Siemens Aktie: im politischen Spannungsfeld

Die Siemens-Aktie reagiert kaum auf Joe Kaesers Schlingerkurs mit Saudi-Arabien. Die Aussicht auf ein neues Irak-Geschäft gibt etwas Auftrieb. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Politische Börsen, so heißt es, haben kurze Beine. Gerade bei langfristigen Geschäften wirken sich politische Störfaktoren mit kurzer Halbwertzeit oft nur spontan aus. So war es etwa für die Siemens-Aktie zunächst wenig entscheidend, ob Konzernchef Joe Kaeser nun zum Investorenkongress nach Saudi-Arabien gehen würde oder nicht. Doch sein Kommunikationsgebaren wirft einige Fragen auf.

Zusage, Absage…

In der allgemeinen Empörung über das Verhalten der saudischen Regierung im Fall des im Istanbuler Konsulat unter nebulösen Umständen getöteten Journalisten Khashoggi hatten kurz vor der Veranstaltung etliche Vertreter ihre Teilnahme abgesagt. Darunter die Chefs von Deutscher Bank, Credit Suisse, Mastercard oder Ford. Ebenso stornierten US-Finanzminister Mnuchin und die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Lagarde ihre Flüge.

Mit den unterschriftsreifen Vertragspapieren über Saudi-Arabien-Geschäfte mit einem Volumen von angeblich bis zu 20 Mrd. Euro in der Tasche hatte Siemens-Chef Joe Kaeser zunächst öffentlich verkündet, er halte an dem Treffen fest. Als sich ein medialer Sturm der Entrüstung anbahnte, machte er eine 180 Grad Wende und sagte ebenfalls ab.

Kaeser befand sich im Bermuda-Dreieck zwischen Geschäft, Moral und Reputation. Ob seine Entscheidung richtig war, ist Ansichtssache. Neutral betrachtet gab er dem öffentlichen Druck nach und kam einem Reputationsverlust zuvor. In Sachen Geldanlagen und Ethik sind viele Anleger sensibler geworden, der Norwegische Staatsfonds gilt verbreitet als Vorbild. Die Siemens-Aktie hat im Dax den zweithöchsten Börsenwert. Schon aufgrund seiner Bedeutung haben Entscheidungen des Konzerns neben einer wirtschaftlichen meist auch eine politische Komponente.

…und das Kalkül der Doppelbotschaft

Es ist davon auszugehen, dass Kaeser an seine potentiellen Vertragspartner gezielt zwei Botschaften vermittelt hat: Er stellt den Kraftwerks-Großauftrag in Saudi-Arabien genauso wenig infrage wie geplante Aufträge für das Neom-Projekt, der im Aufbau befindlichen Sonderwirtschaftszone am Roten Meer. Gleichzeitig beugt er sich eben dem Druck, der vermutlich auch aus dem Kanzleramt gekommen war. Auf die Art hält er die Tür weiterhin offen. Die Vertragsunterzeichnung dürfte damit nicht vom Tisch, sondern verschoben sein.

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Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Regierung in Riad ihre Kooperationspläne stornieren wird, zumal sie im Fall Khashoggi selbst von Seiten der USA unter Beschuss ist. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Kaeser sich erst opportunistisch aus dem Fenster lehnt, und später öffentlichkeitswirksam moralische Pluspunkte sammelt. So hatte er im Januar auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum Donald Trump zu seiner Steuerreform gratuliert und Investitionen in die Turbinen-Sparte in den USA verkündet. Dessen Strafzoll-Politik verurteilte er erst einige Wochen darauf.

Die USA sind auch diesmal wieder eine unberechenbare Größe, und zwar im Irak. Einerseits ist Siemens im Ringen um einen Auftrag zum Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Stromversorgung des Landes weitergekommen und konnte eine Absichtserklärung unterschreiben. Gleichzeitig wird der US-Rivale General Electric nach wie vor von Washington unterstützt. Trump will Bagdad bei einer Beteiligung des Konzerns Ärger im Zusammenhang mit Gaslieferungen aus dem boykottierten Iran ersparen. Die Sache ist also noch nicht in trockenen Tüchern. Am Ende könnte der Auftrag hälftig aufgeteilt werden. Dennoch reagierte die Siemens-Aktie mit einem leichten Plus.

Siemens-Aktie hängt am Erfolg der neuen Konzernstruktur

Aus Anlegersicht ist die Absichtserklärung mit dem Irak schon mal die halbe Miete. Und in Saudi-Arabien könnte notfalls der Neom-Koordinator und ehemalige Siemens-Chef Kleinfeld ein Wort einlegen. Langfristig muss sich vielmehr zeigen, ob die neue Konzernstruktur als Holding mit drei selbständigen Einheiten den intendierten Fortschritt bringt.

Die Gefahr: Mit der neuen Struktur verwässert Siemens seine Marke und vergibt Chancen, mit geballter Kompetenz neue Geschäfte zu entwickeln und Märkte zu bedienen. Das mag kurzfristig die Rendite erhöhen aber nicht, wie bisher, nachhaltig neue Früchte tragen. Unter Umständen ist damit die Grenze zu reiner Profitabilität mit schleichender Selbstauflösung überschritten.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.