Russland-Aktien: investieren birgt schwer vorhersehbare Risiken

In Aktien aus Russland zu investieren wäre fundamental interessant, doch mit den jüngsten US-Sanktionen ziehen dunkle Wolken auf. (Foto: AntonovVitalii / Shutterstock.com)

Bei der Suche nach günstigen Einstiegschancen drängt sich derzeit Russland auf. Nach den jüngsten US-Sanktionen gegen einige russische Unternehmer und deren Firmen wegen deren Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 erlebte die Moskauer Börse den größten Crash seit der Krim-Annexion.

Hält man sich an den Gedanken, dass politische Börsen kurze Beine haben, wäre eigentlich der passende Zeitpunkt in Aktien aus Russland zu investieren. Doch das Risiko ist hoch.

Ungemach nach verbesserten Rahmenbedingungen

Galten sie ohnehin schon länger als unterbewertet, standen kürzlich noch die Zeichen auf Erholung. Die Kurse im Leitindex RTS waren auf 1.339 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit 2014 gestiegen, nachdem der Rubel deutlich erstarkt war und russische Staatsanleihen Boden gewonnen hatten. Anlass war eine verbesserte Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor’s. Mit BBB- wurden die Staatspapiere nicht mehr als Ramsch eingestuft.

In der Folge machte sich Optimismus breit, wenn auch vorsichtig. Anleger sahen nach wie vor Risiken in Bezug auf neue Sanktionen und zögerten, in Aktien aus Russland zu investieren. Schließlich war das Land neben China offiziell zur Hauptbedrohung Amerikas erklärt worden. Durch den ausgeprägten Mangel an Investitionen waren russische Aktien vergleichsweise billig. Dabei sorgen gestiegene Preise für Rohstoffe bzw. Öl für verbesserte Rahmenbedingungen gerade im Export- und Energiesektor.

Ohne neue politische Störfeuer gingen Analysten von einem Anstieg des Leitindex RSI auf 1.400 Punkte bis Ende des Jahres aus. Weil die Berechnung auf einem Ölpreis von 50 US-$ basierte, der allerdings längst darüber liegt, dürfte das Erholungspotenzial sogar etwas höher sein. Wer sich generell überlegt, in Aktien aus Russland zu investieren, sollte sich zunächst im wichtigen Energiesektor umschauen.

Russische Aktien: Fundamental interessante Unternehmen

Im Bereich Gas dominieren Novatek und Gazprom, die Nummer eins. Im Bereich Öl sind Lukoil und die Gazprom-Tochter Gazprom Neft interessant. Die Unternehmen haben gute Aussichten auf steigende Gewinne. Hervorzuheben ist Novatek, das unlängst ein neues Gasfeld im sibirischen Norden erschlossen hat. Mit der zeitig fertig gestellten Förderanlage wurde es zum größten Flüssiggas-Exporteur Russlands. Wer in Aktien von Novatek investiert, befindet sich in guter Gesellschaft: Total aus Frankreich etwa hält ein Paket von 20 %.

Im Binnenmarkt haben Logistik- und Transportunternehmen wie Aeroflot oder Global Ports gute Aussichten. Im Bereich Internet verzeichnen die Suchmaschinen Yandex und Mail.ru Group ein beachtliches strukturelles Wachstum. Mail.ru domoniert bereits mit einem Marktanteil von 90 %. Und Yandex ist in Russland beliebter als Google. Es wird mit der Sherbank einen neues E-Commerce Geschäft aufbauen. Sogar der amerikanische Fahrdiensleister Uber will mit Yandex die östlichen Märkte erobern. Ein gemeinsames Unternehmen soll nächstes Jahr an die Börse gebracht werden.

Im Finanzsektor ist bei der Shberbank und der TCS Group von dynamischen Gewinnzuwächsen auszugehen. Und von der wiederbelebten Konsumlaune profitiert etwa die größte Handelskette X5. zu erwähnen wäre noch der Alukonzern Rusal, der mit extrem niedrigen Produktionskosten extrem profitabel arbeitet. Extrem war aber auch der jüngste Absturz der Rusal-Aktie: Innerhalb von zwei Wochen ging es über 40 % in die Tiefe, rund 2,4 Mrd. € Börsenwert gingen verloren.

In Russlands Aktien investieren bleibt vorerst riskant

Rusal gehört zu den Unternehmen, die am stärksten von der Attacke der US-Regierung getroffen wurden. Auf weitere Sanktionen muss man sich vorerst einstellen. Nach dem Vorwurf der Einmischung in den US-Wahlkampf geht es nun um die russische Position in Syrien. Die nebulöse Begründung von Trumps UN-Botschafterin Nikki Haley, die von „immer dreisteren boshaften Aktivitäten Russlands in aller Welt“ sprach, lässt keine schnelle Entspannung erwarten.

Und nach Interpretation der US-Regierung bereichern sich die russischen Oligarchen über ihre Firmen an der gegen den Westen gerichteten Politik Putins. Obwohl vieles fundamental dafürsprechen würde, in Aktien aus Russland zu investieren und von einer baldigen Erholung zu profitieren, wäre dies aktuell ein hohes Wagnis. Rusal selbst richtet sich auf Zahlungsausfälle ein, verschiebt seine Bilanzveröffentlichung zu 2017 und rät Aktionären sogar zur Vorsicht mit Rusal-Aktien.

Gehen die Sanktionen weiter, dürfte es zu weiteren Zahlungsausfällen und einem Einbruch in der russischen Wirtschaft kommen. Und sobald der Staat in Finanznot gerät, werden internationale Investoren auch Staatsanleihen abstoßen. Die Folgen einer Abwärtsspirale in diesem Wirtschaftskrieg sind derzeit nicht absehbar.

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.