Spitzensteuersatz: Ab wie viel Einkommen muss Reichensteuer gezahlt werden?

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Steigendes Einkommen bedeutet auch eine veränderte Besteuerung. Doch ab welchem Einkommen wird der Spitzensteuersatz fällig? (Foto: PeJo / Shutterstock.com)


Das Wichtigste zum Spitzensteuersatz:

Definition: Oberster Grenzsteuersatz in der deutschen Steuerprogression

Spitzensteuersatz 2019: 42 % in der Zone 55.961 € bis 265.327 €

Reichensteuer 2019: 45 % ab einem Einkommen von 265.328 €

Grundfreibetrag 2019: 9.168 €

Politik: Erhöhung oder Senkung des Spitzensteuersatzes Dauerthema in der politischen Debatte

Kritik: Leistung soll sich lohnen & nicht zu stark besteuert werden

Gegenargument: Tatsächliche Besteuerung fällt niedriger aus als Steuerzahler denken


Spitzensteuersatz Definition: Was ist der Spitzensteuersatz in Deutschland?

Wenn man in Deutschland über dem Steuerfreibetrag verdient, ist dieEinkommensteuer zu zahlen. Dabei gilt für Steuerpflichtige es ein progressives Steuersystem, d. h. je mehr man verdient, umso höher ist der Steuersatz und damit die gezahlte Steuer.

Die berücksichtigten Einkommen beinhalten neben dem monatlichen Gehalt auch Renteneinkünfte, Kapitalerträge oder Mieteinnahmen. Da der Steuersatz progressiv zum Einkommen steigt, werden vor allem die Besserverdienenden zur Kasse gebeten. Sie zahlen mit 42 % den Spitzensteuersatz. Dieser ist ab einer Grenze von 55.961 € für Singles bzw. 107.332 € für Ehepaare zu zahlen. Für Ehepaare ergeben sich dadurch möglicherweise Steuererleichterungen, v.a. wenn die Einkommen der Ehepartner weit auseinanderliegen.

Der Spitzensteuersatz ist im progressiven Steuersystem gleichzeitig der oberste Grenzsteuersatz. Besonders gutverdienende Personen zahlen noch mal 3 % mehr. Jahreseinkommen über brutto 260.533 € für Singles bzw. 521.066 € für Ehepaare werden mit der Reichensteuer“, d. h. 45 %, besteuert.

Viele Steuerpflichtige machen allerdings den Fehler, das zu versteuernde Einkommen mit dem Bruttoeinkommen gleichzusetzen. Denn aufgrund verschiedener Aufwendungen, die man steuerlich absetzen darf, fällt die durchschnittliche Besteuerung tatsächlich geringer aus. Das bedeutet, dass der Spitzensteuersatz in der Praxis seltener fällig wird, als angenommen. Ein Bruttoeinkommen von beispielsweise 60.000 € bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Spitzensteuersatz bezahlt werden muss.

Wenn der Steuerzahler verschiedene Ausgaben und Freibeträge auf legalem Weg geltend macht, kann das zu versteuernde Einkommen deutlich unter dem Bruttoeinkommen liegen. In solch einem Fall fällt die Steuerhöhe dementsprechend niedriger aus.

Die Entwicklung des Spitzensteuersatzes in Deutschland

Der Spitzensteuersatz wurde im Zeitverlauf öfter gesenkt und angepasst.

Zeitverlauf des Spitzensteuersatzes:

  • In den 80er-Jahren lag der Wert noch bei 56 %.
  • Im Laufe der 90er-Jahre wurde er auf53 % gesenkt.
  • Im Jahr 2000 setzte man den Satz auf 51 % herab.
  • Daraufhin erfolgte eine erneute Senkung im Jahr 2001 auf 48,5 %.
  • Zuletzt wurde eine Herabsetzung des Spitzensteuersatzes von 45 % im Jahr 2004 auf aktuell 42 % beschlossen. Diese sind seit dem Jahr 2005 zu zahlen.

Gleichzeitig wurden neben den Steuersätzen die Einkommensgrenzen neu verhandelt und teilweise angepasst, ab denen die Spitzensteuer greift.

Im Jahr 1999 musste ein alleinstehender Steuerzahler ab einem zu versteuernden Einkommen von 120.042 DM den Spitzensteuersatz zahlen. Im Jahr 2001 hatte sich diese Grenze im Zuge der Herabsetzung des Satzes auf 107.568 DM reduziert.

In Anlehnung an die Währungsumstellung betrug die Höhe des zu versteuernden Einkommens im Jahr 2002 noch 55.008 €.

Umverteilung & die Reichensteuer: Debatte um Spitzensteuersatz & Reichensteuer

Zusammen mit der Steuerbelastung fällt der Begriff Umverteilung“. Es ist ein Dauerthema in der Politik und Hauptargument der Befürworter einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes.

In den letzten 50 Jahren sank in Deutschland der Spitzensteuersatz von mehr als 50 % auf 42 %. Es ist zu berücksichtigen, dass in der Vergangenheit die Spitzensteuer bei einem viel höheren Durchschnittseinkommen galt, als es heute der Fall ist. Die Spitzensteuer zahlten in der Vergangenheit wenige Großverdiener.

Bei der Anpassung des Steuersatzes wurden Punkte wie Inflation und Wirtschaftswachstum nicht genügend berücksichtigt. So greift die Spitzensteuer heute bei einem Einkommen von 55.961 €. Früher lag dieser Wert bei umgerechnet etwa 60.000 €.

Einführung der Reichensteuer

Seit Jahresbeginn 2007 gibt es für Steuerpflichtige über den Spitzensteuersatz hinaus die Tarifzone IV. Umgangssprachlich wird diese Progressionszone als „Reichensteuer” betitelt, da in den meisten Fällen überdurchschnittlich gut verdienende Menschen von dieser betroffen sind.

Bei zu versteuernden Jahreseinkommen von über 265.327 € bei Alleinstehenden liegt der Steuersatz bei 45 %. Für Ehepaare gilt die doppelte Betragsgrenze. Seit dem 1. Januar 2011 entfällt für diesen Personenkreis zusätzlich das Elterngeld.

Die Steuer wurde im Koalitionsvertrag vom 11. November 2005 zwischen CDU, CSU und SPD vereinbart. Sie löste heftige Debatten in der Politik und der Gesellschaft aus. Es gibt Kritiker als auch Befürworter der Reichensteuer. Die einen begrüßen sie als ausgleichende Gerechtigkeit, die anderen empfinden sie als unfair und kontraproduktiv.

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Steuerprogression: Als Grafik in Tabellen dargestelltJe höher das Einkommen, desto mehr Steuern sind zu zahlen. Die Steuerprogressions-Tabelle zeigt genau, ab welchem Einkommen welche Prozentsätze greifen.  › mehr lesen

Spitzensteuersatz nur für Großverdiener?

Wie erwähnt, trifft die Spitzensteuer heute viele Topverdiener. Eine breitere Masse fällt in diesen Einkommensbereich. Dabei verdienen die Bürger relativ gesehen nicht viel mehr als in der Vergangenheit.

Vor 50 Jahren war der Spitzensteuersatz ab einem Einkommen fällig, welches rund 20-mal höher als das Durchschnittseinkommen war. In der Gegenwart ist das nicht der Fall. Bereits ein gut ausgebildeter Facharbeiter kann vom höchsten Grenzsteuersatz betroffen sein und muss entsprechende Spitzensteuer zahlen.

Jedoch wird ein Einkommen, das über der Bemessungsgrenze zum Spitzensteuersatz liegt, nicht automatisch mit dem Spitzensteuersatz besteuert. Zahlreiche Abzüge und Freibeträge können noch vom Bruttoeinkommen abgezogen werden und bewirken oftmals, dass das zu versteuernde Einkommen faktisch nicht mit dem Spitzensteuersatz belastet wird.

Streitthema Spitzensteuersatz: Drei Fehler in der Debatte

Bereits normalverdienende Steuerpflichtige zahlen in Deutschland den Spitzensteuersatz, lautet der Vorwurf vieler Kritiker. Doch wenn man sich die Rechnung genauer ansieht, sieht die Sache etwas anders aus.

Das ständige Streitthema der Politik ist seit der Forderung von Finanzminister Olaf Scholz nach einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 45 % wieder entbrannt. Ständig wird über den Sinn einer zusätzlichen Steuerbelastung von Besserverdienenden debattiert.

Allerdings lassen sich bei der Diskussion drei Mythen auflösen:

Mythos 1: Millionen Deutsche zahlen den Spitzensteuersatz

Laut dem Bundesfinanzministerium habenim Jahr 2018 2,9 Millionen Deutsche den Spitzensteuersatz bezahlt. Daraus darf man nicht ableiten, dass all diese Menschen tatsächlich 42 % ihres Einkommens abgegeben haben.

Der Spitzensteuersatz wird nicht wie angenommen auf das gesamte Einkommen, sondern auf den Teil, der den Grenzwert überschreitet, gezahlt.

Zudem wird der Spitzensteuersatz nicht auf das Bruttoeinkommen gezahlt. Das besteuerbare Einkommen erhält man nach Abzug von diversen Aufwänden, die der Steuerzahler absetzen darf. Hierzu zählen z. B. Aufwendungen für die Altersvorsorge.

Das bedeutet, dass der Spitzensteuersatz in der Praxis erst bei viel höheren Bruttoeinkommen fällig wird.

Mythos 2: Ein hoher Spitzensteuersatz ist nachteilig für die Wirtschaft

Hinter diesem Argument steht die Annahme, dass sich bei einer zu hohen Steuerbelastung Leistung nicht mehr lohnt.

Die Menschen arbeiten als Folge weniger und potenzielle Unternehmer sind seltener bereit das Risiko einer eigenen Betriebsgründung einzugehen. Insgesamt sinkt die Produktivität des Landes.

Dieses Argument hat sowohl Unterstützer als auch Kritiker. Bis zu einem bestimmten Punkt wird es auch richtig sein. Aber ob die Produktivität bereits bei einem Steuersatz von 42 % abnimmt, ist fraglich und nicht pauschal zu beantworten.

Ein Blick in die Nachbarländer zeigt keine Nachteile

Ein Vergleich mit Nachbarländern wie Schweden oder Dänemark, deren Spitzensteuersätze jenseits der 50 % liegen, zeigt, dass kein Produktivitätsrückgang zu erwarten ist. Tatsächlich gilt die Lebensqualität im nördlichen Europa als sehr gut und die Menschen zählen zu den glücklichsten Personen überhaupt. Auch die Niederlande und Österreich haben Steuersätze über 50 % etabliert und beklagen keine Produktivitätseinbußen.

Weltweit betrachtet, erstaunt es zu erfahren, dass selbst China mit etwa 45 % einen höheren Steuersatz fordert – und trotzdem eine stark wachsende Volkswirtschaft unterhält. Die USA hingegen, die aktuell größte Volkswirtschaft der Welt, strauchelt Richtung Rezession. Und das trotz eines geringen Steuersatzes in Höhe von 35 %.

Mythos 3: Der Staat hat schon zu hohe Steuereinnahmen

Schätzungen zufolge wird der Staatim Jahr 2019 Steuern in Höhe von 804 Milliarden Euro aus Bund, Ländern und Gemeinde einnehmen. Dies ist ein Rekord und scheint zunächst die Theorie vom gierigen Staat zu bestätigen.

Allerdings sollte man die Steuereinnahmen nicht aus dem ökonomischen Zusammenhang reißen. Mit den Einnahmen sind auch die zu bewältigenden Aufgaben des Staates gewachsen.

Es gibt heute mehr Betriebe und mehr Infrastruktur als vor einigen Jahrzehnten. Die Preise und der Lebensstandard der Bürger sind gestiegen. Daher bezieht man die Staatsausgaben auf das Bruttoinlandsprodukt. Das Ergebnis ist die Staatsausgabenquote. Diese ist in den letzten Jahren gefallen.

Im europäischen Vergleich ist die deutsche Quote unauffällig. Während sie beispielsweise in Österreich 50,3 % beträgt, liegt der Wert in Deutschland mit 48,05 % knapp darunter.

Fazit: Spitzensteuersatz bleibt Dauerthema

Wenn dieBundestagswahlen nahen, wird alle Jahre wieder der Einkommensteuer-Spitzensteuersatz ein Thema. Alle Parteien versuchen dann mit ihrer eigenenSteuerpolitik sich in dieser Debatte zu profilieren. Der Spitzensteuersatz in der Einkommensteuer ist eine komplizierte Angelegenheit. An dieser können die Wähler den Standpunkt einer Partei ablesen.

Alle Parteien versprechen milliardenschwere Steuersenkungen. Der Unterschied liegt darin, wer davon profitieren soll. Gemeinsam ist allen Parteien, dass sie vor allem die kleineren und mittleren Einkommen entlasten wollen.

Die Linke, SPD und Grünen wollen dies mit der Anhebung des Spitzensteuersatzes finanzieren. Zudem soll eine Vermögensteuer eingeführt werden. Der Spitzensteuersatz soll auf 49 % angehoben werden. Die Linke fordert entsprechend ihres sozialen Selbstverständnisses eine Erhöhung auf 50 %. Mit diesen Forderungen sollen die Wähler davon überzeugt werden, dass alle Schichten der Gesellschaft sich an den Kosten des Gemeinwesens beteiligen.

Das lehnen die Union und die FDP ab. Angesichts der aktuellen schwierigen wirtschaftlichen Lage ist mittlerweile keine Partei außer der FDP mehr dazu bereit, den Einkommensteuer- Spitzensteuersatz zu senken. Annegret Kramp-Karrenbauer überraschte die Parteien mit der Forderung, den Spitzensteuersatz auf 53 % anzuheben.

Die Parteien nutzen das Thema Spitzensteuersatz nicht nur, um sich zu profilieren. Hinter dem Plan einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes stehen realefinanzpolitische Ambitionen: dieSanierung des Staatshaushaltes. Die Erhöhung des Steuersatzes würde dringend benötigte Milliarden in die Staatskassen spülen.

Aktuell machen die Einkommensteuereinnahmen von 10 % der Bevölkerung rund 50 % des Steueraufkommens aus. Die Hälfte der besserverdienenden Steuerpflichtigen zahlen ein Drittel des Aufkommens. Bereits die Erhöhung eines Prozentpunktes würde einen förderlichen Effekt für die Staatsfinanzen bedeuten.


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.