu 15 %, umgekehrt aber Renault bei Nissan zu 43 % beteiligt ist. Der größere Stolperstein aber ist die 15 %-Beteiligung des französischen Staats an seinem Traditionsunternehmen.

Der Fall des Erfolgsstrategen Ghosn

In voller Kenntnis der Brisanz hat sich Paris bislang geweigert, seinen Einfluss auf Renault zu reduzieren. Bei einer Fusion wäre die Regierung entsprechend am neuen Unternehmen beteiligt, dessen Sitze in Paris und Tokio geplant sind. Und nun wurde der CEO kaltgestellt. Dabei war er es, der Macron Anfang des Jahres dazu bewegen konnte, den Staatsanteil von 19,7 % wenigstens etwas herunterzufahren. Für eine weitere Reduzierung hat seine Überzeugungskraft allerdings nicht gereicht.

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Das Vorgehen der japanischen Behörden als Druckmittel zu bezeichnen, dürfte zu weit gehen. Die Vorwürfe gegen Ghosn sind wohl nicht aus der Luft gegriffen. Gleichzeitig sind sie schon länger bekannt. So wie es aussieht, könnte sich Carlos Ghosn mit seinem Erfolg und Machtstreben selbst ein Bein gestellt haben. Seine bisweilen ruppige und hemdsärmelige Art sowie sein Gehalt, das bei Renault um die Hälfte höher liegt als das von Noch-Daimler-Chef Zetsche, mögen für Unmut sorgen.

Andererseits ist es ihm seit 1999 gelungen, aus dem Sanierungsfall Nissan ein profitables Unternehmen zu machen, ähnlich ab 2005 bei Renault, wo er Umsätze und Renditen dramatisch steigerte und bis heute für über 10.000 zusätzliche Arbeitsstellen sorgte. 2017 verzeichnete Renault einen Rekordgewinn von 5,2 Mrd. Euro. Seine Leistungen werden durchwegs als beachtlich bezeichnet. Und mit der geplanten Fusion hätte er sich zum Chef des größten Autoherstellers der Welt gemacht, noch vor VW, allerdings rein auf PKWs bezogen.

Neue Wege für die Allianz gesucht

Bleibt die Frage, ob sich Nissan die Aussicht auf entsprechende Chancen mit mehr Profitabilität und höheren Margen entgehen lassen will. Bei Mitsubishi jedenfalls, an dem Nissan zu 34 % beteiligt ist, geht man davon aus, dass selbst die bisherige erfolgreiche Allianz ohne Ghosn schwer zu managen sein wird. Zerbricht sie, wird es zunächst für alle Beteiligten schwieriger.

Und schon sind neue Töne zu hören: Frankreich scheint plötzlich vage für Zugeständnisse bereit zu sein, und ein Regierungssprecher in Tokio betont die Bedeutung des Bündnisses. Unter wessen Führung das künftig gelingen soll, ist offen. Einstweilen leitet die bisherige Nummer zwei bei Renault die Geschäfte: Thierry Bolloré.

Der gebürtige Bretone ist von seinem ruhigen Wesen her das Gegenteil von Ghosn. Sein Vorteil: Er ist ausgewiesener Asienkenner, überall anerkannt und war ohnehin als Nachfolger vorgesehen. Der Übergang kommt mit den jüngsten Ereignissen allerdings drei Jahre früher. In der aktuellen Situation ist ein besonnener Bolloré nach dem ungestümen Ghosn die beste Option für weiteren Erfolg. Seine Mischung aus „bretonischer Beharrlichkeit und messerscharfer Analysefähigkeit“, so „Ouest France“ aus Rennes, spricht für ihn. Kein Grund also, die Renault-Aktie schnell aus dem Depot zu nehmen.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.