Siemens-Radikalumbau: Optimierung oder Selbstauflösung?

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Inwieweit die Siemens-Aktie vom radikalen Konzernumbau profitieren wird, muss sich noch zeigen. Langfristig könnten Chancen vergeben werden. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Wer die Zeichen der Zeit verschläft, wird abgehängt. Größe allein ist keine Bestandsgarantie für Konzerne, vor allem wenn die Profitabilität leidet, weil sie als Dickschiffe nicht mehr wendig genug sind, um sich an rasch ändernde Marktbedingungen abzupassen. Deshalb treibt Siemens seinen Konzernumbau voran, der alte Rivale General Electric indes denkt erst jetzt darüber nach.

Siemens-Aktie im Spiegel der Umstrukturierung

Während sich die Siemens-Aktie vor gut zwei Jahren aus ihren Tiefen erhob und um rund ein Drittel zulegte, stürzte kurz darauf das Papier von General Electric aus historischen Höhen ins Bodenlose und ist nur noch ein Drittel wert. Dieser Tage verschwand die Traditionsaktie sogar aus dem Dow Jones.

Die Bereitschaft zur strategischen Transformation lässt sich eben auch an den Aktienkursen ablesen. „Die Deutschen zeigen den Amerikanern, wo es lang geht“, titelte die US-Finanzpresse. Siemens habe sich zeitig vom Selbstverständnis eines Industriekonglomerats verabschiedet, hieß es, verbunden mit der Forderung an GE nach einem ganz radikalen Wandel: einer Holding Struktur.

Mit dieser Zielrichtung verkündete nun Anfang August Siemens Chef Joe Kaeser den Auftakt zum nächsten Akt im Radikalumbau. Doch statt anzuziehen, gab die Siemens-Aktie bis zu 3 % nach. Hauptgrund waren allerdings die gleichzeitig präsentierten jüngsten Geschäftszahlen. Bei gefallenen Umsätzen hat der Konzern im dritten Quartal (Das Geschäftsjahr 2017/18 endet im September) zwar operativ mehr verdient, doch unterm Strich ist der Gewinn gefallen: im Vorjahresvergleich um 14 %.

Drei Säulen und drei Beiboote

Mit Blick aufs Gesamtjahr aber soll der Gewinn pro Siemens-Aktie mit bis zu 8 Euro gut 10 % über dem Vorjahreswert liegen. Die operative Marge soll mittelfristig von 13 % auf 14 % steigen und der Umsatz pro Jahr um rund 5 %. Insgesamt also eher gute Nachrichten, zumal die Dividendenrendite von derzeit schon erfreulichen 3,46 % auf 3,6 % steigen dürfte. Auch ist der Gewinnrückgang vorwiegend auf Wahrungs- und Steuereffekte zurückzuführen. Der Kursrücksetzer der Siemens Aktie lässt sich wohl zum großen Teil mit Gewinnmitnahmen erklären.

Eine gute Gelegenheit also, einzusteigen? Langfristig kommt es darauf an, ob der Konzernumbau die erhofften Früchte tragen wird. Das ganze Projekt nennt sich „Vision 2020+“ und setzt auf mehr Selbständigkeit einzelner Unternehmensbereiche. Schlankere Strukturen und kurze Wege sollen die Profitabilität erhöhen.

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Die Münchner Zentrale wird verkleinert und die Führung auf drei gleich große Säulen verteilt: Energie- und Gas mit Sitz in Houston, Florida (71.000 Mitarbeiter / 21 Mrd. Euro Umsatz), Intelligente Infrastruktur mit Sitz im Schweizer Zug (71.000 Mitarbeiter / 14 Mrd. Umsatz) und Digitale Industrie mit Sitz in Nürnberg (78.000 Mitarbeiter / 14 Mrd. Umsatz).

Die Marke Siemens verschwindet

Damit verbleibt die „Digitale Fabrik“ in Deutschland, die allerdings schon jetzt die höchsten Steigerungsraten und Margen liefert. Die Medizintechnik Healthineers wurde bereits ausgegliedert, ebenso die Windsparte Gamesa, und die Zugsparte soll mit Alstom an die Pariser Börse kommen.

Das sind die drei „Beiboote im Siemens-Flottenverband“, wie Kaeser sagt. Kaufen will er für 600 Mio. US-Dollar das US-Softwarehaus Mendix, ein Spezialist für Apps und Kooperationspartner von SAP.

Unterm Strich wird Siemens somit ab Oktober in eine Holdingstruktur mit Beteiligungen an den ausgegliederten Bereich verwandelt. Und dass Ausgliederungen erfolgreich sein können, zeigt nicht zuletzt Infineon. Was auf jeden Fall positiv ist: Aggressive Hedgefonds haben an derart filetierten Unternehmen wenig Interesse.

Andererseits: Noch vor fünf Jahren wollte Kaeser umgekehrt Komplexität aus den einzelnen Geschäften herausnehmen und die Konzernaufgaben stärken. Die Digitalisierung würde zudem das bisherige Gefüge unter einem zentralen Dach erheblich vereinfachen. Mit der neuen Struktur indes verwässert Siemens seine Marke und vergibt Chancen, mit geballter Kompetenz neue Geschäfte zu entwickeln und Märkte zu bedienen. Das mag kurzfristig die Rendite drücken aber, wie bisher, nachhaltig neue Früchte tragen.

Nicht auszuschließen, dass damit die Grenze zu reiner Profitabilität mit langfristiger Selbstauflösung überschritten ist. Irgendwann mag sich selbst ein Anleger fragen, was oder wer denn Siemens überhaupt noch ist.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.