Schwellenländer in der Krise? kein Anlass zur Panik

Die aktuelle Schwellenländer-Krise ist nicht so dramatisch wie es aussieht. Die meisten Länder stehen wirtschaftlich besser da als früher. (Foto: Goran Bogicevic / shutterstock.com)

Jahrelang galten sie als der Renner: Emerging Markets waren unter Anlegern eine willkommene Alternative mit Potenzial. Dazu beigetragen hatten die seit der Finanzkrise niedrigen Zinsen, was den Anlagedruck erhöhte sowie die wirtschaftliche Erholung mit parallel einhergehender Erholung der Auslandsschulden vieler Länder.

Die Krise der Schwellenländer nüchtern betrachtet

Doch seit Anfang des Jahres gerieten die Schwellenländer in die Krise, und mancher fragt sich, ob er aus seinem Engagement aussteigen soll – bevor es noch weiter bergab geht. Tatsächlich zeichnet sich in letzter Zeit eine spürbare Verschlechterung ab. In Argentinien ist das Haushaltsdefizit derart gestiegen, dass es eine Exportsteuer einführte. Der Peso ist in den letzten fünf Monaten verglichen zum US-Dollar um 70 % gefallen.

Die Türkische Lira rutschte allein im selben Zeitraum um fast 50 %. Abwärts geht es auch mit den Währungen von Indien, Indonesien, Russland oder Südafrika. Im Falle Chinas wiederum ist nicht auszuschließen, dass der schwächere Yuan die Exportwirtschaft ankurbeln soll, die unter dem Handelskrieg mit Donald Trump leidet.

Zu den zentralen Gründen der Schwellenländer-Krise gehören die seit längerem anziehenden Zinsen in den USA. Attraktivere US-Bonds ziehen Investorenkapital ab und verteuern zudem für etliche Staaten die Bedienung von Auslandsschulden auf Dollarbasis. Das wiederum ruft Spekulanten auf den Plan, die im großen Stil gegen die Länder wetten, was in der Folge die Ausstiegspanik anderer Investoren erhöht, die Angst vor der Pleite bekommen.

Brandbeschleuniger Türkei

In der Gemengelage wirken dann nationale Eitelkeiten als regelrechte Brandbeschleuniger. Während etwa Argentinien sich um Reformen bemüht und vom IWF genauso wie von den Vereinigten Staaten Finanzhilfen zugesagt bekommt, gibt sich der türkische Staatsführer Erdogan im Streit mit den USA stur und zieht sein Land immer mehr in die Abwärtsspirale. Nachdem zwischenzeitlich auch der Euro davon betroffen wurde, weckte die Krise des Schwellenlands Türkei die allgemeine Aufmerksamkeit auf die aktuelle Schwäche der Emerging Markets.

Bei der Frage, ob ein Herdentrieb einsetzt, der alles noch weiter in den Abgrund treibt, ist allerdings eine nüchterne Betrachtung gefragt. Da wäre an erster Stelle China. Das Land zeigt nicht zuletzt angesichts des Handelskriegs mit Trump ebenfalls Schwächen, doch die Regierung steuert aktiv dagegen. Peking setzt mit Krediten für die Infrastruktur und Exporteure Signale, die fürs kommende Jahr das prognostizierte Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 5,9 % auf 6,2 % erhöhen.

Das wiederum stützt beispielsweise den Index MSCI Emerging Markets, der als Basis für zahlreiche Schwellenländer ETFs dient. Ohne China hätte er aufs Jahr gesehen mehr als nur 4,7 % verloren. Doch abgesehen von den fundamental angeschlagenen Kandidaten wie die Türkei oder Argentinien stehen auch andere Schwellenländer in der Krise besser da als noch vor 10 Jahren oder davor. Viele haben einen tief greifenden Wandel hinter sich.

Gute Nachrichten beleben die Börse

Zum einen hat sich die Verschuldung deutlich verbessert. Zum anderen ist die Wirtschaft diversifizierter. Dazu tragen neue Internetfirmen bei. Die bekanntesten Aushängeschilder gibt es in China. Börsengiganten wie Tencent und andere bieten in Asien Alternativen zu Amazon, Facebook oder Google. Das sie vorwiegend in der eigenen Region aktiv sind, müssen sie zudem keine Trump’ schen Strafzölle befürchten.

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Das alles ist nicht mehr vergleichbar mit den Zeiten, als das Wohl und Weh der Schwellenländer rein von den Rohstoffpreisen abhing. Zu den guten Nachrichten gehört auch die Einigung zwischen den USA und Mexiko auf ein neues Handelsabkommen. Die Börsen haben schon mal positiv reagiert.

Und schlussendlich wird auch die Türkei die Weltwirtschaft nicht erschüttern. Dafür ist sie erstens mit einem Anteil von 1 % der Weltwirtschaft zu klein. Zweitens wurden inzwischen die Zinsen der Realität etwas angepasst. Drittens wird neben Katar und Russland auch die EU die politische Lücke im Streit mit den USA füllen. Und überhaupt ist die Auslandsverschuldung mit 60 % vom BIP erheblich geringer als beispielsweise die von Italien mit 130 %.

Im Ergebnis ist die Analyse der Schwellenländer-Krise weniger besorgniserregend als es den Anschein hat. Wer sicherheitshalber Indexfonds auf den MSCI Emerging Markets mit Investments auf den MSCI China ergänzt, sollte auf der sicheren Seite stehen und die Chance auf eine Erholung wahren. Jetzt vor lauter Panik auszusteigen, wäre sicherlich die schlechtere Wahl.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.