Relative Stärke und Momentum: Bedeutung und Anwendung

Wenn Sie Börsen-Berichte und Einschätzungen zu Aktien lesen, finden Sie dort immer wieder den Begriff „Relative Stärke“. Doch was ist […] (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Wenn Sie Börsen-Berichte und Einschätzungen zu Aktien lesen, finden Sie dort immer wieder den Begriff „Relative Stärke“. Doch was ist damit gemeint?

Vereinfacht gesagt, entwickelt sich eine Aktie, die relative Stärke zeigt, besser als der Gesamtmarkt. Doch dahinter steckt noch weit mehr:

Verschiedene Relative-Stärke-Konzepte

Genau genommen, können mit dem Begriff „Relative Stärke“ unterschiedliche Ansätze gemeint sein. So finden Sie in Charts häufig den von Welles Wilder entwickelten Relative-Stärke-Index (RSI) eingeblendet.

Dies ist ein technischer Indikator, der sich zwischen 0 und 100% bewegt. Der RSI zeigt an, ob eine Aktie über- oder überverkauft ist, eignet sich aber eher schlecht zur Generierung von Kauf- und Verkaufs-Signalen.

Ein weiteres Konzept der relativen Stärke funktioniert folgendermaßen: Sie teilen den Kurs einer Aktie durch den Index-Stand. Tun Sie dies regelmäßig, können Sie im Laufe der Zeit erkennen, wie sich die betreffende Aktie im Verhältnis zum Index entwickelt.

Steigt der berechnete Relative-Stärke-Wert im Zeitverlauf, entwickelt sich der Titel besser als der Index. Tendiert der Wert nach unten, ist die Aktie eher schwach.

Dieser Ansatz ist zwar durchaus interessant, für Anleger, die nicht über eine professionelle Chart-Software verfügen, aber schwierig umzusetzen.

Bewährtes Konzept: Die Relative Stärke nach Levy

Das dritte – meines Erachtens interessanteste – Konzept ist die Relative Stärke nach Levy (RSL). Der Amerikaner Robert Levy stellte seinen Ansatz bereits 1967 vor.  Er basiert auf der Annahme, dass eine überdurchschnittliche Entwicklung auch künftig andauert; also, dass sich ein bestehender Trend fortsetzt.

Weil sein Ansatz deutlich bessere Ergebnisse als der Gesamtmarkt brachte, sorgte Levy seinerzeit für Furore in der Finanz-Branche. Und tatsächlich funktioniert der Ansatz auch heute noch.

Vor dem Hintergrund, dass nachhaltige Trends oft lange andauern, ist die Relative Stärke nach Levy für Sie als Anleger eine gute Möglichkeit, besonders trendstarke Aktien zu finden.

So wird die Relative Stärke nach Levy berechnet

Berechnen können Sie die Relative Stärke nach Levy, indem Sie den aktuellen Aktienkurs durch den durchschnittlichen Schlusskurs der vorangegangen Wochen teilen. Levy zog dazu den Durchschnitt der vergangenen 27 Wochen heran. Je nach Anlage-Horizont lässt sich der Betrachtungs-Zeitraum jedoch variieren.

Wer langfristiger orientiert ist, kann beispielsweise den aktuellen Kurs durch den Durchschnitt der Schlusskurse der vergangenen 12 Monate teilen.

Wenn Sie diese Berechnung durchführen, erhalten Sie als Ergebnis die relative Stärke einer Aktie, die grob um 1 pendelt. Liegt der Wert über 1, ist eine Aktie relativ stark. Liegt der RSL unter 1, ist sie tendenziell schwach.

Aus den Relative-Stärke-Kennzahlen aller Index-Werte – beispielsweise der 30 DAX-Titel – wird im nächsten Schritt eine Rangliste erstellt.

Das zur Verfügung stehende Kapital wird dann in die sechs Aktien mit der höchsten relativen Stärke zu gleichen Teilen investiert. Nach sechs Monaten wird die Auswahl überprüft und die Werte, die nicht mehr zu den Top Sechs der Rangliste zählen, werden ausgetauscht.

Gutes Hilfsmittel zur Aktien-Auswahl

Für Sie als Anleger kann das Konzept von Levy ein gutes Hilfsmittel sein. Allerdings sind Anleger, die der Strategie von Levy folgen, immer voll investiert. Somit lassen sich auch mit dieser Strategie in ausgeprägten Abwärtstrends deutliche Rückschläge nicht vermeiden.

Andererseits setzen Sie, wenn Sie sich bei der Aktien-Auswahl auf die Werte konzentrieren, die einen RSL über 1 aufweisen, automatisch auf starke Papiere mit einem intakten Aufwärtstrend, die Ihnen überdurchschnittlich gute Gewinn-Chancen bieten. So ist gewährleistet, dass Anleger automatisch immer in den stärksten Aktien eines Index investiert sind.

Die Relative Stärke nach Levy ist in vielen Chart-Tools, die Sie im Internet finden, enthalten. So können Sie sich selbst auf die Suche nach aussichtsreichen Aktien machen.

Momentum vs. Relative Stärke – Unterschiedliche Aussagen

Sowohl der Begriff ‘Momentum’ als auch ‘Relative Stärke’ wird wohl allen Anlegern bekannt vorkommen.

Beide bezeichnen wichtige Kursindikatoren und sind zudem mit einer jeweils speziellen Anlage- bzw. Chart-Strategie verbunden.

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Aufgrund der Ähnlichkeit der Aussagen, die jeweils gemacht werden können, kommen die Begriffe doch des Öfteren durcheinander.

Wir erklären nochmal Schritt für Schritt den Unterschied zwischen Momentum und Relativer Stärke.

Das Momentum als Ausdruck von Kraftschüben

Beginnen wir mit einer ganz kurzen Zusammenfassung der Aussagekraft des jeweiligen Wirtschafts-Begriffs.

Was genau wird nochmal als Momentum bezeichnet? Das Momentum ist eine wichtige Kennzahl der technischen Analyse.

Es gibt Aufschluss über Tempo und Kraft von Kursbewegungen sowie über Trendumkehrungen.

Kurse, die einen Schub nach oben erhalten, steigen in aller Regel weiter an.Je öfter Aktien eine n solchen Schub erhalten, desto weiter werden sie im Kurs nach oben getragen.

Um das Momentum einer Aktie zu ermitteln, wird jeden Tag die Differenz zwischen dem aktuellen Kurs und einem Kurs in der Vergangenheit , beispielsweise vor 30 Tagen, berechnet und fortgeschrieben.

Als Ergebnis erhalten Sie eine Oszillator-Grafik mit Ausschlägen, die um die Nulllinie herum pendeln.

Die Momentumskurve kann wie ein Chart analysiert werden.

Wendepunkte im unteren Bereich der Kurve können als Kauf-, Wendepunkte im oberen Bereich können als Verkaufsignale gewertet werden.

Für diese Auswertung wählen Charttechniker in der Regel eine Einstellung von 20 Tagen.

Mehr dazu:

Momentum Strategie: So funktioniert’s Teil 1

Momentum Strategie: So funktioniert’s Teil 2

Unterschied zwischen Momentum und Relativer Stärke

Allgemein lässt sich also festhalten, dass beide Indikatoren wichtige Instrumente zur Chartanalyse und damit für Ihre Investitionsentscheidungen darstellen.

Das Momentum gibt dabei einen Indexwert an, der auf dem Vergleich der Handelsschlusswerte einer bestimmten Aktie über einen gewissen Zeitraum hinweg basiert.

Die Relative Stärke gibt dagegen ein Verhältnis zwischen einem Aktienkurs und dem allgemeinen markttechnischen Durchschnittswert an.

Beide Instrumente können also dazu dienen, Trends zu analysieren.

Oftmals gilt die Momentum-Analyse als feiner und damit genauer als die Trendanalyse anhand der Relativen Stärke.

Doch welches System man bevorzugt, ist prinzipiell jedem Anleger selbst überlassen, denn beide haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile.

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Von: Michael Kelnberger. Über den Autor

Chefanalyst Michael Kelnberger ist der Experte für Aktien. Er setzt auf nachweislich erfolgreiche Anlage-Strategien: Die Trend-Strategie im Dienst Volltreffer Aktien und die mechanische Handlungsstrategie im Ranglisten Investor. So erzielt er für seine Leser beider Dienste stets überdurchschnittliche Renditen. Profitieren auch Sie von seinem Know-How.